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Ungefähr Vierzen Tage nach Rückkehr der drei Freunde in die Stadt fuhr an einem rauhen Abend vor dem „Mauen Löwen" ein in Stroan gemietetes Jagd- Gig vor, worin ein Herr saß, der dem Wirte mitteilte, auf dem Wege nach Courtstairs zu sein, aber das Meter zu rauh befunden habe, um weiter zu fahren und sehr erfreut sein würde, Unterkunft bis zum nächsten Morgen im Gasthof zu finden. Es war em angenehmer, gesprächiger junger Mann, und George Claris, der in letzter Zeit etwas verdrießlich und zurückhaltend geworden war, taute unter dem Einfluß des heiteren Wesens des Fremden aus und verbrachte den Abend rauchend und schwatzend am Feuer der kleinen Schenkstube. Nur einmal im Laufe des Abends bekam der Fremde Nell zu Gesicht.
Sie war in« Begriff über den Gang nach oben zu gehen, und erschien nur für einen Augenblick in der Tür des Zimmers, um ihrem Onkel etwas auszurichten. Als sie hier stand, fand der junge Mann gerade Gelegenheit zu erwähnen, daß er morgeu suchen müßte, weiterzukommen, da er für eine Firma, in deren Diensten er stände, Wertgegenstände mit sich sühre, die von einer andern Firma, an die er gesendet worden wäre, erwartet würden. Als er dieses sagte, bemerkte er, daß die erst lebhafte Farbe aus den Wangen des Mädchens entwich.
„Warum reisen Sie dann nicht heute abend noch fort?" sagte sie kurzweg, indem sie einen Schritt weiter rns Zimmer trat und die Augen ernst auf ihn richtete. >,Das Wetter kann morgen noch schlechter sein, und wenn Sw sich vor etwas Wind fürchten, so hätten Sie mit der Bahn und nicht mit Wagen reisen sollen."
Der junge Mann stand höflich! auf und sah sie aufmerksam an, als sie spracht Doch ehe er noch Zeit hatte, ein Wort in Antwort auf ihre Rede hervorzubringen, schickte der Onkel sie aus der Stube mit der keineswegs freundlichen Erinnerung, daß sie es nichts anginge.
Trotz der Wichtigkeit seines Auftrags schien der Fremde in keiner großen Eile zu sein, seine Reise sortzusetzen, denn als am folgenden Tag der Wind noch kalt und der Himmel noch trübe war, blieb er wieder im „Blauen Löwen".
George Claris hatte den schlimmen Verdacht, daß es die blauen Augen seiner schönen Mchte wären, die den Fremden so zaudern ließen, und er trug Sorge, daß das Mädchen während des ganzen Tages unsichtbar blieb. Wie er erwartet hatte, wurde es dem Manne sichtbar unbehaglich, und er fand bald Gelegenheit zu fragen, ob die junge Dame das Haus verlassen hätte.
„Nein", antwortete George kurz, „sie ist ganz richtig zu Hause, Sie werden aber nichts mehr von ihr zu sehen bekommen. Meine Nichte ist eine Dame, Sir, obwohl sie nur meine Mchte ist, und sie hat nichts mit meinem Geschäfte zu tun."
Der junge Mann schien, fast zum Erstaunen des Werts, ganz zufrieden mit dieser Auskunft zu sein.
Auch hatte er dazu allen Grund, denn er war ein Freund Otto Conybeares, den dieser junge Herr ausgesandt hatte, im mutmaßlichen Interesse Clifford Kings den Amateurdetektiv hier zu spielen, natürlich, ohne Clifford von dieser wohlwollenden Absicht in Kenntnis zu setzen.
Der junge Mann war sehr enttäuscht worden, daß dw erste Nacht seines Aufenthalts unter dem Dache des ^Blauen Löwen" ohne jedes Ereignis vorübergegangen war. Die zweite aber lieferte für diesen Mangel an Aufregung vollen Ersatz. Er fürchtete so sehr durch zu festen Schlaf einen möglichen Besucher zu verfehlen, daß «5 Mcht die Augen schloß; auch wurde er für seine Wachsamkeit belohnt, da er zwischen zwei und drei Uhr em. lerchtes Geräusch an der Tür hörte und einen Augenblick spater undeutlich bemerkte, daß eine Gestalt ftch im Zimmer herumbewegte.
t.v den Atem an, während der Eindringling
Kopfende des Bettes näherte, geräuschlos nra sich bückend und suchend. Endlich,
die jetzt als die einer Frau erkannt werden
Jenter Kleider habhaft wurde, und sie zu durchk- suchen begann, setzte sich der Amateurdetektiv, der über *entc Erregung nicht mehr Herr Werden konnte, tzn
Bette' empor, wobei er gerade so viel Geräusch niachte, um die Aufmerksamkeit des achtsamen Diebs zu erregen. Blitzschnell war dieser darauf durch das Zimmer und zur Tür hinausgeschossen. Der junge Mann, der auf diesen Fall vorbereitet war, sprang halb angezogen aus dem Bett und sttirzte zur Verfolgung der Flüchtigen aus den Absatz der Treppe hinaus. Die Frau hatte ihm den Vorsprung abgewonnen, und inzwischen die Hälfte der zu den Dachstuben führenden Treppe erreicht. Er lief ihr nach, sah sie die Tür zur Rechten öffnen, und sie hinter sich schließen. Er hörte im Schlosse den Schlüssel sich drehen. Ohne einen Augenblick zu zögern, warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür. Sie wankte, krachte, noch ein solcher Stoß und das alte morsche Fachwerk würde nachgegeben haben. Doch gerade als er mit voller Gewalt zum zweiten Male gegen die Tür stemmte, vernahm er das unverkennbare Geräusch vom Oeffnen des Stubenfensters.
Im nächsten Augenblick brach die Türe unter der Kraft seiner Stöße zusammen, und er stürzte gerade noch zeitig genug ins Zimmer, um hinter dem unteren Pfosten des offenen Fensters einen Kopf verschwinden zu sehen.
Ohne Zögern fuhr der junge Mann ans Fenster und blickte hinaus. Unter ihm befand sich das abfallende Dach des Hinterhauses, und obschon er niemand sehen konnte, schwang er sich doch hinauch glitt auf den Ziegeln herab und fiel dann jäh, wenn auch nicht sanft, aus den Boden, von wo er vor sich zwisch!en den Bäumen sich etwas Dunfles bewegen sah, dem er folgte.
Das schattenhafte Ding stand still. Ein Schrei entführ ihm, ein gedämpfter Schrei des Triumphs, als er erkannte, daß er den Gegenstand seiner Verfolgung einholen würde. Im nächsten Augenblick jedoch stieß er einen Schrei ganz anderer Art aus, und zwar einen viel lauteren, weil er sich ganz plötzlich in einem Bade eiskalten Wassers befand.
Da er durchaus keine Ortskenntnis besaß, war er geradeswegs in Den kleinen Fluß geraten. Sein Aufschrei und seine Rufe zogen rasch Hilfe herbei, denn der Wirt, der schon durch das Einbrechen der Treppentür oben geweckt worden war, stürzte halbangezogen heraus und zog ihn mit einem Boothaken wieder aufs Land.
„Der Dieb!" sprudelte der Amateurdetektiv aus klappernden Zähnen hervor. „Der Dieb! Ich hab' sie ertappt. Ich hab' sie ertappt."
„Welcher Dieb?" sagte Claris barsch, indem er den zitternden Mann mit nickt eben sanfter Hand nach der Hintertür des Gasthofs sckleppte. „Wen verstehen Sie unter dem Dieb, Sie einfältiger Mensch?"
„Sie werden — Sie werden es morgen schon sehen", erwiderte unerschrocken der andere, der in der Erregung seine eigene mißliche Lage gar nicht bemerkte.
„Wem gehört das Schlafzimmer hinten ganz oben rechts an der Treppe?"
„Das ist das Zimmer meiner Nichte", sagte Claris finster. „Und wenn Sie anzudeuten wagen, daß sie mit chrem tollen nächlichen Ausflug etwas zu tun habe, so werde ich Ihnen das bischen Verstand, das Sie haben, aus dem Leibe herausschüttelu."
„Das mögen Sie herzlich gern tun, wenn Sie nicht finden, daß sie ihr Zimmer verlassen und sich durchs Fenster fortgemacht hat. — Ah!" Plötzlich blieb er mitten im Kohlgarten, durch den sie gingen, stehen und wies auf eine weiße Gestalt, die sich ins Haus zurückstahl.
„Ist das Ihre Nichte — oder ist sie es nicht?" brüllte der junge Mann aufgeregt, indem er mit zitterndem Finger nach! der verschwindenden weiblichen Gestalt zeigte.
Statt zu antworten, sprang George Claris auf sie los und erfaßte das Mädchen beim Handgelenk, gerade als sie den Schutz des Hauses erreichte.
„Nell!" schrie der Mann in einem so rauhen, so schrecklichen Tone, daß er wie der eines Fremden klang.
Das Mädchen aber stammelte nur und zitterte und er wartete vergeblich aus Antwort.
(Fortsetzung folgt.)


