Nr. 134
1903.
Mittwoch den 9. '"eptember.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Osterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Schluß.)
„Wir haben alle unsere Fehler, und dürfen andere Nicht richtens fuhr er fort. „Wenn wir alles verstünden, würden wir leichter verzeihen. Die zwei stärksten menschlichen Motive sind Ehrgeiz und Furcht. Sie wurde von beiden beherrscht. Ich selbst sah sie unter dem Einfluß einer plötzlichen Angst, und bemerkte, wie der Ehrgeiz in ihr arbeitete. Der Mann da, der ein Schurke war, betrog sie wahrscheinlich unaufhörlich. Er ist tot, und der Tod, heißt es, löscht alle Schuld aus. Wäre ich ein besserer Mensch, so würde ich wohl auch besser von ihm sprechen, aber — du lieber Gott, der Mann war eben ein Schurke. Ich glaube, Gott wird zwischen ihnen richten und dem armen Weibe vergeben. Sie mag ihre Tat wohl bereut haben, als sie das Geschrei der Aufrührer hörte; ich bin davon überzeugt. Ich bin überzeugt, daß sie herunterlief, um das Türchen zu schließen, und den Baron hier fand. Wahrscheinlich sprachen sie miteinander, als -bie armen Narren, die sie töteten, auf dieser Seite des Schlosses erschienen und sie entdeckten. Sie erkannten in ihr die Fürstin nnd hielten ihn wahrscheinlich für den Fürsten. Die Menschen nennen das ein Zusammentreffen von Zufällen. Wie Gott es wohl nennen mag?"
Er brach ab, bückte sich und legte einen Zipfel vom Mantel des Toten sanft über das entstellte Gesicht.
„Wir wollen daran denken, daß er sie zu retten versucht hat", sprach er weiter. „So ist manches Menschenleben, — gerade am Ende gibt es eine kleine Sühne. Jin Leben war er ihr böser Geist; als er starb, mußten sie ihn zertreten, um zu ihr zu gelangen. Gnädiges Fräulein, wollen wir jetzt gehen?"
Er ergriff Nelly beim Arme und führte sie sanft hinweg.
Sie zitterte am ganzen Leibe, aber sein Arm war fest. Er geleitete sie die enge Treppe hinauf in ihr eigenes Zimmer, in dem ein Helles Feuer brannte; die augezün- deten Lampen standen auf dem Tische, gerade so, wie die Jungfer sie beim ersten Alarmruf verlassen hatte.
Nelly sank in ein Fauteuil und brach plötzlich in Tränen aus.
Der Intendant blieb neben ihr stehen und streichelte mit seinen dicken Fingern sanft ihre Schulter. Er sprach kein Wort, aber der graue Schnurrbart verbarg nur halb die Lippen, die vor Zärtlichkeit und Teilnahme zuckten.
Nelly war die erste, die wieder zu sprechen anfing.
„Ich danke Ihnen, mir ist jetzt besser", sagte sie. „Sre brauchen hier nicht länger zu warten. Die arme Etta!"
Steinmetz schritt auf die Tür zu.
„Ja, die arme Etta", wiederholte er. „Gerade die.
die in der Welt am meisten vorwärts kommen, sind oft am meisten zu bemitleiden."
An der Tür blieb er stehen.
„Morgen bringe ich Sie zu Ihrer Mutter zurück; ist Ihnen das angenehm, gnädiges Fräulein?"
Sie lächelte ihn traurig unter Tränen an.
„Ja, es wäre mir lieb", antwortete sie. „Dieses Land ist grauenhaft. Ich danke Ihnen für Ihre Güte."
Steinmetz ging hinunter und fand Paul vor dem Schloßtor. Er sprach eben mit einem jungen Offizier, der langsam vom Pferde stieg und im stolzen Bewußtsein seiner glänzenden Uniform lässig im Vestibül nmher- schlenderte.
Es war ein Kosakenleutnant mit einem schönen, knabenhaften Gesichte, das zum Vorschein kam, als er sich bei der Vorstellung vor Steinmetz verbeugte und zugleich mit einem Schwünge seine hohe Astrachanmütze vom Kopfe zog.
„Ja, der General hat mich mit einer Svtnia her- geschickt," fuhr er, zu Paul gewendet, auf französisch fort. „Sie werden sehen, welch tüchtigen Hunger die Leute haben; wir haben die große Strecke seit Sonnenaufgang zurückgelegt. Zu dem General drang nämlich das Gerücht, daß das ganze Dorf im Aufstand gegen Sie sei."
„Wer verbreitete das Gerücht?" fragte Steinmetz.
„Menn ich nicht irre, hatte es seinen Ursprung in bett Werften, und soll von einem alten Manne und seiner Tochter ausgegangen sein, — Hausiererleuten, denke ich^ die stromabwärts fuhren; aber wo sie das Gerücht hörten, weiß ich nicht."
Paul und Steinmetz vermieden, einander anzusehen; sie wußten, daß Katharina und Stephan Lanowitsch die Hilfe geschickt hatten.
„Ich bin natürlich sehr erfreut, Sie hier zu seheu, aber ebenso erfreut, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie nicht mehr Vonnöten sind", sagte Paul. „Steinmetz ivird Ihnen alles erzählen, nnd ein Diener für Sie wird bereit sein, sobgld Sie es wünschen. Ich will unterdessen Befehl geben, daß die Leute versorgt werden."
„Besten Dank. Das Komische dabei ist, daß ich beauftragt bin, das Dorf mit Ihrer Zustimmung unter das Standrecht zu stellen und den Oberbefehl zu übernehmen."
„Ich glaube, das ivird nicht notwendig feilt", antwortete Paul, indem er in den Hof trat, um mit den wild ansseheuden Kosaken, die zu seinem Schutze erschienen waren, zu sprechen.
Wie in allen Ländern, ivo ein Menschenleben nicht viel gilt, sind die Förmlichkeiten bei Todesfällen in Rußland sehr gering.
Während der junge Offizier seine Uniform gegen den Frack vertauschte, Sen sein vorsichtiger Diener mitgebracht hatte, einigten sich Paul und Steinmetz eilig über die


