„Nun", fragte Douglas, „was gibis denn zu lachen? Bist Tu toll geworden?"
„Im Gegenteil, ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen solchen Triumph der Vernunft gefeiert. Aber dieses Mädchen! — Zwei Stunden lang ist sie oben gewesen, hat im Sturmschritt ihren Einzug gehalten, und von allem nm sie her Besitz ergriffen. Es steht auch nicht ein Blendrahmen, nicht eine Staffelei mehr oben, die ich noch mein' Eigentum zu neunen wage. Sie ist alleinige Herrscherin! Aber sie ist auch zu köstlich. Ich muß mich jetzt wirklich einmal auslachen, hernach habe ich ja den ganzen Nachmittag Zeit, wieder vernünftig zu sein. Es ist zu unglaublich!"
„Ich hoffe doch', begann Douglas langsam und bedächtig, „daß Mademoiselle Nodellec uns gestatten wird, ab und zu noch hinauf zu kommen!"
„Sie ist das schönste Mädchen, das ich je gesehen habe", schwärmte Hamor entzückt weiter. —
„Tas haben wir schon oft gehört, es ist uns nichts Neues mehr", meinte Staunton lächelnd. „Sie ist das schönste Mädchen, das Tir je vorgekommen ist. Du wirst mit ihr ein Prachtbild malen und dadurch Geld und Ruhm, und die große goldene Medaille erwerben!"
„Tas werde ich auch", bestätigte Hamor im Tone unerschütterlichster Ueberzeugung.
„Unterdessen hast Du aber wohl nichts dagegen, mit uns zum Frühstück zu gehen", setzte Staunton trocken hinzu.
(Fortsetzung folgt.)
Das Wunderkind.
Plauderei von Hans E s ch e l b a ch.
Hab' einen Jungen, just ist er drei Jahr', Sonne hat er in Äugen und Haar;
Könnt es uns glauben, wir sind nicht blind: Unser Hans ist ein Wunderkind!
Himmel, was ist der Bengel schon klug, Malt mir mit Bleistift in jegliches Buch: Meine Gesponstiu hat längst drum entdeckt, Daß in dem Jungen ein Raphael steckt--
Hat er ein Spielzeug recht neu noch und schön, Hans muß sofort es von innen besehn;
Ist es ein Zug doch recht schlau und gesund, Allem zu gehen bis tief auf den Grund. Drum, wo die Gosse am tiefsten muß sein, Patscht er mit beiden Beinen hinein!
Was der in Zukunft nicht alles verspricht, Glauben die meisten Leute uns nicht. Salbt sich die Haare mit Ricinus fein. Warf uns auch neulich ein Fenster schon ein, Trommelt für sieben und trampelt für acht, Hat unfern Igel ins Bett mir gebracht. Und — die Sache ist wirklich verbürgt! — Hat auch drei Groschen hinab schon gewürgt. Wenn er nur fleißig weiter so spart. Wird er noch reich nnd schlägt aus der Art! • Ist auch, wie könnte es anders denn sein, Reif schon für jeden Tierschutzverein: Sitzt in der Falle mal still eine Maus, Läßt unser Hans sie schleunigst heraus.
Klüger als Hans, der goldige Wicht, War mit drei Jahren selbst Goethe noch nicht; Drum — wer's bezweifelt, ist neidisch und blind! Hans ist ein wirkliches Wunderkind!
So schrieb ich vor etwa zwei Jahren; denn Hans ist jetzt fünf Jahre alt. Abends hat er in seinen Schuhen immer Sand und Steine und in seinen Taschen Pech, Kreisel, Räder aus einer alten Uhr, Bindfaden, Nägel, Spielsteine, Schrauben, Knöpfe und sonstige nützliche Dinge.
Neben unserem Hause in der Neustadt liegen mehrere Bauplätze, die durch Bretter- und Lattenverschläge eingezäunt sind und die die Kinder der Nachbarschaft „die Wiese" nennen. Hier hat Hans seinen liebsten Spielplatz. Einmal hat er sogar einen „Hüpferling" hier gefangen und dreimal ein Marienkäferchen. Vor einiger Zeit kam er nun mit sehr bedenklichem Gesicht zu mir und bat mich um zwei Pfennig, er wolle sich ein Stuck „Wiese" kaufen.'
O du armer, lieber Großstadtbewohner, dem sie die Wiese langsam immer mehr mit grauen Steinbauten zu
gemauert haben, empfindest auch du schon, daß dir zu wenig Luft und Licht bleibt? Und nun willst du dir für zwei Pfennig „ein Stück Wiese" kaufen? Und ich gab ihm sogar drei Pfennige „für ein Stück Wiese".
Er hat das Geld aber später doch verpraßt. Man bekäme kein Stück Wiese dafür, hätten die Maurer gesagt.
Ein großer Tierfreund ist unser Wunderkind natürlich auch. Seine besondere Liebe gehört unserem Winda, einem kleinen, dicken Hunde, der die Teppiche zerreißt, neue Bücher anknabbert, meine Pantoffeln immer verschleppt und sechzehn Mark Steuer kostet.
Kaisers Fritz, der zwei Jahre älter als unser Hans ist, hat nun immer mit einem Stocke nach Winda gestoßen; denn zu den üblen Eigenschaften des Hundes gehört auch, daß er sich alles gefallen läßt; eine Eigenschaft, die er mit unserem Hans teilt. Fritz stößt den Hund wieder einmal mit dem Stock in die Seite, der Hund wedelt zutraulich mit dem Schwänze, und unser Hans bittet: „Fritz, tu Winda doch nichts!"
„Warum nicht?"
„Sonst weinen dem Winda seine Flöhe!"
Vor einem Vierteljahre hat sich unsere elfjährige Aenny einen Zahn ausziehen lassen, und weil sie sich so helden- mütig dabei benommen hat, habe ich ihr fünf Groschen für den Zahn bezahlt. Nun wollen die Gespielen von Hans oft „König von Frankreich-" werden, und unser Hans will immer „Kaiser von Bonnreich" sein, von Bonn, weil dort seine Großmama wohnt. Er will immer ihr
fahren, und weil er seine Sparpfennige schlecht zu Rate hält, habe ich ihm gesagt, er könne nicht nach Bonn fahren, weil er zu wenig Geld in der Sparbüchse habe. Und jetzt will sich der Kerl, der sonst vor dem Arzte eine Riesenangst hat, aus einmal zwei Zähne ausreißen lassen. Und mit dem Schmerzensgelde will er nach Bonnreich zur Großmama fahren!
Neuerdings philosophiert er immer: „Der liebe Gott kann alles, der kann über ein Haus springen. Nicht wahr, Vater, das kann der kleine Cohn aber nicht?" Auch vor dem Christkindchen hat er einen gewaltigen Respekt. Das Christkindchen könnte den heiligen Mann — St. Nikolaus — mit einer Hand auf die Erde werfen, behauptet er immer.
Das Wunderkind ist nicht immer rein. Manchmal hat er ein Gesicht wie ein Indianer, und Löcher hat er auch schon in der Hose. Darauf ist die Großmutter ganz besonders stolz. An den Löchern sähe man doch, daß ein Junge in ihm stecke!
Vor einem halben Jahre hat mich Hans mit der kühnen Behauptung überrascht, er könne ganz allein über „die Britz" — er meint einen mannshohen Bretterzaun — klettern. Ich versprach ihm einen Groschen, wenn er bei meiner Heimkehr um vier Uhr an der Haustüre wäre und mir bann zeigte, daß er wirklich über die Britz klettern könne.
Wirklich stand er um vier Uhr dort; aber sein Gesicht war schrecklich schmutzig. Er hatte offenbar geweint und sich die Tränen nicht mit den reinsten Händen abgewischt. Ganz verlegen verzieht sich sein liebes, schmutziges Kindergesicht, als er mich sieht, mit dem einen Auge lacht er und mit dem anderen Auge weint er. Und plötzlich wirft er sich ungestüm wider mich, umklammert meine Beine und schluchzt aus tiefstem Herzeu.
„Jung', Jung', was ist Dir?"
„Dem Laufenbergs Paul seine Mutter ist gestorben!" O Du heiliges Mitleid mit fremden Schmerzen, ich habe Dich nie schöner gefunden!
„Dem Laufenbergs Paul sein Vater ist fort, und das Dienstmädchen ist fort, und seine Mutter" — er schluchzte wieder, als müsse er ersticken — „und seine Mutter ist gestorben, und er kann gar nicht herein, er kann gar nicht Kaffee trinken!"
Ich bin ganz ratlos diesem Schmerz gegenüber; denn Lausenbergs Panl ist der liebste Spielkamerad von unserem Hans, und wenn die Frau wirklich plötzlich gestorben ist. . .
Ich gehe mit unserem Hans an den Bretterzaun, um ihn auf andere Gedanken zu bringen, und er klettert wirklich hinüber und reißt sich an einem rostigen Nagel eine mächtige „Fünf" in die Hose. Er bekommt seinen wohlverdienten Groschen. Er darf sich etwas dafür kaufen, und er läuft voraus. Aber an unserer Laustüre bleibt


