Ausgabe 
9.5.1903
 
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boten hatten, dem Wohnhaus, das einsam außerhalb der Mauern der Stadt lag. Sie näherten sich jetzt der Stelle, wo die Leiche Jems entdeckt worden war. Doch was sie bei der Erinnerung daran auch gefühlt haben mochten, so wurde es doch von dem Bewußtsein augenblicklicher körper­licher Gefahr Überboten. Tenn der Wind, der schon den ganzen Morgen sehr heftig gewesen war, wurde jetzt so stark, daß sie fürchteten, mit ihrem Wägelchen davon nieder­geworfen zu werden, während gleichzeitig ein furchtbares Schneegestöber es ihnen fast unmöglich machte, die Straße weiter als eine Yard vor dem Kopfe des Pferdes zu sehen.

Cs weht geradezu aus die Küste", sagte George Claris. >,Man wird von Glück sagen können, wenn keines der Schiffe im Kanal diese Nacht von der rechten Fahrt abgetrieben wird."

Nell schauerte zusammen. Da sie am MeereSftrand lebte, so war sie an Stürme und an die Schrecken, die sie für die auf dem Meere befindlichen Schiffe im Gefolge hatte, gewöhnt. Jeder Sturm brachte Unglück; und vbschpn der Blaue Löwe" nur am Strand einer Bucht stand und die meisten Unglücksfälle, von denen Nell erfuhr, sich einige Meilen entfernt davon zutrugen, so gehörten sie und ihr Onkel doch zu den ersten, die von den Lippen der Besucher des Gasthofs von ihnen hörten.

Beide, Nell und ihr Onkel, erachteten es für klug, ihre Reise zu Fuß zu beenden, indem sie das Pferd führten und sich nicht ohne Schwierigkeit den Weg durch den Schnee- sturm erkämpften.

Es war ungefähr acht Uhr abends, als sie vernahmen, daß em Schoner etwa eine Meile vom Gasthof auf den Strand der Bucht gelaufen wäre. Er hatte das Steuer­ruder ün Sturm verloren und die Gewalt des Windes Hatto ihn auf den Sand am Rande der Marsch getrieben. Man glaubte, baß er in Gefahr wäre, zertrümmert zu werden, und das Rettungsboot war von Courtstairs ab- geschickt worden, als die Nachricht davon in den Gasthof

Allein derBradford" war wie gewöhnlich im Schlamm stecken geblieben und es mutzte auf andere Weise Hilfe ge- schafft werden.

Durch den Schnee, den der Wind ihnen gerade ins Gesicht wehte, verfolgten Nell und eine Schar benachbarter Leute den Weg durch die Marsch die Männer Stricke und Laternen tragend, die Frauen mit stärkenden, wieder- belebenden Mrtteln für die halberfrorene Mannschaft. Es war eine lange, ermüdende Meile. Der Boden war hart gefroren; die Schneewehen wurden schon tief, die Lichter, die von Zeit zu Zeit von der Mannschaft des gestrandeten Schiffes an gezündet wurden, flackerten unsicher in der Dunkelheit, sobald der Schnee für kurze Zeit zu fallen auf­hörte. Die Unternehmung war aber nicht fruchtlos. Den Männern des Trupps, meist selbst Seefahrer und alle ans Meer gewöhnt, gelang es, brs an die Hüften im Wasser, ein Boot auszusetzen und die Bemannung sicher ans Land -u bringen.

Tie Leute waten so vor Kälte erstarrt, daß ihnen mit fortgeholfen werden mußte, als sie durch den Schnee nach dem Gasthof humpelten und strauchelten. Tort wurden sie jedoch bald wreder hergestellt durch die freundlichen Dienste eines Wirts mit willigen Händen.

Jedermann in der Nachbarschaft hatte inzwischen von dem ungewöhnlichen Ereigms eines Schiffsbruchs in ihrer eigenen Bucht gehört, und eine große Menge hatte sich im Blauen Löwen" angesammelt, noch ehe das Schiffsvolk eine halbe Stunde unter seinem gastlichen Dache war.

Selbst MM. Lansdowne, die Gattin des hervor­ragendsten Landedelmanns der Nachbarschaft, hatte von dem neuen aufregenden Ereignis gehört und war, den Obersten und Miß Bostal unterwegs mitnehmend, herübergefahren, um die Helden des Abenteuers zu sehen.

Da man nun hörte, daß wenig Hoffnung wäre, den Schoner zu retten und die Matrosen jedenfalls ihre Aus- rüstung verlieren würden, so legte Mrs. Lansdowne in yre Hände des Gastwirts" eine Summe Geldes zum Besten der Leute, was der Ausgangspunkt einer Sammlung wurde, zu der die meisten der Anwesenden etwas beitrugen. Selbst

Oberst, dessen Armut sprichwörtlich war, gab einen Schilling, obschon seine Tochter mit ängstlichen Augen seine Hand verfolgte, als er die Münze spendete. Im ganzen kamen zwischen fünf und- sechs Pfund zusammen und George

Claris band das Geld in einen Segeltuchbeutel und ver­schloß es dann in der Geldkässe hinter dem Schenktisch

In der Menge gab's ein Geflüster, daß des Gastwirts Haus nicht der sicherste Ort wäre, um Geld auszubewahren, doch selbst sie, die sich's zuraunten, hatten keinen Zweifel an der Ehrlichkeit des Wirtes selbst, während viele ander« sich sogar der Gelegenheit freuten, einem Manne ihr Wer­trauen bezeigen zu können, der zweifellos seit einiger Zeit Schweres erlebt hatte.

Es war jedoch Nell, die diesen Borgang mit größter Aengstlichkeit beobachtete. Ihre Aufregung war so sichtbar, daß sie gerade, ihren Onkel anstarrend, innerhalb der Tür stand, die aus dem Schenkverschlag nach der Hinterseite! des Gasthofs führte, sodaß einer und der andere in der Menge sich bedeutsam ansahen. Plötzlich trat das Mädchen ein paar Schritte vor und stieß leicht an den Arm des Wirtes.

Onkel", sagte sie leise,Onkel George, würde es nicht! geratener sein, das Geld nach Stroan durch" sie über­blickte die Männer, die sie umstanden, und wies aus einen Geschäftsmann der Stadtdurch Mr. Paramor hier zu schicken?"

Ter Onkel blickte finster und Mr. Paramor schüttelte' den Kopf in der freundlichen Absicht, George Claris zu zeigen, daß seine Freunde auf seiner Seite wären.

Nein, nein, Miß Claris', lassen Sie's nur, wo es ist und wo es immer zur Hand sein wird."

Als Nell, ohne ein Wort, doch mit einer eigentümlichen Miene von Unwillen und Beunruhigung, sich zurückzog, er­schien eine kleine Gestalt an der Außentür, und Miß Bostal, die keine Gewalt dazu bringen konnte, den Fuß über di« Schwelle eines Gasthofes zu setzen, rief in ihrer zimper­lichen Weise zu:Nell, Nell, so kommen Sie doch heraus, mit mir zu sprechen."

Nell sah nach ihr hin, zögerte und stand im Begriff, ms Innere des Hauses zu verschwinden, als Meg, die! mit einem Brett voll heißer Getränke nach der Schenkstube! ging, sie dienstfertig mit starker Hand vorwärts drängle, während sie in der anderen die Gläser aus dem Brett sorgsam im Gleichgewicht zu erhalten suchte.

's ist Miß Theodora, sehen Sie denn nicht. Miß raunte sie ihr laut genug zu.

Und Nell, die nun nicht länger tun konnte, als ob sie jene weder hörte, noch sähe, ging aus die Straße hinaus., Aber Nell, was soll d-as bedeuten? Behandeln Sie s-p Ihre alten Freunde? Ich wußte nicht einmal, daß Sie wreder zurück wären und ich habe alle die Wochen von Ihnen rein Sterbenswörtchen gehört. Was bedeutet das, Liebe? Gleich sagen Sie mir, was das bedeutet. Ich fürchte, Sie sind nicht glücklich Ich fürchte. Sie sind mir noch böse wegen nun Mr. Kings wegen."

Nell war kalt, scheu, verlegen. Ein ganz verschiedenes Geschöpf von dem Mädchen, das Miß Bostal gekannt und! geliebt hatte.

O, das ist vorüber", antwortete sie schnell.Ich glaub« nicht, daß ich Mr. King je Wiedersehen werde."

Miß Bostal schien eher betrübt, das zu hören. Jetzt, da! ihr Günstling Jem Stickels nicht mehr am Leben war, konnte sie es über sich bringen, ihre Einwände gegen seinen Nebenbuhler fallen zu lassen.

Warum aber nicht? Warum aber nicht, meine Liebe drängte sie ernstlichIch dachte, daß Sie ihn so gern' Hütten?"

Und die kleine Persom die aus dem Wagen gestiegen war, um ihre sie vernachlässigende Freundin aufzusuchen, zog den wollenen Schal dichter um sich der kaum ein genügender Schutz gegen den fallenden Schnee war.

Sie täten besser, zurück in den Wagen zu steigens Miß Theodora", warf Nell kühl ein, die Fragen der Dam« umgehend.

Aber ich möchte erst eine Antwort haben, meine Liebe, Kümmern Sie sich nicht um den Schnee. Ich fröstele nur, weil ich nicht an die Nachtluft gewöhnt bin. Sie wissen, ist gehe nie nach Sonnenuntergang und nur selten kurz vor diesem aus."

Doch Nell wollte ihr keine Antwort erteilen. Und Miß' Theodora, äls sie sich gezwungen sah, wieder in den Wagen zu steigen, bedauerte gegen Mrs. Lansdowne, daß Loudon' ihr liebes kleines Mädchen verdorben hätte.

Selbst George Claris bemerkte die Veränderung in NeM Bettagen gegen ihre gütige alte Beschützerin und tadelt«