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dem schönen Tal wenig beschäftigt m.v crogelenkt haben. Aber diese Ungunst des Wetters empfand er als persönliche Kränkung. Wenn er, der berühmte Künstler, hierherkam, um gesund zu werden, dann hatte der Himmel zweifellos die Verpflichtung, seinen Weg mit Sonnengold zu überstreuen und in einen Pfad des Triumphes zu verwandeln. Statt dessen verbarg sich die Sonne vor ihm und ließ den unzähligen, kleinen Wintergeistern freies Spiel, um den großen Mann Zu verspotten und zu quälen. Er hatte sich schon lange unruhig auf seinem Platz am Fenster hin und her bewegt, nach seinem Hols, nach seinem Kopf, nach dem Verschluß des Fensters gefühlt, — jetzt war er zum Resultat -gekommen: es zog! Ein seiner, kaum bemerkbarer, aber in seiner Konsequenz höchst unangenehmer Zugwind strömte herein und erfüllte den Sänger mit heißem Erschrecken. Seine Stimme! Ilm sie zu erhalten, hatte er die Reise unternommen, und nun mußte er die neue, drohende Gefahr für das kostbare Kleinod in seiner Brust angstvoll erkennen. Er arbeitete am Fenster umher, drückte, rüttelte und preßte, doch alles umsonst; wie ein kleiner, wohlgezielter, geschliffener Pfeil drang die kalte üuft unablässig zu ihm herein.
Wotan hatte bisher seine Reisegesellschaft kaum an- geschaut. Jetzt erst blickte er im Coups umher, weil er die Möglichkeit erwog, seinen Platz mit einem anderen, gefahrloseren zu vertauschen. Ihm gegenüber in der andern Fensterecke saß ein Herr, dessen Aussehen und Gepäck den reifenden Kommis zur Genüge verrieten. Er hatte sich gleich in München zum Schlafen zurechtgerückt und war seitdem nicht wieder aufgewacht. Neben ihm drückte sich eine nervös ausfehende alte Jungfer in ihre Ecke gegen das mittlere Scheidepolster des engen, achtsitzigen Eoupös nach österreichischer Art. Sie hatte sich in ein türkisch gemustertes Umschlagetuch nach lange vergangener Mode gewickelt und hielt ein großes Vogelbauer mit einem grün-roten Papagei aus dem Schoße. Zuweilen flüsterte sie leise mit dem Vogel; vielleicht erzählte sie ihm von einem sonnigen Ort im Süden, wo sie ihre Gesundheit und er ein Bild seiner fernen Heimat finden sollte. Dazwischen nickte sie ein, und wenn sie dann in unbewußter Sorgfalt das Bauer fest an ihre flache Brust preßte, unternahm das gelangweilte Tier mit seinem krummen Schnabel Angriffe auf das bunte Unischlagetuch, das ihn zu ärgern schien.
An der anderen Seite des Coupss, der Schiebetür zum Korridor des Durchgangswagens zunächst, saßen zwei Damen. Auf dem Vordersitz eine ältere von mächtigem Leibesumfang, mit einem unendlich gutmütigen, trotz der Fülle noch vornehmen Gesicht, von grauem Haar umrahmt, das unter einem schwarzen Kapottehut in kleinen, hintereinander aufsteigenden Wellen wohlgeordnet hervorkam. Ein dickes, über das Hutband vvrquellendes Doppelkinn setzte diese Wellung um das Gesicht her fort und verstärkte den Ausdruck behaglicher Daseinsfreude, von dem die Gestalt erfüllt war. Ten Eckplatz ihr gegenüber hatte eine junge Dame inne, ihr ähnlich genug, um sich als ihre Tochter zu verraten, und doch unendlich verschieden von ihr. Alles, was dort in Zügen und Linien verschwommen und undeutlich geworden war, zeigte sich hier klar, schars, bestimmt. Ein wenig zu scharf und bestimmt sogar, um noch ganz anmutig, ein wenig zu energisch, um ganz weiblich zu fein. Es lag ein herber Reiz in dem klugen Gesicht mit dem römischen Profil und den blauen, klaren Augen, die prüfend und scharf auf die Dinge der Außenwelt blickten. Die moderne Figur luar durch ein zartes Geringel von goldbraunen Locken nur eben angedentet, indem sie die Ohren ivie mit einem leichten Schleier verhüllte ; auf die Mitte der Stirn legte sich ein fester geringeltes, nach beiden Seiten auseinander strebendes Löckchen. Es sah beinahe aus wie eilt doppeltes Fragezeichen, und mochte für ein Symbol des wißbegierigen Forschergeistes gelten, der hinter dieser Stirn wohnte. Ein dunkelblaues Reisekleid, vom zurückgeschvbenen, pelzgefütterten Mantel halb verdeckt, zeigte die schlanke, vornehme Figur.
Ter Rückplatz- an ihrer Seite war frei, und nachdem der Sänger die Damen ein Weilchen prüfend betrachtet hatte, stand er kurz entschlossen auf, um sich dort nieöer- zulafsen. Ten Pelz hatte er nicht abgelegt, obwohl das Eoupä gut durchwärmt toar; die Reifedecke nahm er mit hinüber.
„Tie Damen werden entschuldigen", sagte er höflich und griff an den Schirm feiner Reisemütze, „aber dort am Fenster zieht es abschenlicki. Ich möchte es einmal mit diesem Platz versuchen, vorausgesetzt, daß ich die Damen nicht belästige."
Tie ältere, ihm schräg gegenüber, nickte nur freundlich ein paarmal, wobei das Doppelkinn merkwürdig auf» und niederquoll; zum vielen Reden war sie augenblicklich offenbar zu bequem, obwohl sie in all' ihrer Fülle gescheit genug aussah, um verständige Worte vermuten zu lassen. Auch mit der Tochter hatte sie nur ab und zu einmal gesprochen. Diese entgegnete nun an ihrer Stelle sicher und schnell. Tie Stimme, die er hörte, ließ den Sänger ausblicken; sie entsprach garnicht den Schärfen im Aeußeren der Dame. Voll, tief und biegsam klang sie ihm entgegen; er hatte selten ein so wohltuendes Organ gehört.
„Sie belästigen uns in keiner Weise", sagte sie. „Im Gegenteil, Sie tun mir einen außerordentlichen Gefallen, wenn Sie mir gestatten, Ihren Fensterplatz einzunehmen. Hier sieht man so wenig."
Sie war ausgestanden, indem sie sprach und ging nun, da er sich zustimmend verneigte, zu dem Sitz am Fenster hin, den er verlassen hatte. In all' ihrem Tun war etwas Bestimmtes, Sicheres, das man fühlte, ohne dadurch verletzt zu werden; über die Grenzen der vornehmen Erziehung ging es niemals hinaus. Auch das Schwanken des Wagens hemmte sie nicht im festen, ruhigen Schreiten. Aus ihrem neuen Platz rückte sie sich behaglich mit einer gewissen Freudigkeit zurecht und reinigte mit dem Vorhang das beschlagene Fenster.
„Ich habe die Pslicht, Sie zu warnen, gnädiges Fräulein", sagte Rauchmann. „Es zieht dort wirklich."
„Tas macht mir nichts", gab sie zur Antwort. „Ich fürchte mich nicht vor der Lust. Wenn man auf dem Lande ausgewachsen ist wie ich, da bleibt man fein Leben lang gut Freund mit ihr. Solange man gesund ist, natürlich", setzte sie hinzu, nachdem sie ihn eine Sekunde lang aufmerksam betrachtet hatte. Während sie es tat, zwinkerte sie ein paarmal schnell hintereinander mit den Augen. Ter Sänger bemerkte diese Manier jetzt zuerst; hinterher sand er heraus, daß diese Bewegung sich stets wiederholte, wenn feine Nachbarin einen Gegenstand oder einen Menschen prüfend anschaute, — noch mehr, wenn irgend etwas ihre Spottlust erregte.
„Ich bin Gott sei Dank gesund; bei Ihnen ist es wohl etwas anders. Sie sehen ein wenig leidend aus." ,
„Leidend? Ich? O nein, da täuschen Sie sich, gnädiges Fräulein. ' Aber ich fand es dort am Fenster wirklich ungemütlich. Hier dagegen — ja, hier ist es in der Tat reichlich warm." , . ,, ,
Um seine Gesundheit zu bezeugen, lüftete er jetzt auch seinen Pelz und schob ihn zurück.
„Nun, umso besser", gab die Dame zur Antwort. „Ich freue mich sehr, wenn ich mich getäuscht habe. Ter Tag ist heute so gfrau, da kann man seinen Augen wohl mißtrauen." c
„Aber weil er so grau ist, werden gnädiges Fraulem da draußen auch nicht viel sehen."
„Viel wohl nicht, — leider. Aber schön bleibt es docy , sagte' sie mit einem tiefen Atemzuge. „Finden Sie nicht, daß die Natur immer schön ist, auch in Schnee und Nebel und Eis?" _ .. m ,
„Die Natur? Ach, — wissen Sie, — tue Natur, — eigentlich mache ich mir nicht viel daraus."
Mit einem Ruck wandte sie den Kopf zu ihm hm; ihre Augenlider zwinkerten sehr schnell. Em Ausdruck unverhohlenen, großen Erstaunens war tn ihrem Gesicht. „Sie machen sich nichts ans der Natur? Ja, gießt cs, — ist denn das möglich?" , , , . ...
Er lächelte höflich, doch em wenig u6edcgen_imb spöttisch. „Mir scheint es außerordentlich möglich. Die Natur ist ja ganz hübsch^, aber ich für meine Person halte es mehr mit der Kunst."
„Der Kunst? So ist es gemeint? Dann kann ich Sie verstehen — bis zu einem gewissen Grade wenigstens. Die Kunst ist groß und herrlich; vielleicht — wenn es die echte Kunst ist — noch größer und reiner als die Natur selbst. Aber ich weih nicht, so lieb kann ich die Kunst doch niemals haben, wie die Natur. Hinter dieser steht der unbekannte, schaffende Geist, den wir suchen, ohne ihn


