87
„Ja, das steht man wohl", stimmte Maureen bei.
„Jetzt aber bin ich eine alte Frau. Der Tod hat mich vergessen, alle meine Zeitgenossen habe ich überlebt. Das heutige Geschlecht ist ein Geschlecht von Emporkömmlingen, Geld ist alles und nur wenige vornehme Familien leben noch auf ihren alten Besitzungen. Einige von jenen heraufgekommenen, hier lebenden Leuten hatten die Kühn- heit, einen Verkehr mit mir anknüpsen zu wollen — Leute, die kaum in meines Großvaters Küche Aufnahme gefunden hätten. Ach ja, Stammbaum und Geld, das findet man jetzt nicht mehr beisammen."
„Manchmal doch wohl noch", sagte Maureen.
„Das sind seltene Ausnahmen. Sehen Sie z. B. meinen Enkel. Schon im elften Jahrhundert waren seine Vorfahren Edelleute, und was für eine soziale Stellung nimmt er jetzt ein? (Dabei hatte sie von seinem tatsächlichen Berufe nicht einmal eine Ahnung!)— Ach, ich sehe, Sie betrachten dieses Bild", fuhr sie nach kurzer Panse fort, „es ist das Porträt Rial Desmonds, eines bei Fontenoy gefallenen Obersts. Mein Enkel Terence gleicht ihm sehr. Ich wollte, Sie kennten ihn, Miß D'ArcY, er würde Ihnen sicherlich gefallen."
Terence! Ach- wie der Klang dieses Namens ihr Herz erbeben machte!
„Ich kenne Mr. Desmond, wir trafen ihn diesen Sommer in Bullybay."
„Wirklich? Ist das möglich?" rief die alte Dame, indem sie sich noch gerader aufrichtete und das junge Mädchen mit durchdringenden Blicken betrachtete. „Er wird wohl zum Fischen dort gewesen sein. Wie er sich doch in der Welt herumtreibt! Ich möchte wohl wissen, wann er endlich einmal wieder die Absicht hat, hierherzukommen."
„Er trug mir auf, Sie von ihm zu grüßen."
„Na, große Sehnsucht scheint er nicht nach mir zu haben. Terence liebt überhaupt nicht viele Menschen. An seiner Mutter hing er allerdings sehr und auch an Konstanze; was mich jedoch betrifft, so glaube ich, daß sein Hund einen größeren Teil seines Herzens einnimmt, als ich. Und wie mhl überhaupt dieses Herz ist! So viel ich weiß, hat es noch niemals wärmer für eine Frau geschlagen."
"Diese kalte - Natur stammt von seiner Mutter her, denn die Desmonds waren immer ein feuriges, verliebtes Geschlecht. Mso Terence läßt mich grüßen, sehr freundlich von ihm. Wenn es nach meinem Kops ginge, so würde er hier unter meinem Dach leben und meine Geschäfte besorgen. So aber —" Madame schwieg und preßte die Lippen zusammen. — „So aber", dachte ihre Zuhörerin, „arbeitet er von früh bis spät, um Ihnen ein üppiges Leben zu ermöglichen."
„Er ist auffallend hübsch finden Sie nicht auch?" fragte die alte Dame. „Dort ist ein Mld von ihm als schwarzer Ulan", fuhr sie, auf eine große, eingerahmte Photographie zeigend, fort. „Ein schöner Kopf, nicht wahr?"
„C ja, gewiß."
„Wie ich hörte, war er sehr beliebt bei seinem Regiment. Jetzt soll er sich eben nach einer guten Heirat umsehen, aber er macht sich ja nichts aus Damengesellschaft, und Geld hat er kemes, oder doch wenigstens nur ein sehr kleines Einkommen, das er mit mir teilt. . Kennen Sie Terence näher?" fragte sie weiter. „Wie lange waren Sie zusammen?"
„Ungefähr zwei Monate."
„Du liebe Zeit, so lange!" ries sie, und ihre alten Augen drückten höchste Neugierde aus. „Da haben Sie wahrscheinlich immer zusammen gefischt, getanzt und Ms- flüge gemacht? Sie waren natürlich im gleichen Hotel?"
Maureen errötete vor Verlegenheit, als sie antwortete: „Nein, Mr. Desmond wohnte nicht in unserem Gasthof." „Wahrscheinlich war es dort zu teuer für ihn. Terence hat nämlich die sonderbare, ich möchte sagen plebeifche Ansicht, immer alles bar bezahlen zu wollen. Na, ich bezahlte früher vor Ablauf von drei Jahren überhaupt niemals etwas — es wurde aber auch gar nächt von Mir verlangt; die Kaufleute zogen laufende Rechnungen vor. Terence hat diese Eigentümlichkeit auch von seiner Mutter geerbt. Sie war das schönste Mädchen von Dublin, als sie meinen Sohn heiratete; ich aber machte mir nicht viel aus ihr. Man kann übrigens auch nicht verlangen,
daß man die Frau des ältesten Sohnes, die nach einem an die Herrschaft kommt, besonders liebt. Vor zehn Jahren starb Helene. Sie hatte entsetzlich strenge Grundsätze, und Terence ist ganz gleich geartet; Schulden sind ihm ein Greuel, und ich kann Ihnen versichern, daß er mir einmal einen höchst erzürnten Brief schrieb, weil ich ihrn eine lumpige kleine Rechnung von neunzig Pfund für Wagenmiete fchickte."
„Ich weiß, daß er nicht reich ist", fagte Maureen.
„Hat er Ihnen von seinen Verhältnissen erzählt?" fragte sie, Maureen einen forschenden Blick zuwerfend.
„Nur so viel, daß die Besitzungen unter gerichtlicher Verwaltung stehen, und daß verschiedene wichtige Urkunden auf geheimnisvolle Weise verschwunden seien. Sie werden wohl auch keine Ahnung haben, was daraus geworden ist, gnädige Frau?"
In Madames elfenbeinfarbene Wangen stieg ein fernes Rot, während ihre kurzer: Finger die Armlehne ihres Stuhls fest umklammerten und fie ihrerr Gast scharf ansah. „Ich bitte Sie, wie sollte ich etwas davon wissen?" rief sie ganz erregt. „Vor einiger Zeit wurde einmal lächerlicherweise die eingehendste Haussuchung bei mir gehalten und Kisten und Kasten durchstöbert, aber natürlich ohne Erfolg Gott gebe, daß man die Papiere wenigstens nicht zu meinen Lebzeiten findet, denn so lange sie fehlen, kann wenigstens das Schloß nicht verkauft werden."
Der Mblick des halb zerschlissenen Lehnstuhlüberzugs, die Erregung der alten Dame und der ärgerliche Klang ihrer Stimme gaben Maureen zu denken. Sie hatte ja von jeher ein besonderes Geschick, Dinge zu entdecken, an denen andere Leute achtlos vorübergingen. Prüfend betrachtete sie den Stuhl. Eine der unförmigen Armlehnen war breiter als die andere und auf dieser stand ein kleiner, goldener Fingerhut. Ganz oben an der Stuhllehne klaffte ein Riß im Brokatstoff und darin stak eine fein eingefädelte Nadel. Sicherlich war die Urkunde in der Polsterung der Stuhllehne versteckt. — Kein Wunder also, daß die Haussuchung erfolglos gewesen war.
„Stricken oder nähen Sie viel?" fragte Maureen.
„Jetzt nähe ich keinen Stich mehr, obwohl ich, gottlob, noch meine gesunden Mgen und Sinne habe. Früher aber da sttckte und malte ich viel auf Sammet, denn damit unterhielten sich in meiner Jugendzeit die vornehmen Damen, anstatt tote jetzt auf schmutzigen Rädern durch die Welt zu jagen. Warum interessiert Sie das?"
Maureen lag es auf der Zunge, nach dem Zweck des kleinen goldenen Fingerhutes zu ftagen, allein fte drängte klugerweise die Worte noch rechtzeitig zurück, und ehe fte eine Antwort fand, öffnete sich die Türe und andere Gaste wurden angemeldet, so daß sie rasch aufstand und stch
verabschtedete.^nein 1{e6eg Äinb; besuchen Sie mich bald wieder", sagte Madame in freundlichem Tone. ,,^hr hübsches irländisches Gesicht gefällt mir. Ich zeige -ohnen dann meine Miniaturbilder und Diamanten. Sie können ja auch allein kommen", fügte sie, Bryda bedeutungsvoll zunickend, bei.
„Haß Du jemals einen solchen Drachen gesehen?" fragte Bryda, als sie aus dem Haufe traten. „Aber ich mache mir nicht das Geringste aus ihren Grobheiten Sie schickt häufig nach mir, damit ich mit ihr Tricktrack spiele, und dann hat sie auch stets eine Menge neuer Bucher und Zeitschriften, die sie mir leiht. Du ahnst sicherlich nicht, daß ich ein großer Liebling von ihr Bin?"
„Nein, allerdings nicht", rtef Maureen, :n Helles Lachen ausbrechend. _ , ,
„Und doch ist es tatsächlicy so. Sie hat nm eme echte Perlenkette geschenkt und mir gesagt, daß fie mn gerne eine gleiche aus Smaragden geben wurde, wenn es nicht ein Fideikommißstnck wäre, das fte für Mr. Desmond
Ja utto' noch etwas bewahrt sic auf, oder vielmehr^ sie hält es verborgen, und das sind die Urkunden."
„Die Urkunden? Die Eigentumsurkunden?"
',3a wohl, ich Bin überzeugt, daß sie ganz genau weiß, 11)0 „Warum aber um des Himmels willen giebt sie sie bann nicht heraus? Doch sage mal, ist der Enkel nett? Wir haben ihn niemals zu sehen Bekommend
„Ja, wir hatten ihn recht gern."
„Was machte er denn in Ballybav?"


