781

jemals ganz zu fassen, und hinter der Kunst da stehen die Künstler."

Sie sprach die letzten Worte mit einem solchen Ton der Mißachtung und des Spottes, daß Wotan sehr gekränkt den Kopf zurückwarf.

Gnädiges Fräulein sprechen von den Künstlern in einem Tone, der mich annehmen läßt, daß Sie von ihnen nur wenig halten."

Sehr wenig, allerdings. Die Künstler sind in meinen Augen die schrecklichsten Menschen von der Welt."

Und darf man fragen"

Er kam nicht dazu, seine Frage auszusprechen und eine Antwort darauf zu vernehmen. Der Zug hatte schon während ihrer letzten Reden durch stärkeres Schwanken und Stoßen die Nähe eines Bahnhofes verraten; jetzt nahm er lärmend die letzten Weichen und hielt unter dem knir­schenden Geräusch der Bremsen. Sie waren in Kufstein, die Quälerei mit dem Zoll begann.

Müssen wir hinaus?" fragte die ältere Dame mit kläglichem Ton, den sie humorvoll noch künstlich ver­stärkte.

Nein, Mama, Tu bleibst jedenfalls sitzen", gab die Tochter zur Antwort, indem sie sich rasch erhob.Das kleine Gepäck lassen wir ruhig hier; die Leute werden schon zu uns kommen, wenn wir nicht zu ihnen gehen. Aber ich muß aussteigen unserer Koffer und Körbe wegen. Die Schlüssel hab ich, also bleib Dll in Frieden hier nnd sag' den Zöllnern, wenn sie koninren, daß wir weder rauchen noch schnupfen, daß sie uns also mit gutem Gewissen die Absolution zur Weiterreise erteilen kölinen."

Wotan ließ sie an sich vorüber, als sie aus dem Koupe hinausschritt, den wärmenden Mantel nur ein wenig fester u m die Schultern ziehend. Er hatte sich über ihre Mißachtung der Künstler sehr geärgert und rächte sich da­durch, daß er im Stillen ihr Auftreten allzu sicher und unweiblich schalt. Aber unwillkürlich mußte er ihr doch nachblicken, während er ihr nur langsam folgte und sie vor sich dahinschreiten sah, mit weißen Schneeflocken leicht überstreut, aber scheinbar ganz unbekümmert um die Un­gunst des Wetters. Nichts an ihr gemahnte an die Un­sicherheit reisender Damen, die b'eim Stationschef ein­dringen, wenn sie Billets haben wollen und den Schaffner als Kofferträger zu Hilfe rufen. Geradewegs ging sie auf ihr Ziel los, war eine der ersten im Gepäckraum und er­kannte mit raschem Blick ihre Sachen auf dem schwerbela­denen Handwagen. Auch einen Zollbeamten hatte sie schnell zur Verfügung, und die Abfertigung wäre bald erledigt gewesen, wenn nicht der Beamte das Oeffnen des einen, wohlverschnürten Reisekorbes verlangt hätte. Sie runzelte unwillig die Stirn, Wotan sah es genau und fand eigentlich wider Willen, daß ihr Gesicht durch solchen energischen Ausdruck noch gewann, aber sie machte sich ohne Widerspruch daran, die festverknoteten Stricke zu lösen. Einen Augenblick war der Sänger in Versuchung, ihr beizuspringen und ihr di'e lästige Arbeit abzunehmen; dann aber gedachte er wieder voll erneuten Zornes der Worte, die sie über die Künstler gesprochen hatte. Nein, wer , seinen Stand so falsch, so undankbar beurteilte, der verdiente auch nicht/ daß ein großer Sänger sich für ihn bemühte. Dazu war der bezahlte Kofferträger mit seinen Plebejerhänden gut genug, der inzwischen bereits herbei­gesprungen war, um- der Dame behilflich zu sein. Gab es doch Frauen und Mädchen in Menge, das wußte Wotan genau, die einen Strick mit Küssen bedeckt hätten, der durch die Berührung eines Rauchmann geadelt worden,mochte dieses unkünstlerische Geschöpf mit dem Gepäckträger zu­sammen sein Werk beenden. Er wandte sich ab, trat zu den eigenen Koffern und erledigte mit Herablassung seine Pflichten.

Als er in den Wagen zurückkam, saß die junge Dame fünfundzwanzig war sie übrigens reichlich, vielleicht auch noch, älter, wie er bei sich feststellte bereits wieder auf ihreni Platz. Ein paar Tropfen von geschmolzenem Schnee schimmerten ihr noch auf Gesicht und Mantel; im übrigen hatte sie sich's schon von! neuem so behaglich gemacht wie zuvor.

Tie Mutter lächelte zu ihr hinüber; das runde Gesicht war ganz durchleuchtet von Freundlichkeit und Güte.Tu bist ein brillanter Reisemarschall, Ediths, sagte sie dabei. Wenn Tu bei inir bist, habe ich es ebenso gut, als wenn Dein Vater noch lebte."

Man muß sich zu helfen wissen", antwortete die Toch­ter.Wir Frauen von heute fordern so viel; da müssen wir auch zeigen, daß wir was können. Und im allgemeinen kann die Frau viel mehr, als sie selber denkt. Sie muß nur ihre , Kräfte probieren und sich rühren dürfen, denn es scheint mir überhaupt, als wenn sich in der heutigen Welt die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern mehr und mehr verwischten. Als wenn sich der Mann mehr dem weiblichen Typus, das Weib mehr dem männlichen näherte."

Um Gotteswillen, Kind, fang' hier nicht mit Deinen revolutionären Ideen an", sagte die Mutter.Für eine gute Frau bleibt das beste, was es giebt, doch immer ein guter Mann. Das ist mein Evangelium, auf das ich leben und sterben iverde. Und hoffentlich wird es auch Dir noch einmal vom Leben gepredigt werden."

(Fortsetzung folgt.)

Wom WeihnaHtsöüHertisch.

Tas deutsche Volk liebt Bücher sehr; dank der Leistungs­fähigkeit des deutschen Verlagsbuchhandcls kann jetzt auch das ärmste Haus ein gutes Buch kaufen. Insbesondere wirkt in dieser Hinsicht die unter dem Namen Hendel- Bibliothek rühmlich bekannte Sammlung kulturfördernd. Sie Vermittelt die hervorragendsten Werke des Schrifttums aller Völker in den denkbar wohlfeilsten Ausgaben bei bester Ausstattung. Preise wie die hier gebotenen waren früher unbekannt. Dem Unkundigen bietet die Sammlung zugleich den Vorteil, daß er nie fehlgreift, wenn er einen Band Hendel verlangt, denn schon die Aufnahme in diese Sammlung bietet eine Gewähr, daß der Band etwas Wert­volles enthält. Jeder Bücherlicbhaber kann zudem eine Ausgabe nach seinen Verhältnissen wählen. In einfacherem aber geschmackvollem Leinenband sind alle Bände zu billigstem Preise vorrätig; wer neben gutem Inhalt auch auf feineres Aenßere Wert legt, wählt die inhaltlich gleiche, aber durch den Einband vielfach mit Goldschnitt und das stärkere Papier ausgezeichnete Geschenkbandausgabe. Aus der Fülle dieser herrlichen Geschenkliteratur können wir hier nur eine kleine Auslese anführen; wem diese nicht ge­nügt, lasse sich, vom Verlage Otto Hendel in Halle den Katalog senden, der bereitwilligst unentgeltlich zugestellt wird.

Aus den Erscheinungen des zu Ende gehenden Jahres interessieren vor allem die neuen Ausgaben von Grill­parzer (in Einzekbändchen je 50 Pfg. im Leinbaud, Dramat. Meisterwerke in Geschenkband mit Goldschnitt 2 Mk., Selbst­biographie 1,50 Mk.). In Alexander Neidhardts berühmter Uebersetzung liegen die Dichtungen Byrons in schönen bisher fehlenden Einzelausgaben vor (in Leinenband je 50 bezw. 75 Pfg.,Poetische Erzählungen" in Geschenkband mit Goldschnitt 2 Mk.).. Es folgen die vaterländischen Ro­mane von Willibald Alexis (,,Hosen des Herrn v. Bredow^ 2 Mk.,.Roland von Berlin" 2,50 Mk.,Der falsche Walde­mar",Jsegrinun" je 3 Mk.,Werwolf" 2,25 Mk.,Ruhe ist die erste Bürgerpflicht" 3,50 Mk., sämtlich in eleg. Ge­schenkband, in braunem Leinenband durchschnittlich die Hälfte billiger). Melchior Mehr, der Klassiker der Dorf­geschichte, erschien neu mit leinen poesievollenErzählungen ans dem Ries" (Geschenkbänd 2,50 Mk., in Cinzelbändchen 50 bezw. 75 Pfg.), die Hauptwerke des jetzt so sehr bekannt gewordenen geistreichen Holländers Multatuli:Max Havelaar" (2 Mk.),Abenteuer des kleinen Walter" (2Mk.), Walter in der Lehre" (beide Walter-Geschichten in einem Bande 3 Mk.);Millionenstudien" (2 Mk.),Minnebriefe" (2 Mk.), und ein neuer Band Novellen H. Sienkiewiez, des gefeierten Autors vonQuo vadis?" (3 Mk.),Ohne Dogma" (2,50 Mk.);Am sonnigen Gestade"Die Tritts" Hania", alle drei als die erlesensten Perlen der zahlreichen novellistischen Schöpfungen des berühmten polnischen Dich? ters anerkannt (2 Mk.); undDie Kreuzritter" (3 Mk.); der handlungsreiche, durch große Tiefe, Schönheit und Formvollendung und ausgezeichnete historische Roman des Schweden Viktor RydbergTer letzte Athener" (3 Mk.) und der als klassisches Meisterwerk katholischer Romanliteratur geltende Roman des englischen Kardinals W-isemauFa­biola" oderDie Kirche der Katakomben" (2 Mk.). Der amerikanische Meister des Humors Mark Twain rst mit einem BandeAbenteuer Huckleberry Finns" (Lubd. IMk.)