Ausgabe 
12.12.1903
 
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1903.

Yr. 184

Samstag deu 12. Jez-MZer-

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(Nachdruck verboten.)

Wolans Mertoöung.

Novelle von Robert Kohlrausch.

, (Fortsetzung.)

>,Jch beharrpte immer, daß ich mir durch jeden Auf­enthalt dort mein Leben um einen Monat verlängere. Auch abgesehen von der schönen Gegend, in die Berge komme ich ja sowieso nicht viel hinauf, dafür habe ich zu schwer an mir selbst zu tragen, man ist dort bei der braven Frau Gigola vortrefflich aufgehoben. Bei ihr und der übrigen Familie; lauter nette, fleißige und hübsche Menschen. Auch das Essen, es läßt nichts zu wünschen übrig." Das Behagen auf ihrem Gesicht prägte sich noch stärker aus, indem sie dies Thema berührte, unb sie beugte sich, ihrem Leibesumfang zum Trotz, ein wenig vor, damit sie der Sänger besser verstehen konnte.

Missen Sie, das ist aucy so angenehm: das Mittag­essen ist wirklich am Mittag, wie sich's gehört, nicht erst am Wend nach der dummen Sitte der großen Kurorte. Um ein Uhr wird gegessen, oder gespeist, wie unsere lieben Münchener sagen; da gibt es gute, kräftige, deutsche Hausmannskost. Und woraus ich ein besonderes Gewicht lege: jeder Braten kommt in seiner eigenen Sauce; nie­mals eine Tonnensauce, wie ich's nenne. Mir kommt's in den großen Hotels nämlich immer so vor, als hätten sie riesige Tonnen voll gefärbter, namenloser Brühe, und aus diesem Behälter zuckte auf jeden Braten ohne Wahl der braune Strahl nieder. Da ist es dort"

Edith hatte zu Beginn der Unterhaltung zwischen den beiden nur einen einzigen, kurzen, mißbilÜgeuden Blick auf ihre Mutter geworfen, dann aber wieder an­gespannt und, ohne sich zu regen, zum Fenster hinaus- ?eblrckt. Seit ihre Mutter jedoch über das Essen sprach, atte sie, sich von neuem umgewandt und sah scharf hin­über, während ihre Augenlider sich rasch, bewegten, und ihre eingezogenen Lippen sich aufeinander preßten. Jetzt hielt sie nicht länger an sich.

Mutter, ich glaube kaum, daß der Herr sich für diese kulinarischen Details interessieren wird."

Warum denn nicht?" fragte der Aeltere und lachte leise.Tas Essem ist doch eine sehr wichtige Sache tnt menschlichen Leben; und wir wissen noch gar nicht", sie sprach jetzt wieder zu Rauchmannob Sie nicht vielleicht selbst zu Gigola"

Ich glaube, es gibt nur noch imHotel Fasano" Platz". Wider ihren Willen war Edith die unpassende Aeußerung entflohen; ihr innerlicher Aerger hatte sie rhr abgezwungen, und sie war zornig über sich selbst, rndem sie die Worte sprach.

Rauchmann hatte sich während des ganzen Gesprächs bereits im Stillen überlegt, ob er nicht aus die bestellte

Wohnung- imHotel Gigola" verzichten und sich ein -an­deres Unterkommen suchen solle. Jetzt, da er sah, daß er damit einen Wunsch der jungen Dame erfüllen würde, lehnte sich etwas in ihm dagegen auf.Gnädige Frau haben ganz recht", sagte er schnell, zu der alten Dame sprechend und ihre Tochter ignorierend.Ich habe mir bei Gigola bereits ein Zimmer bestellt, werde somit die Ehre haben, mit den Damen unter einem Dache zu wohnen." Absichtlich erwähnte er sie hier beide, in Wahrheit waren die Worte für Edith bestimmt, wenn auch seine Augen sie mieden.

Ihre Mutter erwiderte mit einer höflichen Konversa- tionsformel, Edith lehnte sich fest in ihre Ecke und schwieg. Rauchmonn aber überlegte von neuem. Wenn er das haus mit diesen Damen teilen mußte, dann war es unvermeidlich, daß sie bald seinen Namen und s inen Stand erfuhren. Gern hätte er überhaupt sein Inka nito auch dort gewahrt, aber das war seiner Kvrresp- ndenz ivegen unmöglich. So war es vielleicht vorteilhafter, daß er dem Zufall zuvorkam und seinen berühmten Namen jetzt gleich selbst als einen wertvollen Trumpf ansjri lte. Ein halber Blick auf Ediths Körniges Gesicht ließ ibn sich schnell dafür entscheiden.

Ta wir Hausgenossen sein werden, so gestatten -gnädige Iran mir wohl, daß ich mich Ihnen vorstelle. Mein Name ist Rauchmann, und ich bin Sänger meines Zeichens."

Rauchmann? Aber doch nicht ich bitte Sie doch nicht Karl Rauchmann der berühmte Rauchmann?"

Karl heiße ich allerdings, und wenn Sie mir den Ehrentitel angedeihen lassen wollen, so darf ich ihn viel­leicht in aller Bescheidenheit akzeptieren.

Rauchmann, der Wotan! Mein Gott, das ist ja aber höchst interessant! Jcy bin die Generalin Bessel, dies meine Tochter Edith, Edith, was hast Tu?"

Einem hohen, dunklen Schatten gleich, stand Edith plötzlich dicht neben Rauchmann, der in einiger Verwirr­ung zu ihr emporsah. Sie hielt sich mit erhobenem Arm an dem Gitter, das oben unter der Wagendecke das Handgepäck trug; es sah beinahe so aus, als wenn sie ihn schlagen wollte.

Tas war nicht kavaliermäßig", sagte sie mit ihrer tiefen, wohlklingenden Stimme, die selbst im Zorn ihre Weichheit nicht verlor.

Wie befehlen gnädiges Fräulein?"

Sie haben mir vorhin die Unwahrheit gesagt, als ich Sie fragte, ob Sie Künstler wären. Sie haben mich dadurch verleitet, etwas auszusprechen, was ich sonst gewiß nicht getan hätte. Und darum wiederhole ich es Ihnen: das war nicht kavaliermäßig gehandelt."

Edith, Edith, was tust Du!" rief die Mutter ver- ivirrt, erstaunt.

Ich tue, was ich mir schuldig bin. Nichts weiter". Mit stolzer Bewegung begab sich Edith auf ähren Platz zurück.