Mittwoch den 12. August.

Nr. 119.

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(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. M e r r i m a n.

(Fortsetzung.)

Etta betrachtete ihren Gatten mit einem sonderbaren Lächeln. Obwohl sie beständig das Bewußtsein hatte, daß sie geistig über ihm stand, war sie manchmal stolz auf ihn; dieser hünenhafte Manu hatte etwas Starkes, Ein­faches nnd Männliches an sich, das ihr gefiel.

Wie bist Du mit ihm fertig geworden?"

Ich habe ihn erwürgt. Der Bär dort warf mich zu Boden, aber Steinmetz schoß ihn nieder. Hinter dem Elch dort waren wir vier Tage auf der Fährte; das dort ist ein Luchs, ein wunderlicher Kops er sieht Chauxville ähnlich."

Aber warum läßt Du dies düstere Getäfel nicht entfernen und das Zimmer tapezieren?" fragte Etta schau­dernd.Es sieht so geheimnisvoll nnd grausig aus. Mau muß unwillkürlich an geheime Korridore denken."

Geheime Korridore existieren nicht, aber hier neben­an befindet sich noch ein Zimmer; dies ist die Tür, ich werde Tir's gleich zeigen; es ist unser geheimes Labora­torium und Bureau, wo ich auch alle meine Arzneien und Instrumente aufbewahre. In diesem Zimmer wurde die Armenliga gegründet."

Etta wandte sich plötzlich ab, trat an das schmale Fenster, setzte sich aus das niedere Fensterbrett und schaute in die schneebedeckte Tiefe hinab.

Ich wußte nicht, daß Du Arzt bist."

Ich habe meinen Doktor gemacht, um die Bauern zu behandeln, und tue es nun in sehr kategorischer Weise. Natürlich wissen sie nicht, daß ich es bin, sie halten mich für einen Moskauer Doktor. Ich ziehe einen alten Rock an und trage ein dickes Halstuch, so daß sie mein Gesicht nicht sehen; auch besuche ich sie nur bei Nacht. Es darf niemand erfahren, daß wir den Bauern Gutes tun, wir müssen es sogar vor den Leuten selbist geheim halten. Sie hassen uns, fluchen und schimpfen, wenn wir durchs Dorf fahren; aber sie wagen es nicht, uns Böses zu tun, denn sie fürchten sich vor uns."

Als Etta sich erhob nnd wieder zu ihM trat, war ihr Gesicht ohne Farbe.

Zeige mir das Zimmer."

Er öffnete ihr die Tür und folgte ihr in den kleinen Raum. Hier erzählte er ihr noch weitere Einzelheiten über das Werk, dem er sich gewidmet hatte, und Etta hörte mit unwillkürlichem Interesse zu. Sie saß in dem Stuhl, den gewöhnlich Steinmetz einnahm. Ein scharfer Geruch von Tabakrauch schwebte in der Luft, die ganze Atmosphäre des Zimmers war männlich und energisch.

Paul zeigte ihr seinen einfachen Arzneivorrat und den alten, zerrissenen Rock, das Kostüm des Moskauer Doktors.

Machen auch andere Leilte, andere Gdelleute solche Versuche?" fragte Etta endlich.

Katharina Lanowitsch zum Beispiel."

Was, das Mädchen mit dem schönen Haar?"

Paul hatte Katharinas Haar noch nie bemerkt; Ettas scharfe Augen sahen in einer Stunde mehr, als Paul in zwanzig Jahren.

Ja, aber natürlich wird sie von vielen Seiten ge­hemmt."

Durch ihr Aeußeres?"

Nein, durch die Verhältnisse. Ihr Name genügt, um sie in jeder ihrer Bewegungen zu hemmen; trotzdem tut sie sehr viel. Hol's der Kuckuck, sie hat mich erkannt."

Etta hatte sich erhoben und betrachtete neugierig den Schrank, in dem Pauls infizierte Kleider hingen. Er hatte ihr verboten, sie anzurühren. Jetzt wandte sie sich um und blickte ihn an.

Erkannt?" Wieso?" fragte sie mit einem eigenen Lächeln.

Sie hat meine Verkleidung erkannt."

Ja, das ist sie im stände", sagte Etta laut vor sich hin.

Was für eilte Tür ist das?" fragte sie nach einer Weile.

Sie führt in ein kleines Zimmer, wo Steinmetz gewöhnlich arbeitet."

Er ging ihr voran und öfsttete die Tür, während Etta ihre Gedanken laut weiterspann:Katharina weiß es also?"

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Sonst niemand?"

Paul antwortete nicht, denn er war in das kleine Zimmer getreten, in dem Steinmetz am Schreibtisch saß.

Herrn Steinmetz natürlich ausgenommen?" fuhr Etta in fragendem Tone fort.

Frau Fürstin", sagte der Intendant, indem er mit seinem freundlichen Lächeln aufblickte,ich weiß alles!"

Und er fuhr fort zu schreiben.

24. Kapitel.

Bluthund e.

Die Table d'höte im ,Hotel de Moscou' in Twer hatte soeben begonnen. Unter den zehn oder elf Herren, die um die lange Tafel saßen, befand sich auch ein Mann mit diner breiten Stirn, farblosen Augen und einem maskenähnlichen Gesichte; was ihm vorgesetzt wurde, ver­zehrte er so geräuschlos als möglich.

Dieser Reisende war in Paris als ,Ce bon Wassili' be­kannt, hier aber tat er sein möglichstes, wie ein harm­loser Handlungsreisender in Knopf- oder Posamentierwaren auszusehen. Er wünschte offenbar so wenig Anfmerksam- keit zu erregen, als es die Umstände gestatteten. Als Herr von Chauxville in den Speisesaal trat, verbarg er jedwede Ueberraschung, die er fühlen mochte, hinter einer Wolke