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Monsieur hat sich tapfer gehalten, Rodellec ist sehr park. Sie sind ein Fremder? Ein Engländer vielleicht?"

Nur der Sprache nach, ich bin Amerikaner, doch das ist für Sie wohl ein und dasselbe?"

O nein, im Gegenteil; ich nehme das größte Interesse an Amerika, und habe erst kiirzlich die Geschichte Ihres Krieges gelesen. Hat Monsieur sein Vaterland schon lange verlassen?" setzte er höflich hinzu. Humor erwiderte, daß er Künstler sei, mehrere Jahre in Paris studiert habe und erst heute inPlouvenec angekommen sei.

Umsomehr bedauere ich, daß Sie einen so bösen Will­kommen hier hatten." Der Geistliche war nun nicht mehr scheu, sondern sprach mit liebenswürdiger Offenheit. Sein gebräuntes Gesicht trug einen fast strahlenden Ausdruck, als er hinzusetzte:Unsere Seeleute find sonst keine üblen Burschen, ivenn sie nicht betrunken sino."

Aber sie sind das wohl meistens?" warf Hamor ein.

Nun ja, sehr oft saft immer nach einem guten Fischzug", war die ehrliche Erwiderung.

Es war ein eigenartig fesselndes Bild heute abend." Finden Sie das, Monsieur?" fragte der Priester leb­haft; ich ich liebe dieses Bild, aber ich bin freilich ein Bretagner, ich gehöre zum Volke, ich lebe in diesem Treiben, ich fühle den Pulsschlag des Volkes in meinem Herzen schlagen."

Und ich?" fragte Hamor lächelnd,glauben Sie, daß jch nicht auch niit dem Volke fühle?"

.Vielleicht, Monsieur wie ein Arzt, der den Puls­schlag zählt und beobachtet."

Nun ja", gab Hamor lachend zu,gleich von vorn­herein kann ich freilich nicht alles mitfühlen. Aber wenn mein Herz auch noch nicht richtig schlägt, so bin ich doch heute fast selbst geschlagen worden."

Verzeihen Sie, Monsieur, ich vergesse nur allzu oft, daß Fremde, denen das Ganze als ein Schauspiel erscheint, anders urteilen müssen als wir. Ich bin wenig an den Umgang mit Fremden gewöhnt", fügte er mit einer Be­scheidenheit hinzu, die Hamor bezaubernd fand.Sie wissen , Monsieur, wir Bretagner sind halsstarrige, vorurteils­volle Menschenkinder."

Nun, wir Amerikaner nicht minder, monsieur le eure! Wie nannten Sie doch den Mann, meinen Mann Rodellec, nicht wghr?"

Ja, Monsieur, Herds Rodellec."

Und ist das junge Mädchen seine Tochter?"

Der Geistliche wendete sein Gesicht vom Licht ab.Das war Guenn", sagte er leise,Guenn Rodellec."

Eine ganz ausfallende Erscheinung, ein wunderschönes Mädchen!" rief Hamor voll Künstlerenthusiasmus.

Es entstand eine etwas verlegene Pause, dann sagte der Pfarrer hastig:Verzeihen Monsieur, aber ich sehe, die Leute da drüben wünschen mit mir zu sprechen, ich habe die Ehre, Monsieur einen guten Wend zu wünschen."

O, ich möchte Sie um glles nicht aufhalten", ent­gegnete Hamor herzlich,aber wollen Sie wir gestatten. Sie auszusuchen? Obwohl ich nur ein Fremder bin, werde ich binnen kurzem doch ein regelrechter Bretagner werden."

Monsieur ist zu freundlich", versetzte der Pfarrer zögernd;aber ich wohne nicht in Plouvenec, Sie müßten sich nach meinen Inseln bemühen. Erlauben Sie" damit händigte er ihm mit höflichem Wschiedsgruß feine Karte ein, und ging raschen Schrittes davon.

Hamor besichtigte die Karte bei der nächsten Laterne und las: Thymert, Recteur des Lannions. '

Recteur des Lannions" was das auch sein mag, er ist ganz der Typus, den ich suche. Monsieur, ich gehöre zum Volke.' Was für eine wahrhaft imponierende Haltung er i bei hatte, und den Stolz eines Kardinals." Mit wohlzufriedenem Lächeln ging Hamor nach dem Wirtshaus zurück. Er glaubte fest an seinen Glücksstern.

2. Kgpitel.

Everett Hamors hervorragendster Charakterzug war ein unbeschränktes Vertrauen in seine Zukunft. Die Hoffnung auf Ruhm und Größe, die ihn während einer langen Zeit der Entbehrungen, wie sie jungen Malern von 26 bis 27 Jahren nie fremd zu sein Pflegt, aufrecht erhielt, hatte in ihm den brennenden Ehrgeiz erweckt, sein künstlerisches Ideal zu erreichen, und diesem Ehrgeiz war er geneigt, alles Lis aufs letzte zu opfern. Bisher freilich hatte das Leben «och keine schweren Opfer von ihr"' verlangt, sondern ihn,

wenn auch auf Umwegen, ruhig und sicher bis zu seiner jetzigen Lage geführt.

Seine Kindheit war wie die eines amerikanischen Knaben verflossen, der in einer Universitätsstadt aufwachst, in wel­cher sich seine Vorfahren seit mehreren Generationen aufs rühmlichste ausgezeichnet haben. Der Einfluß, den solche gesicherte häusliche Verhältnisse ausüben, begleitet den! Menschen aus seiner ganzen ferneren Laufbahn.

Als Hamor feine Studien begann, war er ein physisch und moralisch etwas verzärteltes Muttersöhnchen. Bis dahin hatten ihn nur feine, gütige und kluge Frauen beeinflußt; kein Wunder, daß er im Anfang oft rauhen Berührungen mit der Außenwelt ausgesetzt war, die ihn teils verletzten, zum Teil ihm aber auch sehr dienlich waren. Leider verträgt es sich mit der Wahrheitsliebe seines Biographen durch­aus nicht, zu behaupten, Hamor habe sich in seinen vier Universitätsjahren durch Fleiß und hervorragende Leist­ungen ausgezeichnet. Seine Fähigkeiten blieben unbestritten, aber es läßt sich nicht leugnen, daß er keine derselben be­sonders ausbildete.' Damals lag ihm der Gedanke, Maler zu werden, noch fern, und etwaige Träume von Künstler­tum wurden durch die ihn umgebenden Familientraditionen im Keime erstickt. Seine Vorfahren waren alle ernste, strenge Gelehrte gewesen, die in ihrer Bücherwelt lebten und wirkten, es war Gott sei Dank keinem von ihnen eingefallen, Künstler werden zu wollen. Nicht daß man in seiner so gebildeten Vaterstadt kein Interesse für die? alten Meister oder keine guten Kupferstiche an den Wänden gehabt hätte. Aber diese alten Meister waren doch alle Ausländer gewesen, und in den kritischen Augen jener ge­lehrten Klasse war der Begriff Künstler von dem deD Schmieranten nur wenig unterschieden. Es waren freilich liebenswürdige angenehme Leute darunter, aber man würde? sich besonnen haben, ihnen seine Tochter oder seine silbernen! Teelöffel amzuvertrauen. Wenn auch hier mancher Knabe davon träumte, Zirkusreiter, Seemann oder Künstler zu werden, so hatte man doch noch jeden, bei richtiger Bex- handlung, zu einem würdigen Mitglied seiner Familie auf- gezogen. Daher kam es, daß Hamor, als er heranwuchs, sich sehr vernünftig sagte, die Malerei sei wohl kein für ihn passender Lebensberus; er beschloß daher, sich einem! anderen Erwerbszweig zuzuwenden. Freilich hatte er diese Entschlüsse gefaßt, ohne den inneren Kern seiner Natur zu kennen. Nach Beendigung seiner Studien war er noch eben so unklar über die Wahl eines Berufes, wie beim Beginn derselben. Heiter, lebenslustig und mit einem glücklichen Leichtsinn begabt, nahm er sich vor, einstweilen alles deut Schicksal anheimzustellen, und vorerst daran zu gehen, seinen Charakter, der ihm schwankend und unbeständig erschien, zu stählen u ild zu festigen. Er beschloß also, fortan selbst für seinen Unterhalt zu sorgen und zog westwärts, wo er Arbeit, Abenteuer, Entbehrungen und Gefahren im reichsten Maße sand. Einmal war er Ladengehilfe, eine Stellung, die er Zeit seines Lebens verwünschte, dann wiederum hielt er Schule in einer Hinterwäldler Niederlassung, wobei ihm sein angeerbtes pädagogisches Talent sehr zu statten kam. Er erweiterte seine Kenntnis der menschlichen Natur durch die nahe Berührung mit den Gewohnheiten von Indianern, Chinesen, Abenteurern und allerlei Vagabunden. Er lernte auf ungesattelten Pferden reiten, den Lasso werfen, das Gewehr und seine Fäuste gebrauchen. W!enn schon zwei solche Nomadenjahre für einen Mann von Hamors Tempe­rament nicht in ledem Sinne zuträglich sein konnten, so hatte er doch fern Ziel erreicht: er wußte nun was er wollte, und sein Charakter war gestählt.

In den Bergen und den endlosen Wäldern hatte ihn die Natur und sein eigenes Herz über seine wahre Be­stimmung ausgeMrt; jetzt endlich fühlte er, daß er für die Kunst geboren, daß der Malerberus der glühende Wunsch seiner Seele sei, der einzige, in dem er auf Glück und Be­friedigung hoffen durfte. Er fühlte aber auch, daß er. keine Zeit mehr zu verlieren habe; nachdem er die notwendigsten! Angelegenheiten geordnet hatte, schiffte er sich nach Frank­reich ein.

Nun folgte auf sein Hinterwäldlerdasein das Pariser Leben; das stete, unausgesetzte Studium, auf die große Mannigsaltgkeit seiner bisherigen Beschäftigungen; aber es war eine Arbeit, die ihn mit der reinsten Freude und Be­geisterung erfüllte. Seine technische Ausbildung, das Trerben in den großen Ateliers unter seinen ehrgeizigen, eifriges Genossen, das kurze, schwerwiegende Wort der Krrtik aus