Frettsg den 10. IM.
Nr. 101.
1903.
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(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau.
(Fortsetzung.)
12. Kapitel.
Klar und sonnig tagte der zweite September über Westfields. Ellinor befand sich, in unbeschreiblicher, halb freudiger, halb angstvoller Erregung, denn in wenrgen Stunden durfte sie ihren Vater und Verlobten erwarten.
Was würde Alex sagen zu allem, was sie ihm mitzuteilen hatte? Wie würde ihr ernster Vater ihr eigen-- mächtiges Vorgehen aufnehmen? Würde sie, allen bösen Zungen und lächerlichen Vorurteilen zum Trotz, hier bleiben und an Alex' Seite sich ihres schönen Besitztumes erfreuen, oder feige und mutlos nach, dem freiern Lande ihrer Kindheit flüchten? Dies waren Fragen, die sie den langen Vormittag über eifrig beschäftigten. Und- wie ein Sehnen kam es über sie, nach ihrer ersten Heimat, nach ihrer Mutter, deren ängstliche Besorgnis, ihre Töchter zu Damen ?u erziehen, sie manchpral halb lächerlich gefunden, die ie aber jetzt ganz verstehen konnte. Sie fragte sich gerade, wann und wo ihr Wiedersehen mit der Mutter wohl stattfinden werde, als Herr Pott nach seinem täglichen Besuche bet Fräulein Bassett bei ihr vorsprach.
„Unsere Kranke drängt ganz verzweifelt daraus, von hier wegzukommen", sagte er. „Ich glaube, Fräulein Graham, entschuldigen Sie meine Freiheit, es kommt daher, weil sie nie nach ihr sehen. Jetzt, da Herr Graham und — ein Freund, nicht wahr? — bald hier eintrefsen werden, fürchtet Sie, Ihnen im Wege zu fern."
Nicht für ihr Leben hätte Ellinor einen leichten Sarkasmus in ihrer Antivort unterdrücken können.
„Wenn Fräulein Bassett sich, nicht außerordentlich! verändert hat, Herr Pott, so ist es sehr unwahrscheinlich, daß sie auf meine Gefühle oder mein Behagen irgend welche Rücksicht nähme. Wenn Papa hier ist, werde ich- sie vielleicht einmal besuchen, aber vorher nicht. Bitte, geben Sie ihr zu verstehen, daß Zimmer und Bedienung ganz zu ihrer Verfügung sind, bis sie zum Reisen kräftig genug ist."
„Ich. versichere Sie, Fräulein Graham, sie bleibt nur allein deswegen hier, weil ich, ihr noch nicht erlaubt habe, wegzugehen. Aus freiem Willen würde sie ihre schweren Verpflichtungen gegen Sie nicht noch vermehren."
„Dann sorgen Sie, daß sie dieselben nicht als Verpflichtungen empfinde", antwortete Ellinor rasch. „Ich, würde für jeden Dienstboten des Hauses ganz das Gleiche tun. Aber je eher sie imstande ist, Westfields den Rücken zu kehren, desto angenehmer wird es für nn» beide sein, Herr Pott."
Schon die bloße Erwähnung des Fräuleins Bassett Krachte Ellinors Blut in Wallung, Heule aber hatten sie
des Doktors Worte noch besonders unangenehm berührst, und vor ihren inneren Augen stieg lebhaft jene häßlrchS halbe Stunde auf, -als die Gesellschafterin ihren längst berechneten Streich ausführte und die ganze Bosheit ihres Charakters unverhüllt zeigte. „Ein einfaches Landmädchen mag meine Mutter gewesen sein", sagte Ellinor für sich, vor einem großen Spiegel sich zur vollen Höhe aufrichtend. „Aber Gott sei Dank, auch ein ehrliches! Ich denke, Alex wird sich ihretwegen nicht von mir abwenden; ich will ihm vertrauen. Aber —" der Gedanke fuhr ihr durch den Sinn, beim Anblick ihres Spiegelbildes, — „so soll er mich nicht hier finden. Was ich auch sonst sein möge, ich bin eine -Erbin und sollte auch, wie eine solche aussehen." Damit lief sie die Treppe hinauf, um ihr einfaches Morgen kleid mit einer ihrer Stellung zukommenden Toilette zu vertauschen.
Die Dienste einer Jungfer hatte sie von Anfang an verschmäht, und so wählte sie denn jetzt allein die eleganteste! ihrer Roben aus schimmernder Seide, reich mit kostbaren Spitzen garniert. Aber selbst dies genügte ihren Ansprüchen noch nicht. Sie probierte ein Schmuckstück nach dem andern und legte es bei Sette, bis plötzlich! ein glücklicher Gedanke sie erfreut in die Hände klatschen ließ.
„Meine Diamanten!" rief sie mrs. „Jetzt ist die richtige! Zeit dafür. Für wen soll ich sie zum erstenmale anlegen, wenn nicht für Alex? Und Papa erlaubte mir ausdrücklich, sein altes Pult zu öffnen. Daß ich dies nur bis jeW ganz vergessen konnte!"
Ohi« eine Minute zu verlieren, suchte sie das kleinsi Kabinett aus, das an Frau Grahams Sterbezimmer anstieß. Hier stand das -alte Pult, mit seinen vielen Schlössern und Messingbeschlägen. Von dem oberen Fache hing der kleine Schlüssel herab, den Arthur Grahams Mutter bis! zu ihrem Tode an dem Bande um den Hals getragen hattet Dieser Umstand brachte -Ellinor auf die Vermutung, daß die geheimen Fächer des alten Möbels irgend welche Privat- sachen ihres Vaters enthalten müßten. Aber er hatte ihr geschrieben, daß er nicht das Geringste zurückgelassen hab^ was von Wert für ihn sei. Von ihrem Rechte Gebrauch machend, erbrach Ellinor nun die großen Siegel, die der vorsichtige Testamentsvollstrecker angelegt hatte, öffnete das Pult und sand nach, kurzem Suchen das Led-eretui mit den Jutvelen, deren wunderbare Schönheit sie in wahres Entzücken versetzte. Mit diesen neuen Zeichen ihres Reichtums geschmückt, wollte sie eben wegeilen, ohne die vielen anderen Schubladen auch, nur geöffnet zu haben, als ihr der Gedanke kam, es könnten vielleicht noch andere Schätze; hier verborgen sein.
Aber die schwach duftenden, mir Cedernholz eingelegten Behältnisse waren alle leer. Nur das mittlere, ein ent kleinen Schränkchen ähnliche Gefach, blieb noch $n durchsuchen. Mit einiger Schwierigkeit öffnete Ellinor die zierlichen Schiebe» tiiren, und vor ihren Augen lag .ein kleines Pakeichen, das die Aufschrift trug: „Von meiner Tochter".


