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selben Fakultät in gesellschaftlichen Verkehr gekommen war, war bocri an und für sich nicyr eigentlich geeignet, irgend einen dunklen Verdacht zu erregen.' Daß ich den Verkehr hätte abbrechen müssen, als der junge N. zu mir in die Klasse kam, wird man auch nicht gerade als sittliche Pflicht bezeichnen können. Nun hat freilich ein Anwalt erklärt, es wäre richtiger gewesen, wenn ich wenigstens während der kritischen Zeit der Versetzung den Besuch unterlassen hätte. Er werd vielleicht milder über meine Handlungsweise urteilen, w.enn ich bekenne, daß ich wegen einer voraus gegangenen Einladung gerade damals der Familie einen Dank- besuch schuldig war und wenn ich die bestimmte Versicherung abgebe, daß bei dem Besuche des Sohnes und seiner! Versetzung oder Nichtversetzung auch nicht mit . ein er Silbe Erwähnung geschah.
So war also der wirkliche Tatbestand. Aber wie naheliegend war doch auch der Argwohn der Schüler und wie überzeugend ihre Kombination! Der junge N., als Pro- fessorensvhn, soll „natürlich" „durchgedrückt" werden: das ist von vornherein klar. Er übersetzt int Lateinischen vor dem Direktor besser wie gewöhnlich Höchst verdächtig! Endlich wird festgestellt, daß der Ordinarius am Tage vorher bei seinen Eltern Besuch gemacht hat. Nunmehr ist durch Indizienbeweis erwiesen, daß dieser den bevorstehenden Besuch des Direktors und womöglich gar die Stelle verraten hat, die dem Sohne zum Uebersetzen vorgelegt wird.
Das alles erfuhr ich erst einige Zeit nachher durch die Meldung des jungen N., der gegenüber den fortgesetzten Sticheleien von Mitschülern meinen Schutz anrief. Daß der arme Junge, dessen Nichtversetzung damals schon so gut wie seststand, nun gar noch wegen besonderer „Begünstigung" von feiten seiner Lehrer durch seine Mitschüler drangsaliert würde, das war doch wahrhaftig ein hartes. Geschick, und ich suchte ihn nach Möglichkeit zu trösten und zil beruhigen: er möge doch dem albernen Gerede keinen Wert beilegen, er wisse doch so gut wie ich, daß kein wahres Wort daran sei!
Aber die Sache beschäftigt mich doch mehr, als ich ihm zu erkennen gab. Sollte ich etwa die Schüler, die diese, Reden führten, bestrafen? Das hätte das Gerede vielleicht äußerlich unterdrückt, aber der Argwohn hätte wohl bei einzelnen erst recht Wurzel gefaßt. Wer gerade das Vertrauen der Schüler erscheint mir von dem größten Mert, nicht sowohl um meiner als um ihrer selbst willen: ist es ja doch die Voraussetzung alles erziehlichen Einflusses!
So komme ich zu der Ueberzeugung, daß es das Richtige sei, durch eine ganz ruhige und offene Besprechung der Sache die Schüler von der Haltlosigkeit und zugleich der Verwerflichkeit ihres Geredes zu überzeugen. Als nutt kur zdarauf der Direktor mit mir in die Geschichjtsstunde ging, um N. und noch zwei andere, deren Leistungen ich mit der Note 5 bezeichnet hatte, zu prüfen, da erscheint mir die geeignete Gelegenheit zu dieser Besprechung gegeben. Gerade dadurch daß ich in Anwesenheit aller Beteiligten die Sache unbefangen zur Sprache brächte, wollte ich den Schülern zeigen, day wir bei unserem Verfahren das Licht nicht zu scheuen bräuchten, und ich wollte sie zugleich darauf Hinweisen, daß sie an der Prüfung sehen könnten, wie man mit Sorgfalt nach einer gerechten Beurteilung ihrer Leistungen strebe.
Nun wollte es ein unglücklicher Zufall, daß der Direktor meine einleitenden Worte nicht in dem von mir beabsichtigten Sinne auffaßte: er meinte, ich wolle ihn entschuldigen, daß er überhaupt zu dieser Prüfung erschienen sei, und einer solchen Entschuldigung glaubt er nicht zu bedürfen. So erhebt er Einspruch gegen meine Auseinandersetzungen und erklärt, er wolle später darüber mit mir Rücksprache nehmen. Ich anderseits bin überzeugt, — und drücke dies auch aus, daß nur einige Worte genügen, die Sache klar zu stellen, er beharrt jedoch darauf, daß ich mit der Prüfung Beginne.
Diese fällt ungünstig für N. aus; auch der Direktor gewinnt die Ueberzeugung, daß feine Leistungen in Geschichte nicht genügend fiitb.
In der darauffolgenden Pause teile ich ihm mit, was ich eigentlich den Schülern sagen wollte; daß es mir völlig fern lag, sein Kommen zu entschuldigen; daß es vielmehr nur meine Absicht war, die gegen ihn und mich ausge- streuten Verdächtigungen durch eine; offene Aussprache in
Pädagogische Betrachtungen
(anläßlich eines Tagesereignisses).
Von Dr. A. Messer, Oberlehrer und Privatdozenten der Philosophie und Pädagogik.
Gerechtigkeit in der Schule.
Gerecht soll der Lehrer sein: das ist einer der Hauptforderungen der Eltern und Schüler, und vielleicht über nichts sind Klagen häufiger als über ungerechte Behandlung und Beurteilung.
Sollte nun der Grund dieser Klagen wirklich nur auf feiten der Lehrer liegen? Sollten sie, die doch auch einmal Schüler waren, mit dem tiefen Bedürfnis der Jugend nach Gerechtigkeit, sollten sie durch ihre „Herrscherstellung" in der Schule auf einmal zu Despoten geworden sein, die den Sinn für Gerechtigkeit verloren haben?
Gewiß ist es für den Lehrer auch bei redlichem Streben und fortwährender Selbstkontrolle schwer, in seinem Don gegen die Schüler und in seiner Beurteilung ihrer Leistungen dem Ideal der Gerechtigkeit einigermaßen zu entsprechen; gar zu zahlreich find die seelischen Vorgänge, die unwillkürlich ihn irre führen können. Aber nicht minder gut laßt sich auch psychologisch begreifen, wie ans kleinen Anlässen, ja gelegentlich aus einem wahren Nichts, Zweifel an der Gerechtigkeit der Lehrer bei Schülern und Eltern entstehen können.*)
Ueberaus belehrend ist dafür „der Fall N." Ich muß zum Verständnis desselben vorausschicken, daß am hiesigen Gymnasium, wie wohl an den meisten höheren Schalen Hessens» die Sitte besteht, daß der Direktor sich die Schüler, deren Versetzung unmöglich oder zweifelhaft erscheint, von dem Klassenführer bezeichnen läßt und vor der Versetzungskonferenz noch eine Prüfung mit ihnen vornimmt. Der Direktor hat ja bei der Versetzung der Schüler mitzuwirken. Kennt er nun die Schüler, die infolge ihrer Noten nicht ohne weiteres zur Versetzung reif erscheinen, nicht selbst vom eigenen Unterricht her, so bleibt ihm, um sich über sie zu informieren, doch kaum ein anderer Weg, als daß er sie selbst prüft oder in seiner Gegenwart prüfen läßt — wenn er natürlich sich auch wohl bewußt sein wird, daß jede Prüfung nur ein „notwendiges Hebel" ist, da manches Wichtige durch solche gar nicht festgestellt werden kann und das Ergebnis oft durch Zufälligkeiten beeinträchtigt wird.
Also, der Sitte entsprechend, war auch im März 1902 der Direktor des Gymnasiums eines Dages, und zwar an einem Montag, in den lateinischen Unterricht der Ober- Sekunda gekommen und hatte den unterrichtenden Lehrer ersucht, auch den Schüler N. zum Uebersetzen aufzurufen. N. übersetzt, und zwar — nach seiner eigenen Aussage — besser wie gewöhnlich: er gehört zu den Jungen, die bei besonderen Gelegenheiten sich in besonderem Maße zu- sammennehmen und dadurch hier und da Besseres leisten wie sonst.
Nach dem Ende der Unterrichtsstunde umringen ihn nun mehrere Mitschüler auf dem Hofe und reden auf ihn ein: Du hast gewußt, daß der Direktor heute kommen sollte! Deshalb ging das Ueberfetzen so gut! Du sollst eben „durchgedrück-t" werden! Ihr Professorenföhne seid ja immer besonders gut daran! — Und nun ist gar einer unter der Schar, der gesehen hat, wie: am Sonntag vorher der Ordinarius bei den Eltern N.'s Besuchs gemacht hat. Und nunmehr ist ja die Sache ganz klar: der Direktor und der Klassenführer wollen N. nach der Unter-Prima durchdrücken!
Besagter Ordinarius war nun meine Wenigkeit. Ich unterrichtete in der Klasse deutsch und Geschichte. Ich war damals schon bei Feststellung der Noten zu dem Ergebnis gekommen, daß ich dem jungen N. in der Geschichte nur die Note 5 geben könne, und da mir der Lehrer des Französischen bereits gesagt hatte, daß er bei ihm die gleiche Note erhalten werde, so war es bet der hier herrschenden Versetzungspraxis so gut wie sicher, daß er nicht versetzt werden würde. Ferner, daß ich als Privatdozent der philo- sophtschen Fakultät, mit der Familie eines Professors der-
*) Ich habe mich über den psychologisch interessanten und für das Schulleben recht bedeutsamen seelischen Vorgang, der dabei besonders in Bettacht kommt, näher ausgesprochen tn meiner Schrift: „Die Wirksamkeit der Apper- ceptton in den persönlichen Beziehungen des Schullebens". Berlin, 1899


