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sie deshalb. Das Mädchen blickte, die Augen voll Tränen, rmpor.
„Wie kann ich sie noch so gern staben, wie ich sonst zu tun pflegte, Onkel?" sagte sie. „Wenn sie Jem Stickels nicht ermutigt statte, mich zu verfolgen und zu quälen, so würde er nicht an jenem Tage mit Mr. King zusammen- getwsfen und der schlimmste Teil des Unglücks daher nicht geschehen sein."
„Wer sie meint es doch gut und stat es auch damals St gemeint, Nell. Du solltest Deinen alten Freunden nicht e Irrtümer nachtragen, Mädchen."
Doch Nell gab keine Antwort darauf.
Es war schon die Schlußzeit des Gasthofs vorbei und George Claris leerte mit großer Schwierigkeit das Haus von der Menge seiner Besucher. Drei der Matvofen, die lattt Meißen von der Kälte und dem gefahrvollen Zustand gelitten hatten, sollten die Nacht unter seinem Dache verbringen, während die anderen von neuerworbenen Freunden, die ihnen Gastfreiheit anboten, mit nach Stvoan genommen wurden. George Claris schloß sein Haus zu, nachdem er seine Nichte und Meg schon zu Bette geschickt statte, und Völlig übermüdet ging er in sein eigenes Zimmer hinauf.
Er statte einen sehr schweren Dag gehabt und ihn Mit einem Extraglase von Rum und Wasser beschlossen. Die Folge war, daß er sofort einschlief, als er sich auf den Rand des Bettes gesetzt statte, um die Stiesel auszuziehen, und nicht früher als ein paar Stunden später erwachte, wo er sich plötzlich aufrichtete und sich im Momente des Erwachens erinnerte, vergessen zu staben, das Geld, sowohl seine eigenen Einnahmen, wie die Sammlung für die Seeleute, aus der Kasse im Schenkverschlag mit sich zu nehmen. Nachdem er die Tür seines Zimmers leise geöffnet hatte, um nicht die Schläfer zu stören, ging er die Treppe hinunter.
Es war am folgenden Morgen nach halb sechs Uhr, als die nächsten Nachbarn durch ein lautes Nochen an ihre Tür und durch das Hereinstürzen Megs, oer Magd des Gasthofes, in einem Zustande rasender Aufregung, erschreckt wurden.
„O kommt doch, o kommt! In unserem Hause gehen schreckliche Tinge vor!" schrie sie, kaum vor Furcht und Mangel an Atem verständlich. „Hinterm Schenktisch ist jemand versteckt und ich krieg' ihn nicht vor. Und Mr. Claris ist nirgends zu finden. Und Miß Claris wurde ohn- mächtig, als ich's sagte — und — aber so kommt doch — v Gott —"
Die Frau, zu der sie dies sagte, war anfänglich zu bestürzt, um kommen zu können. Zwei Männer jedoch- die nicht weit davon standen und die fliegende Rede mit an- gehört hatten, erboten sich, mit Meg zurückzugehen, und m wenig Minuten waren sie alle im Gasthof.
Gewiß war jemand hinter dem Schenktisch, jemand unten am Boden. Zaudernd standen die Männer an der Tür. Die Töne, die hinter dem Schanktisch hervvrkamen, glichen mehr dem Grunzen und Brummen eines Tieres als einer menschlichen Sttmme.
„'s ist kein Mensch was da hinten steckt, 's ist ein Tier", sagte einer der Männer. Und die Heugabel, die er trug, zum Angriff bereit haltend, trat er entschlossen hinein. Doch indem er es tat, sprang eine wüste Gestalt hinter dem Schenktisch empor und starrte den Eindringling wild und wütend an. Sie ergriff einen der steinernen bauchigen Bierkrüge, die auf einem Brett an der Wand standen, und ihn über den Kops schwingend, stteß er ein schreckliches Geheul aus.
„Wer ist das? Was ist das?" kreischte Meg.
„Zurück! Zurück!" brüllte das Wesen, mit den Füßen stampfend und die Arme herumwirbelnd. „Zurück: ich will nicht beraubt werden. Ich will's Euch heimzahlen, wie ich's chnl^heimgezahlt habe — dem Teufel heimgezahlt habe, dem
Und mit noch stärkerem Gestampfe und Geheul schleuderte das Geschöpf den Krug nach dem Kopfe des Eindringlings. Erzerschmetterte in tausend Stücke an der Tür, die von dem Wurfe schütterte und prasselte.
„Aber das ist ja — das ist George Claris ja selbst!" stammelte der andere Mann, der zu bestürzt, um die Schwelle überschreiten zu Wunen, draußen geblieben war.
„Der Herr?" rief Meg entrüstet. „Aber er trinkt nicht! Gr ist ein so mäßiger Mann als nur einer im Orte."
Sie schluchzte und zitterte und klammerte sich an den Mann.
„Er ist auch nicht betrunken", antwortete der Mann kurz. „Er ist verrückt geworden, mein Kind. Sieh nur seine Augen an.
Und als das Mädchen furchtsam durch das Fenster auf ihren unglücklichen Herrn sah, konnte sie nicht mehr die Worte des Mannes bezweifeln.
Um elf Uhr vorige-Nacht war George Claris noch ein so gesunder Mann wie einer der Grafschaft gewesen. Um sechs Uhr des Morgens war er der Raserei des Wahnsinn" verfallen.
(Fortsetzung folgt.)
Der deutsche Michel.
Bon H. Stein.
(Nachdruck verboten.)
Der Ausdruck „deutscher Michel" wird heute von unserem eigenen Volke viel gebraucht. Während jedoch die einen mit dieser Bezeichnung den Begriff des Verächtlichen verbinden, ist sie in letzter Zeit bei den anderen zu einer ehrenvollen Benennung geworden. Mcht zum geringsten Teile hat unser Kaiser selbst den Anstoß zu dieser Wandlung gegeben. Ein von seiner Hand herrührendes und von Professor Knackfuß. ausgeführtes Bild zeigt den deutschen Michel in anderer als bisher üblicher Weise. Eine hohe jugendliche Rtttergestalt steht lichtumflossen i nner- halb eines hochgewölbten Raumes. Die Rechte liegt kraftvoll auf dem gewaltigen Schwerte; an der linken Seite lehnt der Schild. Im Hintergründe verkörpern ioeibliche Figuren die von dem Ritter in strahlender, mit schwarzen Wlern geschmückter Rüstung geschätzten Güter des Familienlebens) der Wissenschaft und Kunst. So steht der deutsche Michel in ruhiger, aber selbstbewußter Haltung und blickt furchtlos auf die andringenden feindlichen Gewalten, welche, von ihm bereits mächtig zurückgeschlagen, sich zu neuen Angriffen anschicken. Die unter dem Bilde angegebene Devise: „Niemand zu Liebe, niemand zu Leide", vervollständigt die charakteristische Darstellung, welche eine durchaus zeitgemäße und für unser Volk ehrenvolle Auffassung der ihm in übler Nebenbedeutung gegebenen Bezeichnung ist.
Michel ist eine Wkürzung von Michael und hängt vielleicht mit dem althochdeutschen Worte michal, groß, zusammen. Der Name gilt schon lange als Spottname zur Bezeichnung eines schwerfällig-gutmütigen, einfältigen Menschen. Die etwa seit den Befreiungskriegen gebrauchte Benennung deutscher Michel sollte die politische Unreife und Indolenz der deutschen Nation andeuten und zwar der Inbegriff der fehlerhaften Gutmütigkeit und Kurzsichtigkeit, sowie der Torheiten unseres Volkes; daher wurde der deutsche Michel als Karrikatur oft zur Verspottung deutscher Art ähnliche dem englischen John Bull oder dem nord- amerikanischen Uncle Sam angewandt. Die politischen Ereignisse der neuesten Zeit haben die fremden Nationen eines Besseren über deutsches Wesen belehrt, und man bedient sich, darum zu seiner Bezeichnung heute lieber passenderer Gestalten als der eines verschlafenen Bauernjungen mit der Zipfelmütze über den Ohren.
Ueber den Ursprung des Ausdruckes „deutscher Michel" verlautet verschiedenes. Eine Erklärung besagt, daß die Deutschen diese Benennung von ftemden Völkern erhalten hätten, weil in dem altdeutschen Schlachtgesange der Name „Herzog Michael" nach jeder Zeile wiederkehrte. Glaubhafter ist die folgende Mitteilung, nach welcher der Mann, welchem der Beiname des deutschen Michel zuerst beigelegt wurde, ein Generalleutnant deutscher Wkunft in dänischen Diensten, Namens Johann Michael Obertraut war. Er wurde als tapferer Soldat von dem Könige sehr hoch geachtet und geehrt. Wenn er während des dreißigjährigen Krieges den Spaniern und kaiserlichen Kriegsvölkern derb zusetzte, und sie ihren Verlust an Toten und Verwundeten beklagten, oder von sonstigem Schaden sprachen, so pflegten sie zu sagen: „Das haben wir dem deutschen Michel zu danken." Wenn in jener Zeit etwas Kühnes unternommen und geglückt war und man fragte: „Wer hat's getan?" so war die Antwort gewöhnlich: „Der deutsche Michel hat's getan." .
Ms dieser General Obertraut einen Feldzug nach


