Ausgabe 
9.9.1903
 
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Und Sie?'1

Ich, ich blieb zu Hause. Ich habe mir nämlich ein Haus gekauft, dort steht es hinter den Bäumen. Sie können es von hier nicht sehen. Ich lebe in Frieden mit allen Menschen und zahle pünktlich meine Rechnungen. Manchmal koiprnt Paul lauf ein paar Tage zu mir."

Gnädiges Fräulein", sagte Steinmetz nach einer kleinen Pause ernsthaft,ich bin ein alter Mann und habe zu meiner Zeit viel durchgemacht, aber wenn ich alles be­denke, hatte sogar mein Leben seine Freuden. Es gibt int Leben viel Glück, das für alles übrige entschädigt; allein dieses Glück muß man festhalten, es schlüpft so leicht durch die Fiuger. Eine kleine Uitschlüssigkett, ein kleiner Mangel an moralischem Mut, ein kleiner Mangel an Selbstvertrauen, ein bischen Stolz, und es ist verloren. Folgen Sie mir?"

Nelly nickte. Aus ihren großen Attgen strahlte eine tiefe Zärtlichkeit.

Steinmetz legte feine breite, plumpe Hand auf ihr schmales Händchen.

Gnädiges Fräulein, ict) glaube, der liebe Gott selbst hat Ihnen heute den Gedanken eingegeben, hieherzurndern^ fuhr er fortPaul reift morgen ab, er tritt eine neue, große Reife an. Es gibt Dinge, von denen wir nie miteinander sprechen es gibt einen Namen, den toir niemals nennen. Seit Osteruo haben Sie es ver­mieden, ihnr zu begegnen. Gott weiß es, ich verlange für ihn nichts, was er sich scheuen würde, selbst zu ver­langen, aber auch er hat seinen Stolz; er wird sich nirgends aufdrängen, wo fein Erscheinen unwillkommen fein könnte."

Steinmetz erhob sich etwas schwerfällig und sah sie an. Es gelang ihm jedoch nicht, ihrem Mick zu begegnen.

Gnädiges Fräulein, ich bitte Sie sehr demütig, sehr ehrerbietig, mit mir in meinen Garten zu kommen, damit Paul wenigstens weiß, daß Sie hier sind."

Er trat ein paar Schritte von ihr fort und wandte ihr einen Augenblick den Rücken, indem er in der Richtung des Hauses blickte. Dann hörte er das Rauschen ihres Kleides, während sie sich langsam erhob.

Ohne sich umzuschanen, ging er weiter. Der Weg zwischen den Bäumen war so schmal, daß nicht einmal zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Nach etwa fünzig Schritten gelangte er auf einen großen, abschüssigen Rasenplatz, an dessen anderem Ende ein niedriges, lang­gestrecktes Haus stand. Auf der gedeckten Terrasse faß an einem Schreibtisch ein Mann. Er war von Papieren umgeben, und die Feder in seiner Hand glitt rasch über das vor ihm liegende Blatt.

Wir verwalten das Gut von hier aus", sagte Stein­metz mit leiser Stimme.Aus unserer Verbannung säen wir noch immer unsere Saat."

Sie schritten über den weichen Rasen, und plötzlich blickte Paul auf. Es war ein kraftvolles, strenges, be­herrschtes Gesicht, das Gesicht eines Mannes', der immer ein Ziel im Leben hatte, der niemals kleinlich war, weder in Gedanken, noch in Taten.

Einen Augenblick schien er sie nicht zu erkennen, dann sprang er auf, und die Feder fiel auf die Fliesen der Terrasse.

Nelly ging Halb bewußtlos weiter. Sie fühlte nur, daß sie alle drei die unvermeidliche Rolle spielten, die in dem großen Komödienbuche des Lebens für sie ausgezeichnet war. Sie merkte gar nicht, daß Steinmetz sie verlassen hatte, daß sie allein über die Wiese ging.

Paul kam ihr entgegen und ergriff schweigend ihre Hand. Sie hatten einander so viel zu sagen, daß die Worte ihnen plötzlich wertlos erschienen; sie hatten einander so wenig zu sagen, daß Worte unnötig waren.

Das, was diese beiden einander zu sagen hatten, kann weder in Minuten, noch in Jahren ausgesprochen werden, nicht einmal während eines ganzen Lebens; denn es ist endlos und ewigi.

Der Doppelgänger des Einjährigen.

Manöverhumoreske von F. Clemens.

(Schluß.)

Die Beleuchtung im Zimmer kam zum Glück dem Schars- bli-ck des strengen Regimentsbefehlshabers nicht zu Hilfe. Trotzdem maß erden Patienten mit forschenden Augen von dessen Verhältnis zur Tochter des Hauses wußte er nichts, sonst wäre der Verdacht, der in ihm aufstieg, ver­mutlich gleich zur vollen Gewißheit geworden.

Freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Möllhof. Ich wußte nicht, daß unser Einjähriger einen Bruder hatte die Aehnlichkeit giebt es allerdings sie ist frappant geradezu frappant wahrhaftig, wenn ich nicht eben Ihren Namen vernommen hätte, ich würde Sie unbedingt für Ihren Bruder selbst gehalten haben."

Baron Welsen verbiß sich das Lachen.

Wenn er noch Zeit findet, will er morgen feilten Bruder im Biwack besuchen gehen Sie nur, lieber Guido, der Herr Oberst weiß auch, was Zahnschmerzen bedeuten, er wird Sie gern entschuldigen."

Kurt verbeugte sich und machte sich davon, während der Oberst einige Augenblicke nachsinnend dasaß. Plötzlich erhob er sich.

Aber Bardelstein, Du willst doch nicht schon fort?"

Ich muß, und sogleich, lieber Baron, ich erinnere mich eben, daß ich etwas Wichtiges vergessen habe." Da gab es kein Haltett, er verabschiedete sich rasch und schritt eilig, vom Baron begleitet, die Treppe hinab in den Hof.

Christian, niein Pferd!"

Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Oberst, ich will ihm nur noch einmal zu trinken geben, das arme Tier war ganz verdurstet."

Sehr wohl, aber beeilt Etich."

Schnellen Schrittes begab sich Christian nach dem Stalle.

Indes bewerkstelligte Kurt in einem Hinterzinnner den Umtausch der Kleidung. Dann nahm er hastig Abschied von der draußen seiner harrenden Olga, bat sie, ihn bei ihren Eltern zu entschtildigen, und eilte durch den Garten nach dem Platz draußen, wo Christiatt sein Tier hatte hin­bringen sollen.

Hier fand er Christian selbst, der ihn mit der nieder­schmetternden Botschaft empfing:

Der Herr Oberst ist eben fort er hat sicherlich Verdacht geschöpft."

Was noch vor mir? So ist alles verloren, denn ich muß den längeren Weg reiten."

Christian lächelte schlau.

Nur keine Sorge, Herr Möllhof ich habe dafür ge­sorgt, daß Sie noch eher aitkomtnen, als der Oberst, wenn Sie auch den anderen Weg reiten"

Was habt Ihr gemacht?"

Halten Sie sich jetzt ttichi auf vorwärts, Brauner!" Zweifelnd und voll Angst jagte Kürt im Galopp davon.

Der Oberst ritt ebenfalls int schnellsten Tempo die Hauptstraße entlang. Anfangs ging alles gut, mit einem Male begann sein Pferd unsicher zu werden.

Zum Teufel, Türk, was hast Du? Vorwärts, mein Braver." Er streichelte das Tier und klopfte es lieb­kosend aus den Hals.

Umsonst, Türk wollte nicht mehr laufen. Das heißt, er lief zwar, aber fühlte sich offenbar unsicher aus den Husen, er schwankte und turtelte beängstigend.

Der Racker ist ja wie betrunken", räfonnierte der Oberst.Das arme Vieh ist die letzten Tage zu sehr an­gestrengt worden, es muß krank sein hoffentlich bricht es mir nicht unter dem Leibe zusammen.

Er versuchte es mit Liebtosungen, Drohungen, Peitsche und Sporn, alles umsonst Türk war wie von Sinnen. es blieb ihm nichts übrig, als abzusteigen und das kranke Tier am Zügel nach deut Quartier zu führen. Vor Zorn kirschrot im Gesicht, erreichte er nach einer Stunde sein Ziel; wütend übergab er das Pferd feinem Diener und erteilte Befehl, das Alarmzeichen zsu geben.

Alles ging wie am Schnürchen niemand fehlte, auch der Einjährige Kurt Möllhof nicht. Vor diefem hielt der Oberst still und blickte ihm lange und forschend ins Gesicht Ernjähriger Möllhof!"