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das hastig den weiten Raum durchschritt, ward' an den Vorhängen der drei tiefen Fenster sichtbar.
„So ist's am besten", dachte Madame, „hier wird sie ihren wilden Schmerz austoben. Sie wird sich abmatten und ihre Kräfte verzehren. Wenn erst die Tränen kommen, ist sie gerettet. Ihr Stolz wird ihr tragen helfen. Aber besser, sie ficht ihren Kampf allein aus. Herzen, wie das ihre, müssen allein mit dem Schmerz ringen, um ihn zu überwinden. Arme Guenn, arme kleine Guenn!"
Es war stockdunkel und niemand zugegen als nur sie selbst, die einzige Person, zu der Madame Vertrauen hatte. Sie zog ihr Tuch heraus und trocknete sich wiederholt die Augen.
Noch- mehrmals schlich sich Madame in dieser Nacht nach dem Atelier, und jedesmal sah sie das Licht durch die Dunkelheit scheinen. „Es ist gut so", dachte sie. „Zuletzt wird sie müde werden, die Erstarrung wird sich losen, die vielen Erinnerungen an den schmucken Burschen werden ihre Tränen fließen machen."
Guenn war jedoch nur wenige Minuten im Atelier geblieben. Sie war dahin gestürzt in der wahnsinnigen Hoffnung, ihn dort zu finden. Noch standen seine Staffelei, seine Palette und sein Feldstuhl, wie er sie zuletzt verlassen. Der Wind rüttelte an den Fenstern, die Lampe flackerte hoch auf bei dem plötzlichen Luftzug. Aus dem Herd lag noch! Asche. Mechanisch schraubte sie den Docht herunter, kehrte die Asch!« zusammen und stellte Humors Stuhl wieder an seinen Platz. Dann schreckte sie empor, ungläubiges Entsetzen im Mick und schritt wieder ruhelos auf und nieder.
Es litt sie nicht in dem verödeten Raum, lieber hinaus rn die wilde Nacht, nur fort von hier. Aber die Tür mußte sie erst noch schließen. Monsieur hatte ihr ja aufgetragen, auf dre Bilder acht zu haben — Monsieur mit seinen lachenden Augen und seiner weicyen zärtlichen Stimme, mit dem schonen, stolz zurückgeworfenen Kopfe, den sie immer und überall vor sich sah. Auch jetzt glaubte sie ihn zu sehen, wie er lächelnd auf sie herabblickte. „Guenn", sagte er leise, „Guenn".
Er war fort? Wohin denn? warum war er fort? sie hatte es nur halb verstanden. Wer hatte denn gesagt, daß er niemals wiederkehren würde? Wer konnte das wissen? Sagte er nicht ihr immer zuerst alles, ihr, die ihm während der langen Monate bei seinem großen Bilde geholfen hatte. Nur er und sie liebten dieses Bild. Und jetzt sollte er fort sein, hatten sie gesagt, der häßliche, spöttische Mund hatte es ausgesprochen, sie sah wieder, wie die Lippen sich öffneten und horte die Worte: „er ist fort — fort, für immer", und dciber suchten die erbarmungslosen Augen höhnend die Aren. Nur fort von hier, daß ich wieder atmen kann", stöhnte sie, „nur daß ich diese Augen nicht mehr zu sehen brauche, mein Kopf brennt! Ach, ich habe etwas vergessen. Rfchtrm es war die Tür — so - wenn jetzt Monsieur morgen früh lustig pfeifend die Treppe heraufsteigt, wird er sich Abuen, alles so gut besorgt zu finden." Sie steckte seine Schlussel wieder ui die Tasche. Wie oft hatte sie heute wahrend der langen Fahrt nach Quimper zärtlich danach gegriffen, wre stolz war sie auf sein Vertrauen zu ihr ge- wesen und wie dankbar, daß ihre Hand d-a ruhen durfte, wo seine liebe Hand täglich ruhte. Sie hatte seine Schätze in Verwahrung, und wenn er morgen die Schlüssel zurück- verlangte - aber nein - er war ja fort - für iniiner. Es gab kein Morgen mehr für sie — nur noch ein langes, langes Gestern.
Fortsetzung folgt.
Keröstwinde.
Eine hygienische Betrachtung.
Von Dr. Karl Weißer.
(Nachdruck verboten.)
höchste Zeit, für den Wind mal eine Lanze ?eil S “nr kettte öffentliche Ehrenerklärung zu dar ö°nn er ist ein wirklicher Wohltäter,
der leider verkannt und sogar gefürchtet wird.
9n„i‘ÄLbie Agende Tätigkeit der Winde würde unsere Nebel ^Ruk ..^m Sumpfpfuhl gleichen, angesiillt mit Jteoei, Juti; und Raucy, mit fauligen verpestenden Aus- cJ1!11 Krankheitskeimen aller Art. Namentlich L leA19^' chahreszeit, wo nicht nur der sichtbaren Pilze Wachstum semen Höhepunkt erreicht, sondern auch der un
sichtbaren Krankheitserreger, würden ohne kräftige Lustbewegung furchtbar verheerende Epidemien entstehen. Besonders bei der gefürchteten Malaria hat man dies viel- Ö beobachtet; je ruhiger die Luft ist, um so mehr gewinnt
Malariagift an Dich!tigkeit, während es durch Winde in Wälder und Felder zerstreut, verdünnt und in seiner Wirksamkeit bedeutend geschwächt wird.
Wie schön ist's im Herbst, wenn der trübe, auf Gemüt und Körper schwer lastende Nebel durch eine kräftige Brise verjagt wird und lieblich die Sonne uns wieder anlacht! Wie eine Befreiung von drückendem Alp empfinden dies namentlich, alle Asthmatiker und Lungenleidenden.
Allerdings wird bewegte Luft von unserem Körper kälter empfunden als ruhige. Der Wind beseitigt die auf unserer Haut in den Kleidern befindliche warme Luftschicht und ersetzt sie durch kältere, die nun erst wieder auf Kosten der Körpertemperatur erwärmt werden muß; dadurch wird dem Körper fortgesetzt immer wieder Wärme entzogen. Es ist bekannt, haß man selbst außerordentliche Kälte verhältnismäßig leicht erträgt, wenn die Lust ruhig ist. Beispiele hierfür finden wir im großen Maßstäbe z. B. bi Ost- sibirien, wo die in den Mintermonaten fast vollkommene Luftruhe die Bewohner befähigt, selbst Temperaturen von —50 bis —60 Grad ohne besondere Belästigung auszuhalten. Die Wärmeentziehung des Körpers hängt auch von der Richtung der Winde ab, indem die Westwmde feucht und warm, die Ostwinde trocken und kalt sind.
Wie übertrieben aber die allgemeine Furcht vor den Winden ist, zeigt sich auch in Goethes Faust, wo Wagner vor der „wohlbekannten, dem Menschen tausendfältige Gefahr von allen Enden her bereitenden Schar" also warnt.' „Von Morgen ziehn vertrocknend sie heran Und nähren sich von deinen Lungen.
Es bringt der West den Schwarm, der erst erquickt, Um dich und Feld und Aue zu ersäufen."
Für nicht kranke Personen bildet der Wind ein erfrischendes, kräftigendes Luftbad, welches ebenso günstig wirkt wie ein kaltes Wasserbad. Da auch keiner dem Wind und Wetter sich!ganz entziehen kann, muß eben jeder seine Haut an kühle Luft gewöhnen, am erfolgreichsten durch häufige Luftbrausen und Luftbäder. Stärkende Luftbrausen nimmt man morgens und abends beim An- und Ausziehen, indem man nicht nur die Oberkleider, sondern auch alle Wäsche recht schnell wechselt: das erfrischt köstlich und gewöhnt die Haut an Temperaturunterschiede. Hat man sich am Tage zu irgend einer Gelegenheit nochmals umzuziehen, so verfährt man wieder so radikal. Noch wirksamer wird die Abhärtungskur, wenn man bei dieser Gelegenheit die Haut tüchtig reibt, frottiert oder bürstet, wodurch sie blutreich und unempfindlich wird wie die Hauw an Händen und Gesicht. Diese tägliche Behandlung möge man immer mal unterstützen durch warme Wannenbäder mit nachfolgender kalter Brause.
Führt man diese einfachen Maßregeln gewissenhaft ohne Unterbrechung durch, so wird man sich selbst im Sturm nicht erkälten. Uebrigens brauchen Spaziergänger bei rauhem Wind ja nicht auf offener Landstraße zu gehen, sondern mögen sich in Parkanlagen oder einen Wald begeben, wo der Bäume dichter Bestand gegen jeden Wind schützt. Stets nehme man auch einen festen Regenschirm mit, da dieser gegen den Wind gehalten den vorzüglichsten Windschirm bildet. Aengstliche Gemüter können noch in anderer Weift Vorsicht üben. Hierher gehört vor allem: Im rauhen Winde möglichst wenig zu sprechen, damit die kalte, trockene Luft nicht direkt in Hals und Lunge kommt. Eine andere Vorschrift hat schon im Jahre 1631 der berühmte Amos Comenius in seiner „Sprachentüre" gemacht: „Des Atems halber ist die Nas -gegeben." Beim Atmen durch die Nase wird die Luft erwärmt, gereinigt und angefeuchtet; die Nase bildet den natürlichen, einzig richtigen Respirator.
Das wichtigste aber ist und bleibt immer Gewöhnung der Haut durch obige Abhärtung an Wind und Wetter. Abhärten muß zur Lebensaufgabe jedes denkenden Men- fchen gehören, dem es darum zu tun ist, sein Leben nicht fahrlässiger Weise abzukürzen. Solchen Personen wird dann nicht jeder Luftzug, jeder Windstoß Erkältungsfurcht und Rheumatismusangst einjagen, sondern sie werden eine ftische Windbrise labend und stärkend empfinden wie die gewohnte tägliche Luftbrause beim Umziehen oder wie eine kalte Douche nach warmem Bade. Dann ruft gerade der kräs-


