Ausgabe 
9.5.1903
 
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Ssmsiag öen 9. Mai.

1903. Nr. 68

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(Nachdruck verboten.)

Das Gasthaus am Strande.

Roman in zwei Bänden von Florence Warden. Autorisierte Nebersetzung aus dem Englischen.

(Fortsetzung.)

In der Cliffords Abreise folgenden Woche kam daher fottBlauen Löwen" ein Mann von rauhem Aeußern an. Ar gab sich für einen Auswanderer aus, der sein Glück tzemacht hatte und mit vollen Taschen in sein Geburts!- Mnd zuruckkehrte. Der Mann verweilte mehrere Tage im Rasthof, rühmte sich in der Schenkstube ganz offen seines Glücks, machte die Ergebnisse davon durchs verschwende- xlsches Freihalten und dadurch erkennbar, daß er an­scheinend sorglos Hände voll Gold sichtbar werden ließ.

Es war aber alles vergeblich,

Hemming mußte Cltfsord, nicht ohne heimlichen Aüriumph, berichten, daß derreiche Auswanderer" nach einem verlängerten Aufenthalt den Gasthof verlassen durfte, Vhne einen Besuch, von dem mitternächtlichen Dieb erhalten Ku haben. Clifford war sehr bekümmert, obschon er vvrgab, zu glauben, daß der Dieb, über dem seht auch noch der Verdacht des Mordes schwebte, nur aus gewöhnlicher Klug­heit vorsichtiger geworden wäre.

Als ihn jedoch Hemming verlassen wollte, fing Clifford gatt, über eine Frage nachzusinnen, die nach diesem neuesten Vorfall zum erstenmale bei ihm aufgetaucht war, war Jem Stickels vielleicht trotz allem selber der Dieb?

Doch war es dann sicherlich nicht Jem Stickels gewesen, dessen Hand er unter dem Kopfkissen ergriffen hatte. Und ein Schauer überlief den Körper des jungen Mannes, als pr sich der Berührung der weichen Haut, der kleinen schlanken Finger erinnerte.

Es war nicht vor dem ersten Tage des März, an einem Habend stürmischen Morgen, daß Nell Claris, deren Ent- Wluß von einer leidenschaftlichen Aufforderung ihres Onkels zu Falle gebracht worden war, zurück nach Stroan kam.

George Claris war seiner Nichte auf dem Bahnhof Mtgegengekommen und beide waren über das veränderte Aussehen des anderen betreten. Nell schien die Hälfte ihrer Schönheit verloren zu haben, ihre Wangen waren ihrer Fülle und ihre Augen des Blicks kindlichen Glücks beraubt, der einer ihrer größten Reize gewesen war.

O Onkel!" rief sie sanft, nachdem sie seinen stillen 'Kuß auf die Stirn erhalten hatte.Du siehst Dir selbst Nicht mehr ähnlich! Was hast Tu mit Dir gemacht?"

O, wir haben so ganz in der alten Weise weiterge- antwortete der Gastwirt, eine Gleichgiltigkeit zur Schau tragend, die er weit entfernt war zu haben.Nichts Besonderes ist vorgefallen, seit Mr. King wieder nach London Furückgekehrt ist. Er wünschte Deine Adresse zu haben, wie W Dir schon geschrieben. Warum wolltest Du, daß ich iie Mn nicht gäbe?"

Onkel, ich. liebe ihn zu sehr", antwortete das Mädchen fest.Wenn es noch so wie früher gewesen wäre, nun, so würde er sie schnell genug erhalten haben. Bis aber dieser elende Handel, der unser aller Unglück gewesen, nicht auf­geklärt ist, werde ich keinen Mann, den ich liebe, sich in meine Schande verwickeln lassen."

Schande, Nell!" wiederholte Claris mit leiser Stimme. Sage das nicht, Kind, sag's nicht-"

In seinem Don entdeckte Nell alle die Gemütsbeweg­ungen, die von der Geschichte und den Gerüchten darüber in ihres Onkels schlichtem Gemüte aufgerührt worden waren. Sie empfand schmerzlich die Liebe, den Zweifel, den Zorn, die ihn während der langen Wochen des Winters gequält hatten. Sie stieß einen leisen Seufzer aus und mit der Hand unter seinen Arm schlüpfend, flüsterte sie:Wir wollen dann nicht Schande, sondern Unglück sagen."

Ja, das ist besser, Liebe", stimmte der arme Mann traurig ein.

Es entstand eine Stille von einigen Minuten. Nell hatte einige Fragen an ihn zu richten, bevor sie den ver­haßten Gegenstand fallen lassen und vorgeben konnten, ihn zu vergessen. Sie blickte zu den Bäumen hinaus, die die Straße zur Rechten umsäumten. Sie schwankten und krachten im Winde, und obschon sie blätterlos waren, boten sie dem Wagen und den darin Sitzenden doch etwas Schutz gegen den Schnee, der in dichten Wolken von der grauen Linie des Meeres aus nach den öden Marschen getrieben wurde.

Onkel", flüsterte sie endlich,hat die Polizei sich viel hier zu schaffen gemacht? Tu hast mir nichts darüber in Teuren Briefen geschrieben? Bist Du von ihnen bedrängt worden?"

Nun, nein. Ich. kann eigentlich nicht sagen, daß sie's getan hätten", antwortete George Claris betroffenen Blicks. Tas ist's eben, wo der Knoten sitzt. Sie nicken und geben Winke und sehen aus, als ob sie was wüßten. Wüßten sie aber so viel, als sie vorgeben, warum legen sie dann nicht Hand ans Werk und beeilen sich urtb klären die Sache auf? Mir sieht es aus, als ob sie selbst ganz verblüfft wären, wahrhaftig, so ist's. Und als ob sie , nie imstande sein würden, etwas anderes zu tun, als die Sache liegen zu lassen"

Er warf unwillkürlich einen ängstlichen, neugierigen Seitenblick auf seine Nichte, zu sehen, wie sie seine Rede aufnehmen würde. ,

Und es schnitt ihm ins Herz, zu bemerken, daß ein Ausdruck großer Freude und ungestörter Erleichterung und Dankbarkeit sich auf einmal über ihr Gesicht verbreitete.

Nun, so werden sie uns auf alle Fälle in Ruhe lassen, nicht, Onkel, nicht?" sagte sie mit einem tiefen Seufzer.

Vielleicht werden sie's, Kind", erwiderte Claris düster, indem er den Kops nach rechts neigte und die Zügel straffer anzog. _, ,

Tenn in diesem Augenblicke kam sie aus dem Schutze heraus, den ihnen die Bäume von Strvan-Court ge-