Ausgabe 
12.12.1903
 
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Niemand sprach mehr. Tie Generalin suchte vergeblich nach erklärenden uud entschuldigenden Worten und fragte sich zugleich im Stillen, ob ihre Tochter, der sie sich {n vielen Dingen unterzuordnen Pflegte, nicht vielleicht Grund gehabt habe zu ihrer schroffen Rede. Rauchmanu, der aus Ediths Worte nicbt gleich eine Entgegnung ge­funden hatte, entwarf nachträglich eine ganze Reihe von solchen und schalt mit sich wegen des Mangels an Schlag­fertigkeit, noch mehr über das Klopfen seines Herzens, das er nicht meistern konnte. Die Stirn an die kalte Fensterscheibe lehnend, saß Edith und wartete vergeblich aus das Gefühl innerlicher Befreiung, das ihrem Zornes- au?'bruch, wie sie meinte, mit Notwendigkeit folgen mußte. Tie alte Jungfer war wieder eingeschlafen und umarmte zärtlich das große, runde Vogelbauer aus blinzenden Messinastäben. Ter einzig Gesprächige war der Papagei; feine eingelernten Redensarten herplappernd, stieg er ut dem Käsig auf und nieder, kreischte zuweilen mißmutig auf und nagte an dein türkischen Tuch seiner Herrin.

So fuhr der Zug weiter durch een dunkler werdenden Abend, ließ die gewundenen Täler und finsteren Felsen- engen hinter sich zurück, UND donnerte endlich hinaus in den weiten Kessel von Bozen, der heute von stiebendem Schnee erfüllt war gleich dem ganzen Gebirge.

Nun waren sie in Fasano angelangt. In Bozen und auf der Eisenbalmfahrt hatte Rauchmann die Damen zu vermeiden gewußt; in Riva hatte das Dampfschiff sie wieder näher zusammcngebracht, doch war er ihnen auch hier so viel als möglich aus dem Wege gegangen. Uebrr- gens war er mit sich und seiner Gesundheit wieder zu sehr beschäftigt, als daß er sich viel um sie kümmern konnte. Sein Katarrh batte sich in der Tat ein wenig verschlim­mert, und die Ängst um seine Stimme erfüllte ihn gan^ Auf dem Schiff stieg er nach kurzem Versuch, aus Deck zu bleiben, eilig in die Kajüte hinab und schalt im Stillen alle Menschen Lügner, die jemals ein ruhmeiides Wort über den Süden gesagt oder geschrieben hatten. Den Schnee hatten die Reiseiiden jetzt freilich hinter sich ge­lassen, aber Sturm und Regen hatte sie dafür m Empfang genommen. Das Schiff begann ungemütlich zu gampfen und zu schaukeln, und wenn Rauchmann einmal emen Mick aus dem Kajütenfenster hinauswarf, dann ;ah er die weite, graub...ue, sturmgepeitschte Wasserfläche, aus der die Wellen ihre weißen Häupter emporhoben, wahrend die Ufer in Regen und Nebeldunst unklar, unschön ver-

d: Qn all seinen Aerger und all fein Unbehagen mischte sich bei dem Sänger nur als leiser Trost die Erkenntnis, daß er hier unten vor der Gesellschaft der beiden Damen sicher war. Mit flüchtiger Ueberraschung erblickte, er da­gegen auch die alte Jungfer aus deni Coups, die er in Bozen gewähnt hatte, wieder unter der Reisegesellschaft; sie hielt das Messingbauer nach wie vor an die Brust gepreßt. Rauchmann, der sich neben seinem Zorn und seiner Besorgnis auch abscheulich langweilte, betrachtete sie hier zum erstenmal ein wenig genauer, wobei ihm üire runden, braunen, erstaunten Augen und die stumpfe, neugierige Nase auffielen. Mehr noch der Mund, der sich merkwürdig zuspitzte, während die Backen daneben ein- aezoqen waren, so daß es den Eindruck machte, als hatte die Dame in eine saure Zitrone gebissen und den Ge­schmack noch lange nicht überw'.mdeii. Ta sie nicht fern von ihm sah, konnte Raiichmniln hören, daß sie in sächsi­schem Dialekte sprach und in diesen lieblichen, singenden Lauten ihren Polly erniahnte, tapfer zu sein und sich gegen die Seekrankheit zu wehren. Ties Mißgeschick hatte schon ein paar besonders Empfindliche ereilt; sie waren sehr bleich geworden und waren still und schnell' ver­schwunden. , - . , ,

Ter Sänger hatte soeben in seiner Seele den froinmen Wunsch gebildet, daß seine schöne Feindin auf Teck schon fand er sie trotz allem, dagegen war nichts zu machen gleichfalls von diesem Schicksal heimgesucht wer­den möge, als zwei Frauengestalten hereintraten. Tie eine dick unförmig und langsam, die andere schlank, stolz und energisch. Die Generalin hatte den Arm ihrer Tochter genommen und balanzierte mit deren Hilfe langsam durch den auf- und niederschaukelnden Raum.Nein, Kind, alles hat seine Grenzen", sagte sie dabei,länger war es da oben wirllich nicht mehr auszuhalten."

Für mich schon", gab Edith zur Antwort- ,,^ch finde

es herrlich, sich vom Sturm ein weiiig durchwehen zu lassen. Aber Du bist hier allerdings"

Sie verstummte jäh. Die Mutter sorgsam führend, hatte sie nicht aufgeblickt und stand nun unvermutet ganz nahe vor Rauchmann, auf dessen Sitz sie achtlos zugeschritten war. Nun aber wandte sie sich, die Mutter nachziehend, plötzlich zur Seite und führte die Wankende nach der anderen Längswand der Kajüte hinüber.Ta drüben sitzest Tu besser", sagte sie dabei laut.

Rauchmann blickte ihr verstohlen nach; er tat, als hätte er den Vorgang nicht bemerkt; aber er mußte sich auf die Lippen beißen und fühlte fein Herzklopfen wie neu­lich bei deni Renkontre im Coups. Sein Leben, feit er der Bühne angehörte, was weiter zurück lag, hatte er ja fast ganz vergessen, war so sehr ungefüllt mit leicht er- runoenen folg eit bei den Frauen, mit Huldigungen und Vergötterungen, daß er den Wert solchen Geschenks gering zu schätzen gelernt hatte. Ter Widerstand aber, den er hier fand, die unverhohlene Abneigung, die dies stolze Mädchen ihm zeigte, reizten, kränkten und lockten ihn. Und ganz im Innersten seiner Seele sprach eine leise Stimme, die er nicht hören wollte, die aber doch nicht schwieg, wieder und wieder:Sie hat recht gehabt trotz allem; du hast nicht kavaliermäßig aii ihr gehandelt.

Tas Schiff durchkreuzte jetzt den See vom östlichen zum westlichen Ufer hinüber, von Malcesine mit feiner aus dem Regen hervordrohenden Burg nach dem fels- getragenen Tremosiue. Hier trafen die Wellen das Fahr­zeug von der Seite mit voller Wucht und machten die Worte Virgils von dem meergleichen Toben die;es tücki- fchen totes zur Wahrheit. Jetzt ereignete sich etwas Ueber- rascheiides. Mit einem dumpfen Laut erhob sich die alte Jungfer, taumelte in die Mitte der Kajüte und hielt das Bauer weit von sich ab in ausgestreckten Händen, als ürchtete sie, dem Vogel Uebles zuzufügen, wenn er ihr n gewohnter Nähe blieb. . ,

Polly", rief sie dabei wehklagend ans.Mir wird, o" Gott, Polly, mir wird sehr schlecht."

Ihr Aussehen bestätigte die Wahrheit ihrer Worte. Sie war grünlichgrau im Gesicht und offenbarte, durch verzweifelte Blicke, daß schleunige Hilfe vonnöten sei. Von gleichen Empfindungen getrieben, sprangen Rauchmann und Edith im selben Äugenblick auf und eilten zu ihr hin, um sie von dem Bauer mit dem wild ausilatteruden und kreischenden Papagei zu befreien. Sobald seine Be­sitzerin von ihrer teueren Last sich erlöst sah, gab sie einen unartikulierten Laut von sich und schwanke, sich an die Tische anllammernd, aus der Kajüte hinaus.

Ter Sänger und Edith aber standen einander gegen­über jeder das Bauer mit seinen Händen haltend. Zuerst mußten sie wider Willen ausiacheu; die Wirkung der Si­tuation war zu stark. Tann aber zwangen sie sicy gleich­zeitig zum Ernst und machten nun doppelt finstere Ge-

können wir doch nicht stehen bleiben", sagte Edith mit kaltem, hochmütigeii Ton.

Auch ich würde eine andere Stellung vorziehen , gab Rauchmann in gleicher Klangart zrück.Ich trete den Bogel gern dem gnädigen Fräulein ab; der Papagei ist ein Tamenvogel, soviel ich weiß."

Er ist nicht nach meinem Geschmack", entgegnete sie kurz, ließ das Bauer los, und ging auf ihren Platz zurück. Rauchmann stand uud hielt das Messinghaus mit dem kreischenden Untier in Händen, während das Schiss aucy ihn mit seiner Bürde hin und her schwanken liest Mag lichst feste Haltung erzwingend, ging er zum nächsten Tisch und stellte das Bauer dorthin; dann setzte er sich wieder ans feinen vorigen Platz. Er bemühte sich, Cdrth zu ignorieren, aber der allein _ gelassene, verzogene > JL' schrie so fürchterlich und warf nut fo grausamen Sch mpf- worteu um sich, daß der Sanger doch immer wieder unwill­kürlich zu ihm hinübersah, Und dann traf es sich wohl, daß auch Ediths Blicke dieselbe Richtung nahmen und seinen Augen begegneten. Beide sahen bei solchen Gelegenheiten sehr schnell beiseite, doch ereignete sich die;e Begegnung ihrer Blicke ziemlich häufig im weiteren Verlaufe der Fahrt; denn die alte Jungfer mußte ziemlich M wn der ^ank- beit des Wassers gepackt worden sein. Erst als das Schiss in die geschützte Bucht von Gardone-Rcviera ernbog, und die Wellen sich fänftigten, trat auch die halb Genesene wieder in Die Kajüte des leiser bewegten Fahrzeugs,