Samstag den 10. Oktober.
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(Nachdruck verboten.)
IM FMemädcheil non der Stettin
Von B. W. Howard.
(Fortsetzung.) 13. Kapitel.
„Miz Du", der schwarze Monat, wie die Bretagner den November zu nennen pflegen, war für unsere Maler eine sehr fluchtbare Zeit. Die Arbeitsstunden wurden zwar kürzer und die Whistabende länger, aber dafür bot die Landschaft ganz besondere Reize. Glanz und Glut des Hochsommers waren zu jenen weichen, unbestimmten Farbentönen verschwommen, die im Spätjähr das Entzücken, abev auch die Verzweiflung des Malers bilden. Ein zauberischer Duft und Schimmer lag über den wogenden Flachsfeldern, den Ginsterbüschen, dem Heideland, auf jeder bemoosten, halbverfallenen Mauer, in den schattigen Laubgewölben der alten Haine, in den Hohlwegen und den tiefen Buchten des Ufers. Nur der Spätherbst hat so warme Däne, so zarte Färbungen, die er mit meisterhaften Pinsel- strichen bald hier bald da geschickt anzubringen versteht.
„ Die jungen Leute arbeiteten jetzt meist im Freien, um die schönen Tage so viel wie möglich auszunützen. Hamor war noch nre so glücklich und zufrieden gewesen; im Vollgefühl der Kraft und Gesundheit, gespornt von rastlosem Ehrgeiz und der Hoffnung aus wachsendes Gelingen, setzte er seinem Eifer keine Grenzen. Bald allein, bald in Gesellschaft seiner Genossen, entwarf er die reizendsten Studien und Skizzen, hauptsächlich von Guenn, die ihn zu imnrer neuen Entwürfen anregte.
Ebenso genau jedoch wie er Guenn studierte in-allen Stellungen und Bewegungen, studierte sie ihn. — Während der vielen, langen Stunden, in denen er seine ganze Aufmerksamkeit auf eine Linie, einen Schatten, einen Farbenton ihres jugendlichen Kolorits richtete, beobachtete sie jede ferner Mrenen und Geberden und strengte alle Kräfte ihrer lerdenschaftlichen Natur an, um sein innerstes Wesen zu ergründen. Er übertrug ihr Bild auf die Leinwand, sie prägte das seine fest irr ihr Herz ein. Bon Anfang an hatte der Gedanke an ihn sie verfolgt, und seit jenem Morgen, als sre zuerst den Fuß über dre Schwelle seines Studios gesetzt, beganu für sie ein neues Leben. War sie früher aufs ersrrgste bestrebt gewesen, ihn zu fliehen, so trachtete sre letzt mrr danach- ihn, jeden Wünsch an den Augen ab- Kulesen. Er war ihr nichr mehr der unvermeidliche Schatten, der überall auf ihren Weg fiel — er war wie der Sonncn- schern, den sre so sehr liebte, ein Teil ihres eigenen Daseins geworden Erst jetzt schien sie eigentlich zu leben. Mit wahrem Mrtleid gedachte sie oer alten Guenn, die noch! gar nicht gewußt hatte, was es heißt, morgens aufzustehen, erfüllt von dem Reiz eines schönen Gestern, von der Freude
auf ein noch schöneres Heute, da sie wieder die freundlichen Blicke sehen, die weichen Laute hören sollte, die ihr Herz erbeben machten. Sie war überglücklich, Stunde auf Stunde bei ihm zu sitze,r, nützlich zu sein, und die Befriedigung darüber in seinen Zügen lesen zu dürfen, jedem Wink seiner Hand, seines Blickes zu folgen — das war jetzt ihre Wonne- ihr Leben. Ihrer übrigen Pflichten entledigte sie sich in fieberhafter Eile, um desto schneller zu ihm zurückzukehren.
Erschien Guenn beim Waschen, so war sie, zu Jeannes größtem Bedauern, meistens zerstreut und ließ sich die schönste Gelegenheiten zur Entfaltung ihres Redeflusses häufig entgehen. Doch häufig war ihr Sinn nvch stolz und keck wie zuvor. Es hätte wohl einer langen, schweren Letdensschule bedurft, um dieses ungestüme, heiße Herz sanft und demütig zu machen. In ihrem Eifer, Hamor zu gefallen, nahm sie jedoch wenigstens zeitweise ein äußerüchi gesetztes Wesen an und war unablässig bemüht, sich den neuen Eindrücken hinzugeben, die sie aus jener fernen Welt empfiirg, aus jenem unbekannten Leben, dem der wunderbare Mann entstammte, mit ivelchem sich keiner vergleichen ließ. Ihre alten Freunde liebte sie wohl wie früher, hatte aber jetzt wenig Zeit für diese. Sie war zurückhaltender in ihrem Benehmen und fand abends auf dem Dorfplatzj und am Quai kein Vergnügen mehr daran, die Seeleute in ihrer eigenen Münze heimzuzahlen, weder mit scherz-, haft gemeinten rohen Späßen, noch mit freundschaftlichen Püffen. Tie groben Stimmen verletzten ihr Ohr, seit es sich gewöhnt hatte, eine gebildete, wohltönende Sprechweise zu hören. Tie rauhen Sitten erschienen ihr abstoßend. Monsieur Hamor fluchte niemals in ihrer Gegenwart, Mon- s,eur Hamor war nie roh und heftig. Monsieur Hamor besaß feme leutene Taschentücher, er hatte schön gepflegte Hände- deren sicheren Bewegungen sie mit Bewunderung folgte.' Ihr junges Herz trieb eine wahre Abgötterei mit diesem! Manne, sie hätte zu seinen Füßen liegen mögen, um vor! Wonne zu vergehen, wenn nur sein Auge gütig auf ihr ruhte. Sie sang nicht mehr die Lieder der anderen Mädchen! mit, sie lauschte nur auf die Musik seiner geliebten Stimme.
Hamor selbst ivar sehr zufrieden mit dem Verlauf der! Truge. Er gestand feinen Freunden, daß Guenn ein Modell fet, wie er es iioch nie besessen. „Ihr Verständnis ist wirklich erstaunlich", pfelgte er zu sagen, „sie gehorcht auf ein Zucken der Wimper. Der bloße Gedanke, daß ich sie mir hätte entgehen fassen können, macht mich noch jetzt ganz wild. Tie Studien, zu denen sie mir sitzt, müssen für den Rest meines Lebens ausreichen, denn ich kann kaum erwarten, je wieder auf einen solchen Juwel zu stoßen."
, »Sie wird aus Deinen Bildern so typisch sein, wie das Weib des Andrea des Sarto auf den feint gen", war Staun-i tons ruhige Bemerkung.
„Meittetwegen, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht von ihrem Reiz betört bin, sondern nur praktische Zweckes in Erwägung ziehe. Alle Modelle der Welt würden umsonst ihre Lreblichkeit an mich verschwenden."


