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Das kennt man", bemerkte Staunton trocken, worauf ihn Hamor ansah und lachte.

Von Natur liebenswürdig, hatte Hamor, neben der Wertschätzung, die er fiir Guenu in künstlerischer Beziehung hegte,das kleine Ding wirklich sehr gern". Der Verkehr mit den bretaguischen Kindern machte ihm überhaupt Freude, er gab sich häufig mit ihnen ab.und fand, daß jein Aufenthalt iu Plouvenec in vieler Hinsicht sehr förder­lich für die dortige Jugend sei. Besonders machte Guenn unter seiner Leitung die erstaunlichsten Fortschritte in Sitte und Benehmen; sie schien ihm sehr bildungsfähig und merkte, was ihm mißfiel, ohne daß er ein Wort zu sagen brauchte. Hamor ivar stolz auf seine» Einfluß, aber weit entfernt, die wahre Sachlage zu erkennen, trotz seines Scharfblicks und aller Klugheit, aus die er sich nicht wenig einbiloete. . r

Ein kleiner Auftritt, der sich auf dem alteu Friedhof zu Beuzec abspielte, hätte ihm wohl die Augen öffnen können, wenn es ihm der Mühe wert gewesen wäre, darüber nach- zudenken. Ter kleine Friedhof war Hamors Lieblingsplatz; er saß gern auf den ausgetretenen Stufen vor dem alter­tümlichen steinernen Kruzifix, auf denen Jahrhunderte hin- durch fromme Beter gekniet hatten, oder sah die Dorskiiider zwischen den Gräbern spielen und versuchte die alten bre­tonischen Namen und unleserlich gewordenen Inschriften auf den Grabsteinen zu entziffern.

Auch heute war er nach der alten Kirche gewandert und hatte Jeanne und Guenn mitgenommen, für den Fall, daß er ihrer bedürfen sollte. Nannics Kommen und Gehen war stets ungewiß, doch zeigte Hamor für alle Launen und Eigen­heiten des Knaben nur die freundlichste Duldung.

Guenn war in rosigster Stimmung, sie glühte vor Leben und Bewegung. Innerhalb der vier Wände eines Ateliers, das sah sie jetzt wohl ein, mußte sie sich zusammennehmen, aber hier, unter Gottes freiem Himmel, durfte sie sich dem Gefühl schrankenloser Freiheit überlassen. Laut auf- jubelnd, sog sie die kühle, frische Herbstluft mit vollen Zügen ein und tobte den so lang unterdrückten Uebermut in den wildesten Sprüngen über Gräben und Hecken aus. Hamor fand sie gaH unwiderstehlich in ihrer überwallenden Lebens­freude; der Anblick ihrer Anmut und Geschmeidigkeit war eine immer neue Quelle des reinsten künstlerischen Ge-- nusses fiir ihn. Es erhöhte noch Guenns glückliche Stimm­ung, als sie sah, tote sein Blick mit Wohlgefallen «ns ihr ruhte. Sie ging ganz und gar in der Freude des Augen­blicks auf, für sie gab es weder Vergangenheit noch Zukunft.

Auf dem Friedhof angekommen, suchte sich Hamor ein eit günstigen Platz auf der mit Epheu umsponnenen, Niederen Mauer und begann eine Skizze der kleinen Kirche zu ent­werfen. Ter einfache edle Bau mit den zarten Moosen und üppig wuchernden Schlinggewächsen auf dem alten Gestein lag in stimmungsvoller Beleuchtung vor ihm. Wenn ich hiermit keinen Treffer tue", sprach er halblaut, mehr zu sich selbst, als zu seinen kleinen andächtigen Zu­hörerinnen gewendet,so wird es mich reuen, wenn ich einmal von Plouvenec fort bin. Die Landschaft ist so echt bretagnisch in ihrer Färbung und wundervollen Einfach­heit. Ich muß wirklich den Augenblick benutzen; aber wie soll ich das Bild ausfasfen, still und einsam, so ime es letzt vor mir liegt, oder von Landleuten wimmelnd? Wie würde sich Guenn als Braut darauf ausnehmen und ein glänzender ländlicher Hochzeitszug?" ,

Sofort sah er im Geist, wie sie verschämt errötend im Kreise der festlich gelleideten Brautjungfern stand, er sah den ganzen Zug die jungen Männer mit der Pfauenfeder am Hute, die reichen, alten bretonischen Stickereten in Silber, Blau und Scharlach, die glänzend weißen Hauben, die Musiker mit den Sackpfeifen. Aber wo war die glück­liche Braut? Vor ihm stand nur ein todesbleiches Mäd­chen, zitternd, wie vom Frost geschüttelt, das ihn mit starren, trostlosen Augen ansah. Unmutig strich er sich mit der Hand über die Stirn: sie hatte ihn gestört, hatte ihm die reizende Vision vertrieben!

Was hast Du, Guenn" fragte er kalt.

Gehen Sie fort, Monsieur?" stammelte sie ängstlich.

Fort?" Er hatte seine Worte von vorhin gänzlich vergessen.Nein noch nicht in einer Stunde viel- . leicht."

Ich meinte ob Sie fort gehen fort aus Plouvenec?"

Er machte große Augen; die Sache begann ihn zu

verdrießen. Warum sah sie ihn auch so flehend an mit dem bleichen Gesicht? Er wollte doch Bilder entwerfen. Nun ja, natürlich, mit der Zeit", warf er gleich- giltig hin.

Wann ist das?" stieß das Mädchen bebend hervor.

Wenn ich mit meinen Studien hier zu Ende bi» und Plouvenec mir nichts mehr bieten kann", erwiderte er sorg­los,ich studiere dann weiter au einem anderen Orte."

Guenn wandte sich ab und schritt hasttg dem niederen Säuleugang der kleinen Kirche zu.

Was fällt dem Mädchen ein?" überlegte Hamor auf der Mauer sitzend,etwas scheint sie zu verdrießen, aber wozu diese tragische Miene? Sie hat mich gern, das weiß ich sehr wohl; warum auch uicht? Es ist so natürlich, ich habe viel Einfluß auf sie, bin freundlich zu ihr und sie hat noch wenig gebildete Männer gesehen. Die Sache ernst­haft zu nehmen, wie mir Staunton ansinnt, dazu kann und mag ich mich nicht entschließen. Alle Frauen und Kinder haben mich gern, warum sollte Guenn eine Ausnahme machen? Es ist nichts als eine Mädchenlaune, die sie bald vergessen wird und dann ihren Alain heiraten. Nur das Eine wäre unangenehm, wenn sie den heiteren Sinn ver­löre und damit ihren größten Reiz- ihre Züge passe» uicht zur Sentimentalität. Ich muß wirklich Sorge tragen, sie bei Laune zu erhalten, damit sie hübsch bleibt. Mehr kann ich nicht tun, ich kann mich doch nicht in das Kind verlieben, das wäre rein unmöglich; auch möchte ich um keinen -Preis der Welt mit ihr schäkern und schöntu»! Da gilt es de»n vor allem, so rasch wie möglich mit den: Hauptbild zu beginne»!"

Während dieser Betrachtungen war Hainor aufgestanden und auf denr Friedhof umhergewandert; jetzt fiel sein Blick aus eilt kleines, vernachlässigtes Kindergrab. Der ver­witterte Stein war mit Brombeergestrüpp überwuchert. Yves Hernadan zwei Jahre alt", stand darauf zu lesen. Guenn war leise wieder herbeigeschlichen, voll Reue über ihr hastiges Benehmen von vorhin. Von ferne beobachtete sie Hamors Mienen, die von warmem Mitgefühl zeugten, als er sich jetzt über das lleine Grab beugte, um mit den feinen Händen die stachligen Ranke» auseinander zu wirren.

Arme, kleine Seele, ruhe in Frieden!" sprach er vor sich hin.Freilich, wenn Du das »ach vierhundert Jahren noch nicht tust, ist wenig fiir Dich zu hoffen." Guenn lauschte atemlos guf seine Träumereien. Was ging ihn dieser Yves Hernadan an? Warum hatte er für ihn ein so liebevolles Lächeln und für sie nicht einmal einen freund­liche» Blick? Was konnte sie dafür, daß ihr das .Herz so weh tat?Eine kleine Traueresche eine lleine Eiche eine kleine Nessel" murmelte Hamor wieder über das Grab gebeugt, sei» Blick schien sich in ferne, vergangene Zeiten zu versenken Guenn ertrug es nicht länger. Seine Teilnahme sür dies unbekannte, längst dahingeschtedene Wese» brachte sie zur Verzweiflung. Mit einem wilden, zornige» Aufschrei schlug sie die Hände vors Gesicht,ich hasse diesen Yves Hernadan!" brach es leidenschaftlich aus der gequälten jungen Brust, daun schwang sie sich wie ein Pfeil über die Mauer und lies, ohne sich umzuschauen, querfeldein. ,

Nun, das muß ich sagen!" kam es unwillkürlich von Hamors Lippen, dann zuckte er leicht die Achsel» und blickte auf Jeanne und Nannic, ctls wolle er sagen:Jch tvasche meine Hände in Unschuld". Plötzlich aber durchfuhr ihn der Gedanke:Wie, wenn sie gegangen wäre, um nicht wiederzukommen? Wenn mich das launische Kind gUgutcx- letzt doch noch im Stiche ließe!" Guenn war nicht mehr zu sehen; ihre Abwesenheit machte sich ihm sofort fühlbar - er vermißte den Anblick ihrer strahlenden Schönheit.

die wird wieder kommen, wieder wieder, ,

sang" Nannic, der mit ausgestemmten Annen an einem alte» Grabstein lehnte, mit feierlicher Stimme.

Ich glaube Dir, kleiner Salomo", entgegnete Hamor

Jeanne war sehr zufrieden mit der Wendung der Dinge. Es wollte ihr gar nicht gefallen, wen» Guenn nut ver­störten Augen jeder Bewegung Monsieurs folgte. Sie tn wildem Zorn über Gräben und Hecken sturmen zu sehen, war weit natürljcher und paßte so viel besser zu ihr, daß Jeanne sich wirklich erleichtert fühlte. Unmöglich, hatte Guenn noch länger iu Sanftmut und Gehorsam wandeln könne», ohne ihrer Freimdi» gerechten Anlaß zu ernst­lichen Befürchtungen zu geben.