339
oaaeaen war selig, in erster Linie darüber, daß sie das teure blaue Kleid so schön gerettet hatte und dann - wenn es leider noch nicht ausgesprochen war, gewiß war s ,a doch, wir liebten uns. In diesem Gefühl waren wir glücklich saßen eng aneinandergeschmiegt in unserer Ecke, formten an meinem Hut, sahen uns an und freuten uns aus den 5zeiuttveg. @tunbe hatte aufgehört zu regnen
und Mama mahnte energisch zum Heimgehen. Es war xa noch nicht ganz dunkel und Mama ließ sich auch nicht bewegen, den Heimweg über den Wald zu nehmen, allem schön war's doch, und störend allein war, daß wir meinem Strohhut eine so sonderbare Form gegeben hatten, daß er auf dem Kopfe nicht hielt und in der Hand getragen werden mußte. Und so gelangten wir denn in die Stadt- Ich war froh, als luir dieselbe erreicht hatten, denn der Wind hatte verdächtig über Ein unbedecktes Haupt ge- pfisfen und meine Nase inachte mir Unbequemlichkeiten.
Der Abschied verlief programmmäßig. Mariechen bekam erlaubt, Gretchen iioch etwas zu begleiten, Gretchen verschwand zur rechten Zeit, und endlich wandelten wir Arm in Arm in den verschwiegenen Gängen der Anlagen. So war das regelmäßig gewesen und Regelmäßig hatte uns bei einer gewissen Bank das Bedürfnis angewandelt, der Ruhe zu pflegen, und dieser Bank strebte ich denn auch zu. Es entwickelte sich alles wie sonst auch. 9hir wollte Mariechen sich nicht setzen, die Bank sei für ihr gutes blaues Kleid äii naß. Als ich mich aber selbst gesetzt hatte und versicherte, ich säße ganz trocken, setzte sie sich auch. Ich hatte mich allerdings auf meinen Strohhut gesetzt, wie ich später merkte. Und so saßen wir, Arm in Arm und Wange an Wange. . .
Mein Leibdichter in den „Fliegenden Blättern" singt: „Wenn mich Tein Arm umschlinget Versagt mir jeglich Wort, Mein ganzes Ich durchklinget Ein einz'ger Lustakkord.
Wie selig ist's, zu werben Um Gunst und süßer Pein! O so — so möcht' ich sterben. Doch braucht's nicht gleich zu sein."
Tas war gestern! Heute liege ich im Bett, trinke Fliedertee und schwitze. Sprechen kann iä) kein Wort und alle Glieder tun mir weh. Vor mir liegt der traurige Ueberrest meines Strohhutes.
Ob das nun alles vom Haarschneiden herkommt oder sollte doch, wie Mariechen meint, die Bank naß gewesen sein?
Ich werde in Erwägung ziehen, ob ich nicht nächstes Jahr den Frühjahrsempfang erst am 1. Juni feiere.
Vevinischtes.
* Wieviel CH amp a gn er g e tru n ken w i r d. Die Handelskammer von Reims stellt in ihrem Jahresberichte die Ziffern des Champagnerwein-Umsatzes für den Jahrgang 1902/03 folgendermaßen fest: Ins Ausland gingen 22 523 746, nach anderen Teilen Frankreichs 9 335412 Maschen. Ter Umsatz zwischen den verschiedenen Champagnerwein-Fabrikanten-selbst bezifferte sich auf 4 676 444 Flaschen, sodaß der Gesamtversand 36 535602 Flaschen betrug. Tas stellt gegen das Vorjahr eine Vermehrung von mehr als S1/? Millionen Flaschen dar, von denen zwei Millionen auf das Ausland entfallen.
* Die Zunahmeder Ehescheidungen in England. lieber die Separationen und Ehescheidungen in England und Wales des Jahres 1901 sind, wie aus London geschrieben wird, soeben amtliche Zahlen veröffentlicht worben. Die Zunahme der Trennungen von Tisch und Bett ist recht beträchtlich. Im Jahre 1893 wurden 825 oder 2.77 pro 100 000 Bewohner der beiden Königreiche Separationen gerichtlicherseits erteilt, welche Ziffern int Jahre 1897 auf 5550 oder 17.81, und in 1901 auf 7350 bezw. 22.47 per 100 000 an sch wollen. London kommt verhältni- mäßig glimpflich weg. Sein Anteil stellt sich auf 18: 100 000, gegen 40:100 000 in Lancashire und 48:100 000 in Rulandshire. In den Städten Blackburn und Bolton wurden die meisten Separationen (98:100 000) erteilt; es folgen Leeds mit 68, Manchester mit 48 und Liverpools mit 38. Die Ziffer für Ehescheidungen ist mit 750 :100 000
höher als in jedem voraufgegangenen Fahre, ore in 1897 nur 683 :100 000 betrug. In den genannten 750 Fällen für das Jahr 1901 wurden in 491 Fällen seitens der Gatten, in 259 Fällen seitens der Gattinnen die Scheidungen beantragt. 53 der Antragsteller waren Handlungsgehilfen oder Bureauangestellte, 30 waren Arbeiter, 20 Soldaten und Matrosen, 13 Armee- oder Seeoffiziere, 39 Ingenieure und Architekten, 11 Journalisten, 23 Schauspieler und Varidtö- künstler, 7 Polizisten, 23 Schankwirte, 3 Studenten, 6 Geistliche und 70 „Gentlemen", „Esquires", also Leute der besseren Gesellschaftsklassen, die über eine unabhängige Stellung verfügen.
Literarisches.
Die Bekämpfung des Alko h olismus. In Lest 20 der illustrierten Zeitschrift „Für Alle Welt" (Deutsches Verlagshaus Bong & Co. — Berlin W. o t. •: Preis des Vierzehntagshestes 40 Pfg.) findet sich eine unparteiische Würdigung der ganzen Alkoholfragc vom gesundheitlichen, sozialen und sittlichen Standpunkt. Die Porträts der Herren Dr. Eggers-Bremen und v. ^rergardt- Majavolo, der Mihrer der Mäßigkeitsbewegung und der sogenannten Gasthaus-„Reform", schmücken den Artikel. Dasselbe Heft bringt ferner einen mit zahlreichen Abbildungen versehenen Aufsatz über die Entwicklung des Rettungswesens zur See, sowie eilte Abhandlung, enthaltend praktische Winke für den Weinbauer. Sportliche, historische, geographische und zeitgenössische Beiträge, sowie eine Uebersicht über die neuesten Erfindungen und Enp bedungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft und Technik vervollständigen den belehrenden Teil der Numiner. Dem Unterhaltungsbedürfnis dienen die Romane: „Die Teinpler vom Ringe" von Robert Kraft und „Ter Ziehsohn" von Adolf Ott, sowie die Erzählung: „Merkwürdige (beschichte eines auserstandeneii Pompejaners" von A. Challandes. Eine Zierde des Heftes bildet die farbige Beilage: „Nesthäkchens Spielkameraden" nach E. Louyots gleichnamigem Gemälde.
Mdenbericht über Reise- und Lommerkle der. Bearbeitet und mit Abbildungen versehen von der Internationalen L>-hmU- manufaktur DreSden-R. — «.-ichhaltigeL Mode,talbunt und s.-gmtkntu.ler, buch zu 50 Pfg. daselbst erhältlich.
Von allen Nationen gilt die englische aw, diejenige, die am meisten reist und das Reisen gewistermaßeu als «.Port betreibt. Wem wäre wohl nicht aus Lustspielen der karri- kierte reisende Engländer bekannt, der mit üäbefer und Plaid ausgerüstet den Typus des von der Reisemanie Befallenen verkörpert? So koniisch nun derartige Figuren auch wirken, eines läßt sich der eitglischen Nation nicht abstreiten, der Sinn für's Praktische, der sich unter tausenderlei anderen Dingen recht deutlich an ihrer Reise- kleiduna zeigt. Man denke hierbei nur an die unverwüst. licken englischen Stoffe und den uns überlieferten tcnwr- made-Sftl, der die Damen trotz aller Einfachheit immer ladt; like erscheinen läßt. Und gerade für bie 9tei|e sollte eine Dame besonderes Gewicht ans korrekte, zweckent- sprechende Kleidung legen, die sie, losgelöst von Heim und gesellschaftlicher Stellung, schon durch die bloße Erscheinung als den gebildeten Ständen augehorig dokumeuhert. Es bewahrheitet sich das Sprichwort: „Kleider machen Leute" doch wohl nirgends mehr als auf der Reise, wo jeder geneigt ist, den lieben Nächsten nach seinem Aeuß er en zu taxieren. Wer darum aus Sparsamkeitsrucksichteu halbverbrauchte Kleider durch die Strapazen einer längeren Reise völlig aufzubrauchen gedenkt, dürfte wenig ftreude an dieser ökonomischen Anwandlung erleben, da diese, abgesehen davon, daß sie die Trägerin manchmal tu peinliche Situationen bringt, stets auf Kosten des guten Geschmackes
9 Vom praktischen Standpunkt aus darf ein aus fuß- freiem Rock, leichter Bluse und kurzem Sachacket Mit oder ohne Schulterpelerine bestehendes Kostüm als der empfehlenswerteste Anzug für kürzere oder längere Reisen gelten. Will man ihn besonders elegant gestalten, so kann für jüngere Damen die Jacke durch em kurzes Falteii- äckchen, die Flanell- oder Waschstoffbluse durch eine Bluse aus getupftem Foulard oder weicher Liberty-Seide ersetzt werden, zu der man für Rock und Jäckchen statt des kras-


