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Aber jetzt noch war sie so bleich und so schwach daß sie sogar den Tank für ihre beiden Helfer vergaß; mit dem letzten Aufgebot von Kraft bemächtigte sie sich des Bauers und umschlang es wieder mit ihren Armen.
So war die Fahrt verlaufen unter Sturm und Regen und grollender Botschaft von Auge zu Auge. Nrm hatte das freundliche „Hotel Gigola" die Reisegenossen ausgenommen, aber auch nach der Landung war der Regen so dicht und so hastig gefallen, daß Nauchmann den Weg zuni Gasthaus, fest in seinen Mantel gewickelt, ohne umherzublicken, zurückgelegt hatte. Seine üble Laune war unter diesen Umständen noch gestiegen, und er hatte die größte Lust, baldigst wieder abzureisen. Er packte nur das Allernotivendigste aus, kleidete sich um und ging dann i« seinem Zimmer auf und nieder, dessen behagliche Einfachheit er dürftig, und frostig schalt. Ihn fror. Ein gelblich-roter Donofen stand in der Ecke, doch brannte kein Feuer darin, und das Reisethermometer, das den Sänger stets begleitete, zeigte nur elf Grad. Tas also Ivar Italien, das gelobte Land mit dem ewigen Sonnenschein und dem ewig blauen Himmel, — pfui Teufel!
Tie Glocke, die unten irgendwo zum Mendessen läutete und draußen auf dem Korridor au der elektrischen Klingel ein Echo sand, weckte Rauchmann aus seinem ärgerlichen Sinnen. Jetzt erst siel ihm ein, daß er vergessen hatte, der Wirtin oder der Kellnerin zu sagen, er wünschte nicht, neben den beiden mit ihm angekomnrenen Damen zu sitzen. In der sicheren Erwartung, daß ihm das Schicksal auch noch die,en Possen spielen würde, trat er aus dem Zimmer und sah gerade die Generalin mit ihrer Tochter die Treppe nieder steigen. Er hatte Zeit, sie zu betrachteu; denn die tvolpbeleibte Dame mußte Stufe für Stufe einzeln nehmen und bewegte sich so sehr langsam vorwärts. Edith ging gelassen und geduldig hinter ihr; sie tat, als bemerkte sie Rauchmanus Nähe nicht, der um die halbe Treppenhöhe hinter den beiden zurüciblieb. Widerwillig mußte er sich gestehen, daß des Mädchens hohe Gestalt, jetzt ohne Mantel, rn dem braunen, sest anliegenden Reisekleid noch stolzer und vornehmer wirkte als unterwegs.
Tie Tafel im Speisezimmer war schon stark besetzt; alle Leute schienen hier mit gutem Appetit sich pünklich zum Essen einzustellen. Ter Sänger mußte sich für heute mit dem Platze bescheiden, der ihui angewiesen wurde. Wie er vermutet hatte, war er nahe bei den Damen, zu seiner Freude jedoch nicht unniittelbar an ihrer Seite. Tie alte Jungfer saß zwischen ihnen; sie hatte den äußern Eckplatz am Mitteltisch der hufeisenförmigen Tafel, an der Ecke der Langseite die Generalin, daneben Edith. So waren zwei Plätze zwischen Rauchmann und ihr, doch hob die Ecke diesen Vorteil wieder auf. In der Diagonale war die Entfernung nur gering, und auch hier wieder mußten sich dre Blicke der beiden begegnen, so kalt und fremd wie während der Fahrt, aber ebenso oft.
Rauchmanns Nachbarin, die unterwegs mit niemand geredet hatte, wurde jetzt, da sie festen Boden unter den Füßen spürte, gesprächig. Sie hatte einen Stockschnupfen, sprach aber ziemlich laut iit ihrem sächsischen Tonfall.
„Ich muß dem Herrn und der Tanie noch danken", sagte sie, indem sie mit einen: Blick und einer Bewegung des Zopfes zwischen Wotan und Edith eine Verbindung schuf, „daß Sie mir auf dem Schiffe meinen Polly abge- nonnnen haben. Ich hatte mich nämlich so um ihn geängstigt, und da wurde tcb selbst, — wir können nämlich veioe das Fahren nicht vertragen."
,bü$te' die Papageien wären das Schaukeln ge- woynt sagte Rauchmann mit seinem spöttischen Zucken des Schnurrbartes.
, „Ja, es war schauerlich, wirklich schauerlich", gab die Besitzerin des,Vogels zur Antwort.
Wotan blickte sie fragend an; ihre Entgegnung paßte sehr wenig auf das, was er gesagt hatte.
, ',2-vß die Papageien das Schaukeln vertragen könnten, meinte icy", wiederholte er ein wenig lauter.
„$te Papageien? Ach nee, das fressen sie nich gerne."
Tas Erstaunen m seinen Augen wuchs. War die Zitronendame so hatte er sie in seinem Innern getauft -- gestört, oder konnte sie nicht hören? Er machte die Probe, indem er seine Ansicht über die Eigenschaften des Vogelgeschlechts, zu denen Polly gehörte, zum drittenmal äußerte, diesmal mit sehr lauter Stimme. Tie ganze Gesell,chas: horchte ans, und jetzt hatte auch seine Nach
barin ihn verstanden, sie war gekränkt, der Ausdruck nach saurer Zitrone in ihren Zügen verstärkte sich.
„Nee, mein Polly verträgt es nich", sagte sie, gleichfalls mit erhobener Stimme. „Sie brauchen übrigens Ihre runge nich so anzustrengen, wenn Sie mit mir sprechen. M höre nämlich ganz gut - das heißt, ich habe diesen Winter die Influenza gehabt, und das hat sich mir ein wenig aufs Ohr geworfen. Aber das ist nicht schlimm, darum wäre ich nich hergekommen. Wenn nur der Kork nicht wäre!"
„Ter Kork?"
Sie hörte Rauchmamis Frage wohl nicht, aber sie war nach Art nervöser Menschen so froh, über ihr Leiden sprechen zu köimen, daß sie unaufgefordert eine weitere Erklärung gab, und dabei auch die kleine Beleidigung vergaß, die der Sänger ihr durch sein lautes Reden zugefügt hatte.
„Ich habe näuilich ’nen Kork im Halse. Tas is auch von der Influenza zurückgeblieben. Wenn es ganz gut i§, dann is er so groß wie von ’nem Gau de Colo gurgln; e. Meistens aber is er größer, so wie der Kork von 'ner Weinfla;che. Und wenn ich mich ärgere, dann wird es ganz schlimm, dann is er nämlich so dick, wie ein Champagnerpfropfen, und ich meene immer, ich müßte ersticken."
Ter Sänger war im Begriff, ein paar teilnehmende Worte zu der Zitronendame zu sprechen, als eine neue Stimme an seiner linken Seite ertönte. Tort saß ein alter Herr mit schlechter Haltung, mit vielen Falten im gelblichen Gesicht und einem weißen, kurzen, struppigen Vollbart. Er sprach langsam, mit der unreinen Vokali- sation der Hannoveraner. Ungeniert redete er sehr laut an dem Sänger vorbei.
„Da können Sie noch von Glück sagen, Fräulein. Die Influenza, die hat, wahrhaftigen Gott! der Satan erfunden. Ich habe sic auch gehabt, drei Monate lang. Tie Krankheit selbst, die is ja man leicht, aber was nach- kommt! So'n Prvppen im Halse, da kann man noch nichts von sagen. Aber ich, — wissen Sie, ich habe ’ne Billardkugel in der Kehle."
„Eine Billardkugel?" Rauchmanns Nachbarin reckte den Hals, um ihren Konkurrenten im Leiden genauer zu sehen. Es schien ihr halb tröstlich, halb ehrenrührig zu sein, baß jemanb einen größeren Gegenstand in der Kehle zu haben meinte als sie selbst.
„Jawohl, ’ne Billardkugel", fuhr der alte Herr fort. „Au Große da bleibt sie sich gleich, aber bei schlechtem Wetter, da wird sie rot, un denn drückt sie mehr, bei Sonnenschein, da is sie weiß, un denn is es man halb so schlimm."
Tie beiden unterhielten sich über ihre Kalamitäten sehr lebhaft, bis der erste Gang der Wendmahlzeit vorüber war; bann zog ber Herr mit ber Billardkugel das Facit: „Wir sind hier ’ne ganze Menge Nervöse. Beim einen hat's den Grund, beim andern den. Wir tun alle ganz gesund, aber so schlimm is es auch nich damit, ’n kleinen Knacks hat hier jeder, das is man einmal wahr."
Tie laut gesprochenen Worte wirkten verstimmend auf die Tafelrunde. Im Stillen war sich ein jeder seines „Knackses" bewußt, mochte er nun in der Kehle, der Brust, dem Herzen oder den Nerven stecken, aber niemand hörte gern davon reden. So entstand ein bedenkliches Schweigen, und in diesem Schweigen tönte das geräuschvolle Oesfnen . der Tür zum Treppenhause doppelt laut. Mit allen übrigen zugleich richteten auch Edith und Rauchmann ihre Blicke dorthin und sahen eine seltsame Gestalt erscheinen. Es war ein junger, ziemlich großer Mann von vielleicht sünfundzwanzig Jahren, an dem alles schwarz war bis auf das Gesicht, die Hände und die sehr sparsam verwandte Wäsche. Tie langen, schwarzen, ungelockten und stark pomadisierten Haare waren nach hinten zurück- gestrichen, dann aber zum Teil wieder hervorgeholt, um eine geniale Wildnis zu bilden. Man sah das, als er die schwarzseidene Reifemütze abnahm, die er beim Eintritt in den Speisesaal noch getragen hatte. Tie Hauptstücke des Anzugs waren ein Gehrock von mächtiger Länge, ber bis fast zur Hälfte der Waden reichte, und eine riesenhafte Kravakte aus schwarzem Sammet, die — mit Ausnahme des wohl zehn Zentimeter hohen Kragens — das ganje Weiß des Hemdes verdeckte. Schwarz waren auch,


