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Form, in der die Geschichte dieses Abends der Welt mitgeteilt werden sollte.
Sie kannten das Land gut und waren daher im stunde, eine wahre Geschichte zusammenzustellen, die das Klatsch- bedürfnis trotzdem nicht befriedigen konnte. Alles, was die Welt je erfuhr, war, daß die Fürstin Etta Alexis von den aufrührerischen Bauern erschlagen wurde, während sie durch eilt Seitenpförtchen zu entschlüpfen versuchte, und daß der Baron Claude von Chauxville den Tod fand, als er sie vor der Wut des Pöbels schützen wollte.
Auf den Rat des Intendanten stellte Paul Schloß und Dorf unter das Standrecht und übertrug auf der Stelle das Kommando dem jungen Kosakeuoffizier, der von dem in Twer komniandierendeu General weitere Instruktionen forderte.
Ehe der nunmehrige Herr von Osterno die Wirkungen seines laugen Rittes und eines üppigen Diners verschlafen hatte, waren Steinmetz und Nelly bereit, die Reise nach London anzutreten.
Das Frühstück wurde iu dem trüben Licht eines nebligen Morgens in dem Zimmer serviert, das auf die Klippen hinausging.
Ein paar Lampen brannten auf dem Tisch, uud Paul wartete bereits, als Nelly reisefertig in der Tür erschien. Steinmetz hatte schon früher gefrühstückt.
Sie wünschten einander guten Morgen und versuchten, von gewöhnlichen Dingen zu sprechen, bis der Diener Nelly mit Kaffee und dem sonstigen Zubehör eines soliden Frühstückes versorgt hatte. Dann entstand Schweigen.
„Steinmetz wird Sie an Ihr Ziel bringen und dann zu mir zurückkommen", sagte Paul endlich mit Anstrengung. „Sie dürfen sich seiner Obhut getrost anvertrauen."
„Ja", antwortete sie, indem sie den vor ihr stehenden Teller mit einem hilflosen Mick anstarrte. „Aber es ist nicht das, um was ich mich sorge. Ich weiß nicht, ob ich Ettas Andenken Ihrem Urteile ruhig überlassen darf. Paul, Sie sind sehr streng; ich glaube, Sie können sie leicht falsch beurteilen. Männer verstehen nicht immer, welchen Versuchungen eine Frau ausgesetzt ist."
Paul hatte sich nicht gesetzt; er trat ans Fenster und blieb dort stehen, um in den düsteren Nebel hinauszustarren.
„Ich sage das nicht, weil sie meine Cousine war", fuhr Nelly leise fort. „Ich sage es, weil sie ein Weib war und von zwei Männern gerichtet wird, die beide — hart sind."
Paul sah sich nicht um und gab keinen Laut vou sich.
„Wenn eine Frau ihr Leben selbst gestalten muß und es zu einem glänzenden macht, begeht sie gewöhnlich einen ungeheuren Irrtum", fuhr das Mädchen fort.
Sie hielt einen Augenblick inne, und sprach dann hastig, in flehendem Tone weiter, denn sie hörte Schritte uäherkommen.
„Wenn Sie alles verstehen würden, müßten Sie auch anders urteilen, — Hie können eben nicht verstehen."
Da wandte Paul sich langsam um.
„Nein", sagte er, „ich kann es nicht verstehen und werde es wohl auch nie können."
Nun trat Steinmetz ins Zimmer.
Ein paar Minuten später verschwand der Schlitten, der den Intendanten uud Nelly trug, int Dunkel des Morgens. Ein paar Kosaken, die als Wache dienten und Depeschen überbrachten, begleiteten das Gefährt.
So geschah es, daß Etta Beaumont — die Fürstin Alexis — nun doch zu ihrem Gatten zurückkehrte, der in einem namenlosen Grabe an der Wolga in Twer ruhte. Hinter den weißen Wänden des Friedhofes, unter dem Schatten der großen, glänzenden Küppel erwarten sie, Seite an Seite, das letzte Gericht.
42. Kapitel.
Kismet.
Drei Jähre nach Ettas Tode, an einem herrlichen Äprilabend, fuhr ein sogenannter Seelentränker die Seine hinab. Das Ruder stieg und fiel so sachte, so träge und friedlich, daß die Wasservögel ihr Geschwätz über Nester und andere häusliche Aprilsorgen gar nicht unterbrachen, während das Boot vorüberglitt.
In der Tat, es siihr so leise dahin, daß Karl Steinmetz sein Kommen gar nicht beachtete. Er saß mit einer
großen Havanazigarre im Munde am Ufer, während eine kleine Flinte int Grase neben ihm lag. Sein Haar war plötzlich weiß geworden, wie es bei starken, alten Männern oft geschieht, und die Strahlen der untergehenden Sonne, die durch die niedrigen Zweige guckten, zwangen ihn, träge zu blinzeln, so daß er wie eine große, gutmütige Katze aussah.
Plötzlich verriet ihm der Instinkt des Jägers, daß jemand herankam; er drehte langsam den Kopf und betrachtete das Boot mit ruhigem Wohlgefallen.
Der kleine Kiel glitt unter den Schatten eines mächtigen Baumes; ein weißgekleidetes Mädchen in einem großen, weißen Hute führte langsam, ohne besondere Geschicklich-- keit das Ruder.
„Ein hübsches Bild", murmele Steinmetz vor sich hin. „Gott im Himmel, so ein Bild kann einen alten Manu wieder jung machen!"
Mit eiuemmale riß er die Augen weit auf und sprang in die Höhe.
„Kolossal!" stieß er hervor, riß feinen alten, weißen Strohhut vom Kopfe und machte eine tiefe Verbeugung.
„Gnädiges Fräulein, welch ein Glück nach drei Jahren!" Nelly hielt an und sah verstört auf ihn; die Farbe wich langsam aus ihrem Gesichte.
„Was machen Sie da?" fragte sie, und etwas wie Furcht klaug aus ihrer Stimme.
„Nichts Böses, gnädiges Fräulein, nur Gutes. Ich bin vom Hochwild auf Niederwild gekommen. Sehen Sie, hier ist eine Salonflinte. Ich warte, bis eine Wasserratte erscheint, ttnb schieße sie dann tot."
Das Boot trieb näher ans Land, während das Ruder im Wasser nachschleppte.
„Sie sehen wohl meine weißen Haare an", fuhr er fort. „Kommen Sie doch ein bischen näher."
Das Ruder drehte sich wie eilt Fischschwanz träge int Wasser.
„Halten Sie sich fest", sagte er, indem er sich bückte und mit einem leisen Lachen das Boot samt feiner Insassin ans Ufer zog.
„Trotz meiner weißen Haare", setzte er hinzu, indem er sich mit beiden Händen auf die Breite Brust schlug.
„Für mich haben sie keine Bedeutung", antwortete sie, indem sie die dargebotene Hand ergriff und über den Rand des Bootes stieg. „Ich habe selbst graue Haare, — ich bin auch alt."
„Wie alt?" fragte er mit seiner gewohnten Derbheit, indem er auf sie hinabsah.
„Achtundzwanzig."
„Ach, Ihre Jahre sind Sommer, — meine sind Winter geworden. Wollen Sie sich hier setzen? Sehen Sie her, ich Breite den Plaid aus für Ihr weißes Kleid."
Nelly BlieB stehen und schaute durch die Bäume zu der untergehenden Sonne hinüBer. Das Licht fiel auf ihr Gesicht und zeigte ein paar Linien, die es früher nicht ge- habt hatte; es zeigte aber auch die geduldige Zärtlichkeit in den ruhigen Augen, die dort infmer zu sehen gewesen war, und die Katharina in den stürmischen Tagen, die nun vergangen waren, sofort Bemerkt hatte.
„Ich kann nicht lange BleiBen", antwortete sie, „ich Bin Bei den Faneanx' zu Besuchs und sie dinieren um sied en Uhr."
„Ah, die Gräfin ist eine gute Freundin von mir. Es ist eine seltsame Welt, gnädiges Fräulein, eine sehr seltsame Welt, — so klein und doch für manche so groß und kahl."
Nelly sah ihn an, dann ließ sie sich nieder.
„Erzählen Sie mir alles, was seitdem geschehen ist,", murmelte sie.
.„Nachdem ich Sie nach Hause geBracht hatte, fuhr ich wieder zurück", antwortete Steinmetz. „Wir wurden selbstverständlich aus Rußland verBannt. Das war zu erwarten, wir waren zu gefährlich. Mich grämte es wenig, aber Paul tat es weh."
Eine kleine Pause entstand, während das Wasser zu ihren Füßen plauderte und flüsterte.
„Mau hat mir erzählt, dast er eine große Reise gemacht hat", sagte Nelly endlsch mit gelassener Stimme.
„Ja, er war in Indien."
„Nicht in Amerika?" fragte Nelly in gleichgiltigem Ton, indem sie müßig kleine Holzstückchen ins Wasser warf.
„Nein", antwortete Steinmetz, gerade vor sich hinblickend, „nein, er war nicht in Amerika."-


