Ausgabe 
9.11.1903
 
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Die Nachricht von Hamors bevorstehender plötzlicher Ab­reise hatte sich wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf verbreitet. Als der Maler nach kurzer Zeit aus der wohl­bekannten Tür trat, stand so ziemlich die gesamte Bevölkerr- ung vor dem Gasthaus versammelt. Sogar die Stamm­gäste verließen ihre Absinth- und Wermutgläser, um ihm bon voyage" zu wünschen. Der Dorfrichter nahm schon eine feierliche Miene an, doch ehe er noch seine Rede be­ginnen konnte, schüttelte ihm Hamor gutmütig die Hand. Der Zimmermann, der Tränen in den Augen hatte, rief St. Hervss reichsten Segen auf Hamor herab, um Meu­rices harten Mund zuckte es verdächtig. Mutter Nives und Mutter Quaper riefen dem schmucken Burschen um die Wette ihre Segenswünsche zu und die kleine Jeanne schluchzte laut auf, als er ihr Lebewohl sagte.Du mußt Guenn erzählen, wie alles gekommen ist, und daß ich an sie gedacht habe."

Es ist tvirklich rührend, wie die guten Leute ihre An­hänglichkeit so offen und frei zur Schau tragen", bemerkte Hamor zu Mrs. Staunton gewandt, die neben dem Wagen­schlag stand.Ich war noch nirgends so gern, kbie in diesem Plouvenec, ich komme aber auch sicherlich wieder hierher, ganz gewiß."

Wie der gute König Arthur", sagte die kleine dänische Künstlerin lächelnd.Hier zu Lande sagt man ja:Der gute König Arthur kommt sicherlich wieder." Alles Gute muß ja nach der Bretagne zurückkehren, es ist gar so schön hier!"

Tas klingt ja beinahe wie Nannic Rodellec. Wenn der nur wenigstens noch auftauchen wollte, wo steckt er nur?"

Ter Knabe lag an einer dunklen Stelle des Dorfplatzes mit dem Gesicht auf den Boden, hielt sich die Ohren zu und schluchzte zum Herzbrechen. Er wollte Hamor nicht abfahren sehen, wollte nicht Lebewohl sagen. Er preßte das Gesicht gegen die kalte Erde und weinte bitterlich.

Noch einmal reichte Hamor Staunton und seiner Frau die Hand zum Abschied:Ich bin so froh, dajß ich Euch zwei wenigstens auf der Ausstellung Wiedersehen werde, das erleichtert mir den Abschied bedeutend. Und Sie-Ma- dame, nehmen Sie meinen herzlichsten Dank für alle Ihre Mühe. Ich komme sicherlich wieder hierher."

Monsieur werden uns in den Voyageurs jederzeit willkommen sein und im besten Andenken bei uns stehen." Mit der Ruhe einer edlen Karyatide stand Madame unter ihrer Tlir, genau so wie er sie vor sechs Monaten zum erstenmal gesehen.

Und Madame, Sie vergessen ia nie etwas, ich bitte Sie noch ganz besonders, meine wärmsten Grüße an Thy- mert und an Guenn Rodellec zu bestellen. Es ist wirklich zu schade, daß das Kind gerade fort ist."

Gewiß, sehr schade, Monsieur", bestätigte Madame. Hinter der ruhigen Stirn aber war ihr Geist geschäftig, fru bedenken, wie sie es Guenn Wohl am besten persönlich beibringen und Jeanne und die übrigen Frauen von ihr fernhalten könne.

Es wird spät, Monsieur", drängte der Kutscher.

Es ist wirklich schändlich, so unbarmherzig vom Schick­sal sortgeschleppt zu werden", rief Hamor lachend.Der Posthalterrn und ihren schurkischen Streichen meinen Fluch!"

Du darfst nicht klagen", gab Staunton zurück,Du gehst dahin, wo der Ruhm Dir winkt!"

Wenn es eine Entschädigung gießt", begann Hamor f der Kutscher knallte mit der Pertsche die Pferde zogen an.Grüßt nur Guenn Rodellec!" rief Hamor noch zu guterletzt.

Adieu, Monsieur!" klang es von bett wohlbekannten Stimmen.

Unter einem Strom von Segenswünschen aus dem Munde der ganzen großen Versammlung und heftig ver­flucht von zwei Männern, die abseits aus dem Gemeinde­platz standen, verließ Everett Hamor das Dorf Plouvenec.

Während sein Wagen durch die dunkelnden Wege zwi­schen den Granitmauern und Erddämmen dahinrollte, fuhr der alte Postwagen langsam auf das Dorf zu, und als Hamor sich behaglich in denr Coups ausstreckte, dessen alleinige Benutzung er sich gesichert hatte, sprang Guenn, chren Brautstaat unterm Arme, leichtfüßig von dem hohen Kutsch,bock herab,- dankte dem alten Andree herzlich mit heller, fröhlicher Stimme und schaute sich um, sehnlichst er­

wartend, Hamors liebes Lachen zu hören, den Rauch seiner Zigarette einzuatmen, oder gar ihn selbst über den Platz schlendern zu sehen. Ein paar Weiber standen in einiger Entfernung. Sie eilte auf sie zu, es waren Mutter Nives und Mutter Quaper, in freundlichster Eintracht beieinander., Schweigend starrten sie nach ihr hin.

Ei der Tausend", ries Guenn lustig.Ist denn der Himmel eingefallen, daß Ihr wie zwei Turteltäubchen bei­sammen seid! Du lieber Gott! Was geschehen doch für Wunder, wenn man eine Reise nach Quimper unternimmt!" Ihr helles Lachen schallte über den Platz und Nannic, der es hörte, wand sich vor Schmerz auf dem Boden. Guenns Spott traf heute auf keine spitzige Gegenrede.

Gute Nacht, Guenn", murmelte Mutter Nives und schlürfte nach der einen Seite ab,gute Nacht, Guenn", brummte auch Mutter Quaper und wandte sich zum Gehen.

Ja, was soll denn das heißen?" ries das Mädchen ganz erstaunt. Unmutig wandte sie sich dem hellerleuchteten Gasthaus zu. Unter der großen Eiche, nicht weit vom Ein­gang zu deu Voyageurs, stieß sie plötzlich auf zwei Männer, die ihr den Weg vertraten.

Nun!" höhnte die Stimme ihres Vaters;hat Dich Dein Pinsel von Maler doch glücklich im Stich gelassen?^

Guenn blickte ihm furchtlos in die Augen und lachte;

Warum sollte er nicht gehen, wohin er will?" ent­gegnete sie schnippisch und wollte vorüber.

Doch Rodellec hielt sie zurück.Sechs Monate war er hier und ich habe ihm sein verdammtes Grinsen nicht legen können. Das ist Deine Schjuld, Tu Dirne Du!"

Seine Schutzengel behüten ihn", sagte Guenn zuver­sichtlich.

Sie hatte ihr Sonntagskleid an, ihr bestes Brusttuch!, die Coiffe mit den schönen Spitzen, den ganzen Putz von» Neviner Gnadenfest. Hatte sie doch einen Auftrag für Mr. Hamor zu besorgen gehabt, da mußte sie sich sehen lassen können. Ahnungslos, sorglos lächelnd stand sie da, daA helle Licht aus den Fenstern fiel auf sie und zeigte, welch' frische, lebhafte Farben der Märzwind ihr auf Lippen und Wangen gemalt hatte. Noch niemals war Guenn so schön und lebensvoll erschienen.

Der junge Nives seufzte läut aus und verschlang sie förmlich mit den Blicken.Wie ein Prinz zog er ab", brummte er unwirschDie Leute um ihn herum katz­buckelten uird machten Kratzfüße, und der gnädige Herr Maler lehnte zum Wagen hinaus und winkte huldreich mit der Hand.

Mit einem einzigen Satz war Guenn än seiner Seite und packte ihn ungestüm beim Arm:Was sagt Ihr da?" rief sie atemlos.

Daß er fort ist, Du Närrin!" höhnte Rodellec.

Gewiß, ich weiß, M der Regatta nach Lorrient", stieß sie mit heiserer Stimme hervor.

Nach Paris zum Teufel, rn den tiefsten Höllenpfuhl wenn's nach mir ginge. Nun, jedenfalls ist er fort, fort für immer, Tein langbeiniger, milchbärtiger Maler."

Guenn taumelte, als wollte sie zu Boden sinken, faßte sich jedoch noch einmal und trat ihrem Vater in stolzer Haltung gegenüber, ihr Gesicht war totenbleich.

Ihr lügt", rief sie verächtlich.Ihr haßt ihn ja, Ihr seid ein Feigling, ein Mörder. Ihr habt Euer ganzes! Leben lang gelogen, Ihr lügt auch jetzt, bis in Euer schwarzes Herz hinein."

Unbemerkt war Madame aus den Voyageurs leise heran­getreten.

Möge Euch Gott verzeihen, was Ihr getan habt, Hervs Rodellec", sprach sie,ich werde es Euch nie ver­geben, in alle Ewigkeit nicht- Komm, Guenn!" Ihre Stimme war so weich wie nie zuvor.

Ist es wahr?" fragte Guenn, und faßte sie bei den Händen.Sprechen Sie, ich weiß, Sie können nicht lügen."

Komm mit mir, Guenn, die Männer sind grausam gegen Dich Komm, mein Kind, ich habe mit Dir zu reden."

Ist es wahr?" Ihre Augen forschten mit Todesangst, in Madames Antlitz und lasen die unselige Antwort.

Ohne auch nur einen Blick auf die andern zu werfen, flog sie durch das Dunkel wie ein Pfeil davon. Madame, die ihr in tieffter Seelenangst folgte, sah, wie sie ihren Weg! mach! Hamors Studium nahm. Als sie wenige Minuten nach dem Mädchen dort anlangte, bemerkte sie, daß Guenn die Lampe angezündet hatte. Der Schatten des Mädchens,