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Und Tuenn kam wirklich wieder. Nach Frauenart glaubte sie selbst schuld zu sein an dem Schmerz, den Hamor ihr bereitet, und hätte ihn lieber nochmals erlitten. Bleich und zitternd weilte sie am Wend auf dein Dorfplatz und folgte den vorübergleitenden Schatten mit heißen Augen. Sie war so glücklich, den Helden ihrer Träume zweimal zu entdecken. Die Hände fest auf das pochende Herz gedriickt, stand sie mit verhaltenem Atem, als er im Dunkel an ihr vorüberschritt; er sah sie nicht und hatte wohl auch keinen Gedanken für sie, a»ber Guenn hörte seine Stimme und zog niit Entzücken den feinen Duft seiner Zigarette ein, ein Zeichen, daß ihr angebetetes Ideal in ihrer Nähe weile. Und doch sollte die Zeit kommen, da er fort sein würde auf immer, sie würde nicht mehr um ihn sein können Tag für Tag im Atelier oder draußen in Wiese und Wald ; die andern saßen dann an den Tischen, auf denen die kleinen Gläser standen, und er war nicht dabei — sie konnte nie mehr sein Gesicht sehen, seine Stimme hören! Nein — das war nicht möglich! Es ließ sich nicht fassen! Irgend etwas mußte geschehen, es zu verhindern! Dieser Gedanke gab ihr Mut und Hoffnung zurück. Gewiß, es mußte sich etwas ereignen, ehe solches Elend, solcher Jaminer über ihr Leben hereinbrach.
Am nächsten Morgen erschien sie zur gewöhnlichen Stunde pünktlich im Studio. Hamor scnrd, daß sie blaß aussah, und überlegte besorgt, wie mißlich es für ihn wäre, wenn Guenn ihre schönen Farben einbüßen sollte.
„Ich muß suchen, sie zu versöhnen, natürlich ohne dabei etwas von meinem Einfluß zu verlieren". Auf seinen sogenannten Einfluß legte Hamor großen Wert. Nachdem er Jeanne und Nannic unter einem schicklichen Borwand weggeschickt hatte, wandte er sich rasch entschlossen zu Guenn.
„Guenn, ich möchte einmal ernsthaft mit Dir reden." Sie sah aus, als ob ihr nichts in der Welt erwünschter sein könne. Wenn er sie dabei anschaute, sich ihrer Gegenwart bewußt war, und nicht Betrachtungen über verfallene Gräber rind unausstehliche tote Kinder anstellte, konnte sie froh und glücklich sein. Fragend und erwartungsvoll blickte sie mit ihren wundervollen Augen zu ihm auf.
Der lehrhafte Ton, in dem Hamor begann, war nicht geschickt gewählt. In kritischen Momenten ist auch der Weiseste von uns mitunter vom richtigen Gefühl verlassen. Es war, als ob der Geist seiner puritanischen Vorfahren über ihn gekommen sei. Er hielt eine förmliche Predigt über das Laster des Jähzorns und die Tugend der Selbstbeherrschung und entwarf ihr zum. Schluß das Bild eines wohlerzogenen Mädchens, das sich sittsam und bescheiden benimmt, und sich nie einfallen läßt, im Zorn über Kirchhofsmauern zu springen.
Dies Mustermädchen schien keinen sonderlichen Eindruck auf Guenn zu machen. Ihre Wangen färbte,; sich wieder mit rosiger Glut; sie hörte aus seinen zürnenden Worten nur die persönliche Teilnahme heraus, nach der sie verlangte, und lauschte zufrieden dem Klange seiner Stimme, die sich in ununterbrochenem Redefluß ergoß.
Plötzlich hielt Hamor betroffen inne. „Bin ich ein Narr oder ein Heuchler — oder beides?" fragte er sich aufrichtig. „Was kümmern mich die Launen und das Benehmen dieses Mädchens? Mich bekümmert einzig und allein mein Bild!"
Er schritt ungeduldig im Atelier auf und ab und kehrte dann mit völlig verändertem Ausdruck auf seinen Platze zurück. Der Prediger war verstummt, nur der Maler kam noch zu Worte: „Guenn!" hob er eifrig an, „denke nicht mehr an gestern. Ich will Dich nicht mehr tadeln und ermahnen. Springe über so viele Mauern in Plouvenec als Du magst, gerate meinetwegen alle Tage in Zorn, aber hilf mir da, wo ich Deine Hilfe gebrauche. Hilf mir, Guenn!"
Wie elektrisiert fuhr das Mädchen auf; dieser Ton machte sie vor Freuden erbeben.
„Nur Du kannst mir helfen, niemand sonst. Siehst Du, ich spreche ganz offen mit Dir, weil ich Dich für ein vernünftiges Mädchen halte. Ich sagte Dir schon früher einmal, daß ich nur für meine Kunst lebe, für sie ganz allein! Ihr würde ich alles zum Opfer bringen, nichts wäre mir zu groß, nichts zu kostbar! Du wirst das kaum ganz verstehen, aber vielleicht begreifst Du mich doch, wenn ich Dir sage, daß es für mich eine Lebensfrage ist, das Bild zu malen, das mir vorschwebt — mein großes Bild — Dein Bild, Guenn!"
(Fortsetzung folgt.)
Maudereien aus der Kaiferstadt.
(Nachdruck verboten.)
Von der Wagner-Woche: Dos Denkmal. — Die Konzerte. —- Die Kosten. — Der Sündenbock. — Sudermanns „Sturrn- geselle" und die Kritik.
Während an anderer Stelle in unserem Tiergarten ohne Trara, Bumbum und Tanitamschall für Ludwig von Beethoven, Josef Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart in aller Stille ein Denkmal errichtet wird — eins für alle drei! —, hat die Enthüllung des Wagnerdenkmals ein volles Vierteljahr und darüber die Meinungen erregt, die Spalten der Tageszeitungen gefüllt und schließlich einen .Haufen Geld gekostet, sür den man eine ganze Siegesallee von Musikermonumenten hätte errichten lassen können. Die treibende Krast, die durch allerlei Anfeindung aufgestachelt, zuletzt wohl aus Trotz, so auf Holz- unb Irrwege geriet, war die Eitelkeit eines Großindustriellen, der in Köln selbst einmal zur Kunst gehört hatte und durch seine Fabrikate — Schminke und Puder — eine lose Verbindung mit der Bühne, dem Tummelplatz Wagner- scheu Könnens, behielt, als er schon fünffacher Millionär und Kommerzienrat war. Er ist nun „Geheimer" geworden trotz aller Gegenströmungen, das Denkmal ist enthüllt ohne die Beteiligung der Familie und der intimen Freunde Wagners, der Groll wird verrauchen, die Zeitungen "werden nach einer neuen Affäre Umschau halten — und die Geschichte wäre damit aus. Aber wir haben doch dem Auslande gegenüber wieder einmal bewiesen, was für „ein einig Volk von Brüdern" wir noch immer sind trotz aller Errungenschaften von anno 70. Das ist traurig. Außerdem haben wir ein mittelmäßiges Denkmal mehr; denn nicht Eber lein, sondern Hildebrand hätte dieses Monument schaffen müssen, wenn es wirklich ein „großes" hätte werden sollen. Das ist trauriger. Drittens aber haben löir durch die endlose Leichnerhetze hundert Leute kopfscheu gemacht, die dem Moloch Eitelkeit vielleicht auch et» tüchtiges Opfer gebracht hätten zu Nutz und Frommen großer Toter oder lebendiger Hungerleider, die es vielleicht noch mehr verdienen! Und das ist am traurigsten. Berlin ist nicht überreich an Stiftungen, deren letzte Ursachen in 99 Fällen auf ähnliche Motive zurückzuführen sind. Warum soll man Wohltaten verhindern, weil ein bischen Eigenliebe dabei im Spiele ist? Wahrlich, weniger wäre hier wieder einmal mehr gewesen! Die in der Festwoche veranstalteten Konzerte boten mit wenigen Ausnahme;: ganz hervorragende Leistungen. Mer das musikfreudige Berlin blieb ihnen ostentativ fern, wie Frau Cosima oder „Ditz Meisterin", wie man im „Wahnfried" ehrfurchtsvollnärrisch zu sagen beliebt, der Denkmalsweihe. Die Künstler spielten und sangen vor leeren Stuhlreihen, weil es beinahe zum guten Ton gehörte, nicht dabei-zu sein. So vervielfachten sich natürlich die Kosten, und der Sündenbock, der dafür um so tiefer in die Tasche greifen mußte, war der arme Herr Kommerzienrat. An 300 000 Mark mag ihm die Kampagne wohl gekostet haben, wenn nicht gar mehr. Mer daß er seinen Platz behauptet hat gegen diese Flut von Hohn und Haß, ist schließlich doch auch eine Leistung, die man anerkennen muß, nachdem man mit Bedauern gesehen hatte, wie er den richtigen Zeitpunkt zu einem taktvollen Rücktritt unbenutzt hatte Verstreichen lassen.
Hermann Sudermann hat ihm den Gefallen getan, die erste Ablenkung zu liefern. Am Samstag wurde sein neuestes Bühnenwer-k mit dem bizarren Titel „Der Sturmgeselle Sokrates*) int „Lessingtheater" zum ersten Male gegeben. Er wollte darin zeigen, wie Ideale, die eine Zeit lang alle Herzen erfüllten, verblassen und morsch und hinfällig werden, und eigensinnige Leute, die sich mcht von ihnen trennen können, langsam der Lächerlichkeit anheimfallen. Leute aus den vormärzlichen Tagen, die in einer ostpreußischen Stadt an einem damals geschlossenen Bunde der „Sturmgesellen" festhalten, die jeder ihren Bundesnamen haben, und mit den allmählich blechern gewordenen Sturnttiraden einer bewegten Zeit noch immer Wirkung zu erzielen glauben! Leute, an beiten bie großen Tage von Seban unb Versailles spurlos vorübergegangen fitib unb bie von ihrem Nachwuchs erlangen, baß er ihren zur blöden Grimasse gewordenen Tyraunenhaß als Ver-
*) Verlag von I. G. Cotta in Stuttgart.


