Ausgabe 
11.5.1903
 
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In einer Anstalt?" fragte Clifford, kaum fettig, seine Stimme zu beherrschen.

Ja."

Ich kann es nicht glauben", sagte er heiser.

Run, ist das nicht besser, als als irgend etwas Anderes anzunehimen?"

Clifford konnte nicht sprechen.

Wissen Sie, was sich an dem Morgen ereignete, an oem George Claris wahnsinnig gefunden wurde?" fragte Miß Lansdowne jetzt.

Tie Frau in der nächsten Hütte erzählte mir die Ge­schichte", antwortete er.

Sagte sie Ihnen auch", fuhr Miß Lansdowne zögernd fort,daß Miß Claris in Ohnmacht fiel, als man ihr sagte, was ihren Onkel betroffen hätte? Und daß man unter ihrem Kopfkissen einen Beutel fand, der das am Abend vorher für die schiffbrüchigen Matrosen gesammelte Geld enthielt.

Cliffords Gesicht verwandelte sich,

Nein", sagte er rasch in dein Tone eines Mannes, der seiner! Entschluß über einen wichtigen Punkt gefaßt hat,das hat man mir nicht gesagt."

Gleichwohl ist's wahr. Wer könnte hiernach an der Schuld des Mädchens noch zweifeln?"

Ich" sagte Clifford ruhig.

Und noch eine andere Person--Miß Bostal. Sie

sind beide gleich hartnäckig und unbesonnen."

Miß Bostal nimmt ihr Partie? Ich hätte das nicht in der vertrockneten kleinen Person zu finden geglaubt", rief Clifford erstaunt.Ich wrll zu ihr hin, sie besuchen."

Tas ist gerade, wonach sie verlangt", erwiderte Miß Lansdowne rasch,Sie hat es mir so oft gesagt, daß, als ich jetzt Gelegenheit fand, Sie zu sprechen, ich sie ergreifen zu sotten glaubte."

Clifford blickte dankbar zu ihr herab.

Es ist sehr gütig von Ihnen, vielleicht gütiger Noch M Sie glauben."

Er war so tief bewegt, daß er sich nicht getraute, mehr Si sagen. Doch Miß Lansdowne, die eine teilnehmende eele war, verstand ihn, und lächelte.

Vielleicht kann ich mehr erraten, als Sie sich! Vör­stetten", sagte sie freundlichJ!ch muß bekennen, daß ich etwas über Sie und die kleine Nell Claris gehört und daran viel Anteil genommen habe. Sie wissen, daß sie da unten viel in jedermanns Munde war, weil sie schön und wirklich so viel schöner als irgend eine von uns war."

Ich hätte gedacht, es wäre unter der Würde der Graf- schäftsdamen", sagte Clifford mit einem verächtlichen Rümpfen der Lippen unter dem Schnurrbarte,das Dasein einer Schönheit anzuerkennen, die Mr die Nichte eines Gastwirts ist."

Nun, es war auch ein wenig danach!. Man sprach! von ihr, wissen Sie, wie vdn einer Wunderlichkeit der Natur, besonders geschah es von feiten der alten Damen. Sie nahmen immer die Mienen an, zu glauben, daß sie gar nicht wirklich lebendig, sondern nur eine Wachsfigur wäre, um angegafft uit'b ins Gesicht hinein bewundert zu werden. Einige von uns ich gehörte dazu aber glaubten, es wäre eine große Schande, daß ein fo lieb­liches und feines Mädchen an solchem Platze verkümmern sollte, und wir freuten uns sehr, als sie eine Aussicht zu haben schien, dahin zu gelangen, wo man sie für das halten würde, toaS sie zu fein verdiente."

Clifford schenkte ihr einen neuen, dankbaren Blick.

Miß Lansdowne fuhr fort:Und ds war eben dieses Interesse, das wir an ihr nahmen, und die Sorge, die wir empfanden, als dieses schreckliche Unglück über sie herein­brach, was mich fo seht wünschen ließ, Sie kennen zu lernen; Mr. King, und Sie genau wissen zu lassen, was man darüber dächte."

Sie sind sehr gütig. Ich kann es Ihnen nicht genug banken", sagte Clifford. Er konnte kaum sprechen, und als er diese Worte gestammelt hatte, entstand eine kurze Stille. Dann sagte er mit seiner gewöhnlichen StimmerWelchen Danz, sagten Sie, könnte ich haben?"

Und 'der Gegenstand vomBlauen Löwen" und seiner Geschichte wurde fallen gelassen. Nächsten Morgen aber, vor dem zweiten Frühstück, war Clifford in Srroan.

Es war ein ttarer Dag und es gab nur gerade so viel Wind; um die Luft auf seinem Wege durch die Marsch angenehm zu bewegen. Die Sonne Wen Ms den weißen

kreidigen Boden und die Stelle, wo der Leichnam Jems gefunden worden war, war nicht mehr durch ein äußeres Merkmal von dem übrigen grasAberwachsenen Rande der Straße zu unterscheiden. Man hatte angefangen, die Tra­gödie zu vergessen und selbst das frischere Interesse, das die neuerlichen Ereignisse imBlauen Löwen" erregt hatten, war in den Gemütern der Leute verblaßt durch den Ein­druck irgend eines zwar minder bedeutenden, aber neueren! Vorfalls in den Hintergrund gerückt worden.

TerBlaue Löwe" sah trübselig genug aus, da er schon seit einem Monat unbewohnt war. Mit seinen ge­schlossenen Türen, seinen gesperrten Fensterläden und den zerbrochenen Scheiben in feinen oberen Fenstern bildete er einen traurigen Gegensatz zu dem heiteren kleinen Gasthofs den er gekannt hatte. Keine Marktwagen hielten jetzt vor der Tür; die Enten und Hühner wanderten nicht mehr über die Straße hin; der Schuppen, in dem sonst das Wägelchen stand, war leer und in vernachlässigtem Stande.

Nachdem Clifford einmal um den Keinen Garten und zu dem Kuhstall hinabgegangen war, wo er Nell zum erstenmale begegnet war, eilte er fort von dem trostlosen Orte und suchte so schnell wie möglich Shingle End zu er­reichen.

Doch auß dieser Ort war wie verändert. Zunächst hatten die Stürme des Winters dem alten Hause arg mit­gespielt. Einige Schieferplatten waren fortgetrieben und nicht wieder ersetzt worden. Und ein Baum, der von einer Südwestkühlte niedergeworfen worden war, verrammelte jetzt das Keine bischen Raum, das den Bordergarten gebildet hatte. Er hatte beim Fallen die Ecke des Hauses be­schädigt, hatte einen der Außenläden eines Fensters des Besuchszimmers tu eggeriff en und ein halbes Dutzend der kleinen Glasscheiben zerschmettert, welche zerbrochen ge­blieben waren. Bogen von braunem Papier waren von innen vorgeklebt worden, den trostlosen Anblick des alten Hauses vervollständigend.

Als Clifford sich dem Tvre näherte, fand er, daß der Baum in einer Weife gefallen war, die es ihm unmöglich machte, hineinzukommen. Indem er zweifelhaft zu den oberen Fenstern emporsah, bemerkte er ein Keines ver­welktes, graues, gespensteryastes Gesicht, das hinter dem! dürftigen MusseliMorhang nach ihm hinspähte.

War es Miß Bostal oder war sie es nicht? Denn einen Augenblick blieb er ungewiß, die Hände am Tore, stehen. War irgend ein schreckliches Unglück, der Tod des Obersten! oder ein Krankheit der Tochter, auf den Matz wie ein Mel­tau gefallen? Sollte er zurückgehen und in der nächsten! Behausung Erkundigungen einziehen, ehe er wagte, sich iN irgend etwas einzudrängen, was vielleicht ein großer Kummer war? , t ' ol

Es stand ein altes kleines Gebäude dicht dabei, das einst ein Zollhaus gewesen war; er dachte dort an die Tür zu klopfen und zu versuchen, daselbst eine Auskunft zN erhalten und zog sich scheu zu diesem Zwecke zurück, als eüt hastiges Pochen an die Scheibe eines oberen Fensters, ihn veranlaßte, sich noch einmal umzusehen. Miß Theodora/ wenn sie es wirKich war, machte ihm ein Zeichen, rund herum nach der Rückseite des Hauses zu gehen.

Ihrer stummen Weisung gehorchend, fand er sich nach dem kleinen Seitentore in dem Gartenzaune zurecht,, ging durch dieses in den Garten und gelangte so an die Hinter­tür Zu seiner Ueberraschung bemerkte er, als er an den beiden unteren Fenstern, dem an der Seite und dem andern an der Rückseite des Hauses, vorbeigiug, daß die Fenster­rollen niedergezvgen waren. Dann mußte der Oberst sicher tot sein, dachte er. Er hatte nicht Zeit, darüber nachzu- denken, warum dann in Den oberen Zimmern die Fenster­rollen aufgezogen gewesen waren, da er schon jemand hörte, der im Innern einen Riegel wegschob, bann einen andern und noch einen andern.

Woraus die Tür ton Miß Bostal geöffnet wurde, die ihren Kops heraussteckte, einen furchtsamen Blick über deN Garten warf und bann, seine ausgestreckte Hand ergreifend, ihn hastig hereinzog und unverzüglich die Riegel wieder Vorfmiob.

Clifford konnte sich nicht enthalten, darüber zu lächeln/ obschon er sich Mühe gab, es nicht sehen zu lassen. Es toten ihm klar, daß die jüngsten Vorfälle in der Nachbarschaft ihr den Kopf wirr um» sie lächerlich ängstlich hiusickBto ihrer Keinen Person und ihres nicht eben wertvollen Eigen­tums gemacht hatten