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„Zu Befehl, Herr Oberst."
„Wo waren Sie heute ab end?"
„Im Quartier, Herr Oberst — ich habe geschlafen." „Sie haben einen Bruder?"
„Zu Befehl, Guido."
„Ein Jahr älter als ich, Herr Oberst."
„Er ist jetzt in Tiefthal zu Besuch?"
„Tas ist mir unbekannt, Herr Oberst, ich habe seit acht Tagen keine Nachricht von ihm."
„Hm — gut." Schon im Begriff, sich wegzuwenden, drehte er dem Einjährigen sein finsteres Gesicht noch einmal zu.
„Sie sehen ihm verdammt ähnlich."
„Allerdings, Herr Oberst — wir werden oft sogar miteinander verwechselt."
Ter Oberst brummte etwas vor sich hin und ging weiter. Offenbar kam er zu keiner inneren Klarheit. Tie Aehnlich- keit erstreckte sich bis aus die Stimme — sonderbar! Er war geneigt, die Sache weiter zu untersuchen, aber aus alter Erfahrung wußte er, daß dabei nichts herauskam. Die Racker verrieten einander nicht! Doch ging ihm die Affäre noch lange im Kopfe herum und noch manchmal warf er verstohlen nachdenkliche Blicke auf den jungen Marrn, dessen Dienstjahr zrim Glück mit dem Manöver zu Ende ging....
Ein Jahr später befand sich Oberst von Bardelstein in einer Gesellschaft, in welcher auch die Brüder Möllhof an- wesend waren. Als Kurt seinem ehemaligen Vorgesetzten seinen Bruder vorstellte, schaute der alte Soldat dem jungen Mann aufmerffam ins Gesicht.
„Na, sind Sie Ihre Zahnschmerzen los?"
„Tanke, Herr Oberst, ganz und gar."
„Und Sie, Herr Möllhof, haben sich gestern mit Fräulein von Welsen verlobt?"
„Ja, Herr Oberst."
„Gratuliere herzlich — hm — seltsame Geschichte — wirklich verwünschte Aehnlichkeit — merkwürdig, daß auch gerade mein Pferd krank wurde — war am nächsten Morgen wieder völlig gesund — werde nicht gescheit daraus!"
„Was meinen Sie, Herr Oberst?"
„Ich? Hm — nichts von Belang — wünsche, wie gesagt, herzlich Glück. Olga ist ein reizendes Geschöpf — behandeln Sie sie nach ihrem Verdienst, lieber Möllhof. Und vor allen Dingen", fügte er hinzu, indes ein halb- verstecktes Lächeln seine Züge überzog, „machen Sie ihr nie etwas weiß — verstanden?" Damit wandte er sich schnell hinweg, einer anderen Gruppe zu... .
Es versteht sich, daß Kurt und Olga ein äußerst glückliches Paar wurden. Aber eins ist noch nachzutragen, wenn der verehrte Leser diese wahre Geschichte nicht unbefriedigt aus der Hand legen soll. Als Kurt nach seiner Entlassung vom Militär das erstemal wieder nach Tiefthal kam, begrüßten er und Christian sich mit einem verständnisvollen Grinsen, und Kurt drückte dem alten Diener ein Zwanzigmarkstück mit der Frage in die Hand:
„Im Vertrauen, Christian, was habt Ihr nur damals mit dem Pferd des Obersten angefangen?"
Da zeigte Christian fletschend seine weißen unregelmäßigen Zähne — kratzte sich mit der breiten Hand am Kopse uni) entgegnete halblaut:
„Nichts Besonderes, Herr Möllhof — aber das arme Tier war so durstig, und da es der Herr Oberst so eilig hatte und nicht gleich Wasser zur Hand war, so hat das vierfüßige Schleckermaul einen ganzen Eimer von dem Fäßchen Lagerbier ausgesoffen, das wir eben in der Küche angesteckt hatten, 's war nämlich gerade der Jette ihr Geburtstag.!"
VeNmftchtSS.
Firm en-Kuriosum. In dem badischen Städtchen Ueberlingen existiert eine Wirtschaft „Zur Hölle" oder richtig: „Gasthaiis zur Hölle", wie auf dem Schild steht. Das Haus ist ein Anbau an die dortige Münsterkirche und unmittelbar daneben steht in Uebcrlebensgröße Christus am Oelber g. Der Besitzer des Gasthauses heißt Teufel (Anton Teufel), der aber führt die Wirtschaft nicht selber, sondern hat einen Pächter darauf, der heißt Pfaff. Das alles ist
nicht etwa willkürlich, sondern durch Zufall so gefügt worden. Also zwischen Münster und Oelberg steht die „Hölle" als Eigentum des „Teufels", der dieselbe an einen „Pfaff" verpachtet hat. Ist das nicht Humor des Zufalls?
Literarisches.
Frau Grete Meisel-Heß leuchtet in ihrem bei Hermann Seemann Nachfolger in Leipzig erschienenen Roman AnnieBiankasl Mk.) tief in die weibliche Psyche hinein. Ein junges modernes Persönchen wird geschildert, das die Genußfreude und die tolle Neugier ins Verderben führen wird. Damit ist gleichzeitig das Schicksal dieser mimosenhaft reizsamen Geschöpfchen angedeutet, die von ihrem Lebensdurst geplagt und von ihm schließlich verzehrt werden. Grete Meisel-Heß weiß diesem heiklen und dankbaren Thema trefflich gerecht zu werden, und besonders sind ihr die Partien gelungen, in denen sie den Leser nach der Darstellung packender Vorgänge mit in den Taumel einer starken Leidenschaft reißt. Das Buch wird unter den Freunden der Moderne zweifellos begeisterte Anhänger finden.
Eine neue Zeitschrift betrachtet man heute mit Mißtrauen, aher angenehm enttäuscht waren wir nach der Lektüre des evsten Heftes von „Spitzen", Zeitschrift für die vornehme Welt. Herausgegeben von Trüth (Verlag Rich. Eckstein Nächst H. Krüger, Berlin W. 57). Wir begegnen da Namen, wie Hans von Kahlenberg (Verfasser von „Nixchen"), Hermann Pang, Hermann Heyermanns jr., P. Verlaine, Lady Piccadilly, Paul Gisbert ic., Namen, die heute zu den besten gehören, und alle haben sich bestrebt, ihr Bestes zu geben. Die Ausstattung der Monatsschrift ist vornehm. Gin Probeheft kostet nur 1 Mk.
Arrnft und Wissenschaft.
— H e n r i k I b s c n kein Norweger. Ibsen hat zwar durch fein und feiner Vorfahren seßhaftes Leben das schöne Norwegen als Heimat erworben, und nach heute geltendem Brauch ist er, politisch und litterarisch genommen, durchaus ein vollgiltiger Bürger Norwegens, ein unzweifelhaft echtes Mitglied des norwegischen Volkes, aber weder stammt er ursprünglich aus einem norwegischen Geschlecht, noch hat er überhaupt viel norwegisches Blut in seinen Adern, dafür aber dänisches, schottisches und namentlich deutsches. Das hängt nun so zusammen:
Peter Ibsen, sein Ururgroßvater, dänischer Schiffer, wandert* 1 1720 von Moen nach Bergen, dort vermählt mit
der Tochter eines eingewanderten Deutschen:
Henrik Petersen Ibsen, dessen Enkel, Schiffer, vermählt mit I Wenche Dischington, Tochter eines eingewanderten schotten: ,
Henrik Ibsen, dessen Sohn Posthumus, Schiffer, vermählt mit A Fräulein Plesner, Tochter eines deutschen Kauf- mansehepaares;
bsen, vermählt mit Maria Cornelia Altenburg, Tochter eines begüterten Kaufmanns deutscher
| Herkunft;
Henrik Ibsen, der Dichter, geboren am 28. März 1828, vermählt mit Susannah Daae, Tochter des Stiftsprobstes Thoresen in Bergen.
Man sieht, die Leute haben gar nicht so unrecht geurteilt, welche meinten, in Ibsens dichterischem Wesen sei so etwas von „echt deutscher Art" zu spüren. Nun, wir Deutschen wollen ihn den Norwegen nicht abspenstig machen; gut nordisch ist die Jbsen'sche Blutmischung fraglos, und der deutsche Einschlag sorgt dafür, daß die Mischung einen guten Klang hat.
T a n s ch r ä t s e l.
(Nachdruck verboten.)
Gran, Weib, Seife, Fuder, Bein, Bote, Kahlkopf, Weste, Bier, Blut, Damm, Mahl, Dame, Kante, Tanne, Geister, Rest, Gase, Weide, Haller, Wald, Haus, Pilz, Galle, Hebe, Halm, Algen, Wahl, Bau, Wolle.
Von jedem Wort ist durch Umänderung eines Buchstabens an beliebiger Stelle ein neues Wort zu bilden derart, daß die neu eingefügte« Buchstaben im Zusammenhang ein bekanntes Sprichwort ergeben.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Bilderrätsels in vor. Nr.r Anschauungsunterricht.
»»edaktion: August Götz.— Rotationsdruck und 8 erlag der Brübl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen,


