Ausgabe 
10.7.1903
 
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Etwas von Papas einziger Schwester", sagte Ellinor weich.Ich weiß, daß sie frühe gestorben ist." Sie öffnete den Umschlag und fand darin eine Blume, ein zerbrochenes Medaillon mit dem verblichenen Bildnisse eines zarten jugendlichen Gesichtchens und einen Brief, den sie sofort zu lesen begann.

Aber wie eine schwere Wolke oft plötzlich die Sonne verdunkelt, so legte sich der Schatten eines großen Schreckens über Ellinors lächelnde Miene.

Wieder und ivieder las Ellinor die mit unsicherer Hand geschriebenen Zeilen, und ihre Äugen öffneten sich weit vor Angst und Staunen. Ern scharfer Ausruf der Ent­täuschung entfuhr ihren bebenden Lippen dann barg sie das verhängnisvolle Schreiben in ihrer Tasche, flog nach ihren! Zimmer, ergriff den -ersten Hut, der ihr in die Hand fiel, ein breitrandiger mit zartfarbigen Straußen­federn geschmückten Strohhut, rief einem vorbeigehenden Diener zu, er möge ihrem Vater bei seinem Eintreffen sagen, daß sie sehr bald wieder zurückkäme und eilte an das Wasser hinunter, um in ein Boot zu springen. In aller Hast ruderte sie nach der Villa hinüber, schritt über den Rasenplatz in ihrer schimmernden Seide, mit den blitzenden Diamanten und wallenden Federn; wie eine Feenkönigin anzusehen und machte erst an dem langen Fenster des Frühstückszimmers Halt, wo sie Herrn Doktor Wilson im Gespräch mit einer unsichtbaren Person drinnen bemerken konnte.

Eine Mietskutsche mit zwei Postpferden stand vor der Stalltür; der kleine Pvnywagen des Rektors hielt an dem vorderen Eingang. Ttotzdem machte Ellinor sich keine Sorgen darüber, ob sie vielleicht eine wichtige Unterredung störe, sondern klopfte leicht an die Scheibe und winkte dem Doktor, unverzüglich herauszukommen. Was sie zu sagen, hatte, erlitt keinen Aufschub.

Doktor Wilson zögerte einen Augenblick, vielleicht um sich bei seinen Besuchern zu entschuldigen, dann öffnete er die Glastür und trat heraus. Er sah ungewöhnlich erregt aus , aber Ellinor bemerkte nichts davon; sie konnte an nichts anderes denken, als an die Sache, dre sie hergeführt hatte.

O Doktor Wilson, lesen Sie dieses schreckliche Ding! Vielleicht" mit einem Beben der Stimme, das sie ver­geblich zu unterdrücken suchte,vielleicht bin ich gar nicht die richtige Ellinor!"

Der Brief, dem sie ihm entgegenhielt, trug auf der Außenseite von Frau Grahams Hand die Worte:Von Beatrice".

Antwerpen, März 185 .

Ich schreibe Dir, teuerste Mutter, solange ich noch dazu imstande bin, denn immer mehr schwindet mir die Hoff­nung, Dich wiederzusehen. Sechs lange Monate wagte ich keinen Brief an Dich zu richten, weil Du mir den letzten ungeöffnet zurücksandtest, aber ich hoffe, daß Dein Groll gegen mich sich jetzt gemindert hat. Ich weiß, daß ich Dich durch meine Heirat ftirchtbar beleidigte, und ich flehe Dich an, vergib mir jene unüberlegte Handlung, die ich aber nur bereue, weil sie mrcb Dir entfremdet hat, glaube mir, liebe Mutter, nur allein deswegen. Wenn ich ein langes Leben vor mir hätte, so könnte ich mir keinen bessern Gatten wünschen, als Paul es ist. Aber meine Tage sind zezählt, ich fühle deutlich, daß ich ihn bald verlassen werde, hn und meine kleine Tochter. Wenn ich mein Kind einmal n Deinen Armen sehen könnte, o welche Sorge wäre mir ramrt vom Herzen genommen! Wir haben unseren Lieb- ing nach Dir Ellinor genannt, und ich bitte Dich innig, wende dem armen, unschuldigen Geschöpfchen einen Teil Deiner Liebe zu, wenn ich nicht mehr bin. Geliebte Mutter, lebe wohl!

Deine Beatrice."

Wann und wo sanden Sre dies?" fragte Dr. Wilson und Ellinor erzählte es ihni.Dann erfuhren wir beide ja fast gleichzeitig die erstaunliche Neuigkeit", sagte er,eine merkwürdigere Verwicklung ist mir noch nie vorgekommen!"

Verwicklung?" wiederholte Ellinor traurig.Ei, das ist doch alles nur zu einfach. Es war nicht ihres Sohnes Kind, dem Großmama Graham ihre Reichtümer zudachte, sondern das ihrer Tochter! Und"

Und das Merkwürdigste dabei ist", unterbrach sie der Doktor, ,chie betreffende junge Dame befindet sich rm Augenblick in meinem Hause. Das Beste, was Sie tun

können, Fräulein Graham, ist, hineinzugehen und mit ihr zu sprechen."

Feiges Zögern lag nicht in Ellinors unerschrockener Natur. Sie schöpfte tief Atem, als ob sie im Begriff sei, sich in ein kaltes Bad zu stürzen, und betrat dann, ohne eine weitere Silbe, hoch ausgerichtet das Zimmer.

Bei ihrem Eintritt erhoben sich zwei Herren und ein junges Mädchen, dessen außerordentlich bleiche, liebliche Züge ihr sogleich bekannt vorkamen es waren jene des Bildnisses in dem zerbrochenen Medaillon.

Fräulein Ellinor Graham Fräulein Ellinor Forest", stellte Dr. Wilson vor. Daun bat er seine junge Nach^- barin, Platz zu nehmen, und sank selbst auf einen Stuhl nieder, als ob ihm diese neuesten Verwicklungen doch etwas zu viel seien.

Einige Sekunden lang saßen die beiden Verwandten sich schweigend gegenüber. Dann bot Westfields abgesetzte Körngin der Kousine die juweleufunkelnde Hand:Ich glaube, ich habe mir Ihre Rechte angemaßt, Kousine Ellinor", sagte sie, und ihre Stimme klang ein wenig härter als gewöhnlich,aber es geschah ganz ahnungslos. Ich hoffe" ihr Ton wurde etwas weicher, als sie die zarte anmutige Gestalt Aimees lercm erbeben sahich hoffe, Sie ioerden sich in Westfields glücklich fühlen. Was mich betrifft, so kehre ich in mein eigentliche Heimat zurück und mein Hierherkommen wird Sie nicht geschädigt haben."

Die süße, traurige Stimme, die ihr antwortete, be­rührte sie eigentümlich. Aimee erblickte in diesem schönen, hochherzigen Mädchen nur Jene, die ihr geraubt, was kein Reichtum je ihr ersetzen konnte.

Ich weiß, daß Sie niemals die Absicht hatten, mich zu schädigen, und an dem Leid, das mich betroffen, tragen Sie keine Schuld. Aber von Ihrem Weggehen darf nicht die Rede sein. Wenn es wahr ist, daß dieses ganze Besitztum mir zufällt, so bedarf ich nur sehr wenig davon. Sie werden hier bleiben, gerade, als wenn ich nie gefunden worden wäre."

Niemals!" ries Ellinor lebhaft.Das tväre ja der reinste Diebstahl!"

Herr Norris", fuhr Aimee fort, auf den ältern Herrn ihrer Begleitung bleckend,wird für uns beide alles in Ordnung bringen."

Ellinor wußte, daß Herr Norris der Sachwalter der Familie Graham war, und wandte sich fragend an ihn: Brachten Sie meine Kousine hierher? Und wie kommt es, daß Sie bisher nie von ihr sprachen?"

Weil ich selbst nichts von ihr wußte, mein liebes junges Fräulein. Ich bin über diese Entdeckung ebenso überrascht, wie Sie selbst."

Aber wer wird mir denn sagen, was Fräulein Forest hierherführte und warum sie nickst schon früher kam?" ries Ellinor aufgeregt, und der Fremde, der bisher nur still beobachtet hatte, ergriff jetzt das Wort:

Mir scheint, daß jetzt an mich die Reihe gekommen ist, hier Auskunft zu geben. Dieses Fräulein Ellinor Forest, von ihrer frühesten Kindheit' anAimee" genannt, bis sie fast vergaß, daß sie noch einen anderen Namen hatte, ist eine junge Dame, die ich vor etwa achtzehn Tagen in Brüssel kennen zu lernen das Vergnügen hatte. Beson­derer Umstände halber, die Fräulein Forest nach Belieben erklären kann oder nicht, entschloß sie sich, auf unserer Reise durch Europa uns zu begleiten. Anstatt zuerst den Süden auszusuchen, kam es mrr vergangenen Samstag ist den Sinn, nach London zu fahren. Hier erhielt Fräulein Forest durch die Dame, bei der sie in Brüssel gewohnt hatte, einen Brief, der uns sofort wieder aus die Beine brachte, da sie so freundlich war, meinen Rat zu befolgen. Hier ist dieses Dokument, zu jedermanns Einsicht, der klar daraus zu werden vermag. Dre Geschichte klingt etwas ge­heimnisvoll."

Lassen Sie mich sehen!"

Ellinor ergriff den eng beschriebenen Bogen, den Htzrr Henderson seiner Brieftasche entnahm, und während sitz dessen Inhalt studierte, reichte Herr Dr. Wilson den kürz­lich aufgefundenen Bries von Aimees Mutter den übrigen Anwesenden.

(Schluß folgt.)

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