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mit Jeanne und Nannic zu schwatzen; sie fühlte sich frei tote der.Vogel in der Suft und nichts störte sie in ihrem Vergnügen.
Hamor schien sich nicht im geringsten um das Gespräch seiner drei jungen Gäste zu kümmern. IM Stillen beobachtete er jedoch Guenn mit Entzücken. Er fand sie Le- zaitbernd und fragte sich ganz ernstlich, ob ihr Sachen, Ihre freie Bewegung, ihr lebhaftes Wesen, ihre natürliche Anmut nicht weit anziehender sei als die künstlichen Anstrengungen, welche die seinen, jungen Damen bei etwaigen Besuchen seines Ateliers zu inachen pflegten, um sich ihm aiigenehm zu erweisen, wobei er so ost dieselben stehetiden Redensarten und unverdauten Kunsturteile mit anhöreir mußte.
Lange blieb Guenn indessen nicht auf ihrem Fensterplatz; das Stillsitzen war niemals nach iyrent Geschmack gewesen. Strickend, plaudernd und lachend begann sie löieber int Zimmer umherzugehen und zuletzt hinter Humors Feldstuhl Posto zu fassen, nm den wunderbaren Strichen seines Pinsels zu folgen. Unwillkürlich empfand sie, mit wie ernstem Eifer er sich seiner Arbeit hingab und sah staunend, tote ihm unter der Hand das Bild an Kraft und Schönheit gewann.
„Nun, Ivie findest Du es?" fragte Hamor nach einer Weile sich umblickend, „ist es Jeanne ähnlich?"
„Jeanne sieht niemals so traurig aus", versetzte sie ohne Zögern, „auch ist ihr Gesicht viel mehr so —", sie bezeichnete mit den Händen eine gewölbte Form, „nicht so —" die Hände streckten sich.
„Ich verstehe wohl was Du meinst, aber Guentt, das liegt nicht an der Form des Gesichts, sondern am Munde, der bei Jeanne sehr schwer zu malen ist, aber so —", er machte ein paar leichte Striche am linken Mundwinkel, „so kommt es vielleicht heraus, ist das besser?"
„Ja", erwiderte Guenn beifällig, „aber jetzt ist es häßlich".
„Ta hast Du vollkommen recht", lachte Hamor und blickte sie mit einer Bewunderung an, die nicht nur ihrer Schönheit galt.
Wie selten bekam er von einem seiner. Kollegen oder einem gelegentlichen Besucher seines Ateliers solch offenes, ehrliches Urteil zu hören. Ehrlichkeit ist ein so seltener Gast, daß er sie wohl zu schätzen wußte. Wie, wenn er die kleine Unschuld auf eine noch stärkere Probe stellte? Geh' doch einmal dort hinüber, drehe die an der Wand lehnenden Studien um und sage mir, was Du darüber denkst!"
Guenn schritt nach der anderen Seite des Speichers, wo sechs ober acht Bilder, in halb ober fast ganz fertigem Zustanb ihrer Vollendung harrten, wendete sie um unb veranstaltete so in wenig Augenblicken eine kleine Kunstausstellung in bem Bodenraum. Immer noch emsig strickend, stellte sie sich dann in einiger Entfernung auf und gab in ihrer Eigenschaft als Kunstkritiker ihre Ansicht mit soviel Selbstvertrauen und Unbefangenheit zUm besten, als handle es sich um eine Ladung Fische.
„Warum sollte sie auch nicht?" überlegte Hamor bei sich. „Warten wir etwa eine besondere Ausbildung oder eingehendes Verständnis ab, um alles und jedes zwischen Himmel und Erde zu beurteilen und zu besprechen?" Was verstehe ich zum.Beispiel von Musik? und lasse ich mir wohl jemals eine Gelegenheit entgehen, meine höchst fraglichen Ansichten über bte Wagnersche Zukunstsmusik zu äußern? — Tas Mädchen ist entzückend in seiner Frische und Eigenart!"
Guenn sah scharf und klar, sie sprach, was sie dachte, und ihr Wahrheitssinn war unbestechlich „Wenn doch eine e Vorsehung alle Kunstkritiker mit diesen himmlischen ausrüsten loollte", stenfzie der junge Maler innerlich Unter den Skizzen befanden sich auch einige, die von Staunton und Douglas herrührteu.
„Eine schöne Gesellschaft", rief Guenn lachend, „da sitzen sie zusammen wie die Heringe in einer Tonne und die Wände können ihnen jeden Augenblick auf die Köpfe fallen."
„Ein sehr schätzbarer Wink für Douglas", murmelte Hantor befriedigt. „Ich habe es ihm ja gleich gesagt, aber er wollte es mir nicht glauben. Die kleine Hexe hat, meiner Treu, angeborenes Kunstgefühl!"
Zuletzt kam ein großes, fast vollendetes Bild an die Reihe, das big beiden Hauptmobelle Jeanne unb Viktoria darstellte. Eifrig plaudernd saßen beide Mädchen auf ein
paar Balken unten vor dem grauen Hause mit den grünen Fensterläden und den hohen Fliederbüschen. Die Köpfe znsammensteckend, ließen sie das Strickzeug im Schoße ruhen, zu ihren Füßen spielte eine Katze mit dem Knäuel. Marien- sädeu hingen in der Luft, der milde Herbstsonueitschein lag auf den Blättern des Fliederbusches, einzelne Strahlen spielten auf den Balken, auf Viktorias weißem Häubchen und ihrer rosigen, jugendlichen Wange. Hamor hielt dies Bild für das Beste, was er bisher in Plouvenec geschaffen und mußte lächeln, als er merkte, tote gespannt er auf den Urteilsspruch des jungen Mädchens harrte.
„Da unten ist's gut warm", sagte Guenn, unb warf tote vergleichend einen Blick in bem feuchten, kalten Bodenraum umher. Dann begann sie zu lachen: „Viktoria ist solch ein dummes Ding", meinte sie offenherzig, unb Hamor konnte nicht umhin, ihr betzupflichten. Plötzlich aber wandte sie sich argwöhnisch nach Jeanne nm: „Jeanne, auf der Stelle sagst Du mir, wovon ihr gesprochen habt", rief sie in befehlendem Tone, wobei ihre Augen eifersüchtig funkelten. „Ich habe Dir schon hundertmal gesagt, daß Viktoria eine falsche Katze ist — wie kannst Du nur so bete fein, ihr alles zu sagen, was Tu weißt! Wenn sie so aussieht, hat sie allemal eine Bosheit im Sinn! Geschwind, sag' mir, was Tu geschwatzt hast!"
Sie stampfte zornig mit bem Fuß unb wartete mit herrischer Miene auf bte Antwort ihrer Freunbüt.
„Aber Guenn, was fällt Dir nur ein", sagte Jeanne besänstigenb. „Tas alles war ja nur zum Sitzen, wir taten nur so, weil Monseur es wollte. Ich habe bie ganze Zeit, nicht über zwei Worte mit ihr gesprochen; Monsieur wird Tir das selbst sagen."
Guenn blickte fragend von einem zuni andern, war am Ende jedoch so gnädig überzeugt zu sein. „Ta ist ja auch die Katze!" rief sie freundlich unb brach bas Gesprächsthema ab.
Es war bieselbe Katze, bie ihr dort unten so gleich- giltig den Rücken gekehrt hatte. Wie lange schien das schon her zu sein, und wie viel schöner war es hier oben, als da unten in dem düstern Torweg! Nun sie einmal das Atelier betreten hatte, gab sie sich dem neuen Genuß auch mit ganzer Seele hin, ohne seden Nebengedanken. Sie vergaß ihre Befürchtungen, ihren Stolz, sie vergaß, daß sie ihrem Vater zu Willen handelte — sie vergaß auch! Thymert.
„Ah mon dien, qtie la bte est untere!" erklang wieder ihr leichtfertiges Liedchen.
Tritte auf der Treppe und ein Klopfen an der Tür kündeten Staunton und Douglas an. Guenn starrte den Eintretenden mit so feindseliger Miene entgegen, als wolle sie fragen, welches Recht sie wohl hätten, in ihr Reich einzubringen.
„Ist's schon Frühstückszeit?" fragte Hamor die Freunbe.
„Höchste Zeit", versetzte Staunton mit vielsagenbem Lächeln.
„So wartet auf mich, bitte! Heute nachmittag arbeite ich nicht im Atelier," wandte er sich' dann zu Jeanne, zugleich Nannie und Guenn in seinen Blick einschließend. „Willst Du morgen zur gewöhnlichen Zeit Herkommen?"-
„Ja", erwiderte Jeanne pflichtgetreu.
„Nannic kann natürlich ganz nach Belieben konnnen und gehen."
„Natürlich", bestätigte der kleine Krüppel.
„Und Tn, Guenn?"
„Vielleicht", antwortete sie kurz angebunden.
„Es hat Dir doch hier oben gefallen, nicht wahr?" Er trat dicht an sie heran und beugte sich zu ihr nieder, seine Stimme klang mild und einschmeichelnd.
„Ganz gut", entgegnete sie leichthin, aber über ihr feines, ausdrucksvolles Gesicht flog ein glühendes Rot. Dabei warf sie einen rascheU, argwöhnischen Blick ans die beiden jungen Maler. Staunton blickte sorglos . zum Fenster hinaus und Douglas sah sie mit der unschuldigsten Miene von der Welt an.
„Ich darf Dich also erwarten?" fragte Hamor freundlich. . „
„Mör weiß!" entgegnete sie so gleichgiltig wie früher.
Aber Hamor wußte, daß sie kommen würde; ihre Augen sprachen deutlich, was die Sippen verschweigen wollten.
Tie drei Männer machten sich in bester Stimmung auf den Weg. Staunton warf seinem Freunde einen forschenden Blick zu, worauf Hamor in ein unbändiges Gelächter aus- brach.


