Ausgabe 
9.12.1903
 
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Mittwoch den 9. Aez möer.

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(Nachdruck verboten.)

Wotans Wertoöung.

Novelle von Robert Kohlrausch.

(Fortsetzung.)

Tas glaube ich selbst. Und wir können ihm noch nicht einmal vorwerfen, daß er sein Wort gebrochen hat. Er sagt nichts, aber er schreibt."

Jetzt lachten sie beide.Tie Sache geht famos!" rief Milka fröhlich.

Nur die Geschichte mit dem Kinde", warf Rauchmann ein,die war nicht angenehm für Sie."

Mein Gott, wenn man das ganze Jahr in Europa herumreist, da kann man doch nicht über jedes Kind von jedem Kritiker Buch führen." Tie Sängerin sagte es ein wenig verstimmt; die Erinnerung war ihr nicht angenehm. Um sich zu revanchieren, fügte sie hinzu:Daß es mit Ihrer Stimme nicht in Ordnung ist, hat er doch gehört."

Es ist ein unausstehlicher Kerl, ich habe ihn nie­mals leiden können."

Also streichen !vir ihn aus unserem Gedächtnis." Ihre gute Laune kehrte zurück; sie sah verjüngt und siegesgewiß aus.Wir haben heute besseres zu denken. Wissen Sie, Wotan, eigentlich müssen wir unsere Verlobung doch feiern. Mollen wir eine Flasche Sekt trinken?"

Ich wäre gern dabei. Mer mein Hals, er ist mir leider verboten."

Nun denn, so machen wir's einfacher. Kellner!" Der Pikkolo fuhr aus dem Halbschlaf empor.Noch zweimal Kaffee!"

Ter Kleine stürzte davon, um feinen Herrn und Meister, den befrackten Kellner, von den Wünschen der Herrschaften in Kenntnis zu setzen. Bald waren die beiden Tassen vor dem Sängerpaare frisch gefüllt, und Milka hob die ihre, um mit Wotan anzustoßen.

Sie tranken und lachten.Klingen tut's nicht", sagte der Sänger.

Mer klappen tut's. Und daß alles klappt, ist die Hauptsache bei solchen Geschichten. Also nochmals: Tu sollst leben, Wotan!"

Müssen wir unsTu" nennen?"

Selbstverständlich. Verlobte Leute, ich bitte Tich!"

w9")eX $eu*e können wir es uns noch schenken, nicht

Nun, meinetwegen, aber wenn die Leute es erst wissen, dann muß es los gehen. Vielleicht so ab und an mitSie" untermischt, als wenn man sich noch genierte, das macht sich ganz hübsch» Wir können das ein wenig emüben."

Vorläufig werden wir wohl kaum Gelegenheit dazu haben. Sie reisen übermorgen, ich in ein paar Tagen. Sre nach Norden, ich nach Süden. Wann werden wir uns

Wiedersehen?" Er rollte melancholisch die Augen und seufzte tief.

Tas haben Sie schön gesagt. Ja, wer iveiß, wann wir uns wieder begegnen! Aber ein Trost bleibt uns ja auch in der Ferne."

Welcher Trost?"

Unsere Briefe."

Unsere Briefe?"

Ja, Wotan, ohne Liebesbriefe tue ich es nicht. Wenn man verlobt ist, muß man sich auch schreiben."

Alle guten Geister! Wie oft denn?"

Run, so oft, wie Liebesleute es tun. Alle Tage."- Müller, ich lasse mich scheiden!"

Tas kommt später. Aber so grausam will ich auch nicht sein. Alle Woche ein Brief, damit bin ich zufrieden."

Tas ist auch schon sehr hart."

Aber unumgänglich. Man muß doch was vorweisen können."

Er seufzte kläglich:Nun, wenn es nicht anders sein kann, und schließlich ist's eine gute Uebung für kommende Fälle." Tiefer Gedanke stimmte ihn wieder heiterer.

Also abgemacht: Alle acht Tage ein Brief. Und nun' stoßen wir noch einmal an, trinken aus und gehen nach Hause. Wir sollen leben!"

Jawohl, wir sollen lebe::!"

Sie lachten, und das schlvere Porzellan der Tassen' klang von neuem aneinander. Tie leichtfertigen Griechen­götter aber schauten ihnen von der Decke herunter zu, und im Schimmer des Lichtes schien es, als wenn auch ihre Gesichter sich zum Lachen verzogen.

So feierte das Sängerpaar im Rokokosaale des CafA Luitpold Wotans Verlobung, die eigentlich keine Ver­lobung war.

Wotan war schlechter Laune, während er über den Brenner fuhr. Freilich hatte er ein Beispiel am Wetter, das draußen hinter den angelaufenen Scheiben genau so mißvergnügt und trübselig ausschaute, wie der Sänger in seinem wohlgeheizten Nichtraucherkoupee des von München nach Ala durchfahrenden Wagens. Ein Gemisch von Regen und Schnee fiel nieder und verhüllte mit seinem grauen Schleier die Gegend genug, um den häßlich-winterlichen Farbenakkord von braun, weiß und schwarz noch miß- töneuder zu machen, ohne ihn mitleidend zu verbergen., Als der Zug hinter Rosenheim in das Jnntal eindrang^ wurde auch der Regen zu Schnee, der jetzt in großen, ruhigen Flocken herniederfiel und mit dem geballten, um die Bergesgipfel ivogenden Nebel zusammen die Natur in immer dichtere Todesfchleier hüllte.

Ter Sänger war seit einer Reihe von Jahren viel zu sehr mit sich und seinen Erfolgen beschäftigt gewesen, als daß er sich um die bunt erglühende oder in Winter- weiß ersterbende Welt ringsumher viel gekümmert hätte, würde ihn auch jetzt ein sonniges Sommerbild hier in