Ausgabe 
9.3.1903
 
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um nicht wieder sichtbar zu werden. Dann hörten wir die Treppe ein paarmal knarren, und auch dieses Geräusch hörte auf, um sich nicht zu wiederholen. Weder sahen, noch hörten wir etwas weiteres, obgleich wir im Grase stehen blieben, bis unsere Füße vom Tau durchnäßt waren.

Jetzt gehe ich hinein", sagte Raffles endlich.Ich glaube gar nicht mehr, daß er uns> gesehen hat ich wollte, er hätte es getan. Hierher."

Mit großer Vorsicht folgten wir dem Pfade, aber der Kies blieb an unseren feuchten Sohlen hängen, und als wir die mit Fließen belegte Veranda betraten, von der aus eine Glastür ins Innere führte, knirschte es ganz abscheu­lich. Durch diese Glastür hatte Raffles zuerst das Licht schimmern sehen, und er machte sich jetzt daran, mit dem Dia­manten, dem Dopf voll Syrup und dem Bogen starken Papier, die unter seiner Ausrüstung selten fehlten, eine Scheibe herauszuschneiden. Auch meine Hilfe verschmähte er nicht, obgleich er sie vielleicht ebenso instinktiv annahm, als sie angeboten wurde. Jedenfalls waren es meine Finger, die halfen, den Syrup auf dem braunen Papier zu verteilen und dieses ans Glas zu drücken, bis der Diamant seinen Weg vollendet hatte und die Scheibe geräuschlos in unsere Hände fiel.

Nun steckte Raffles seine Hand durch die Oeffnung, drehte den Schlüssel im Schloß und zog den Riegel am unteren Ende der Tür in die Höhe. Das war der einzige, wie sich herausstellte, iiitb die Tür öffnete sich, wenn auch nicht sehr weit.

Was ist das?" sagte Raffles, als noch auf der Schwelle etwas unter seinem Fuße knirschte.

Eine Brille!" flüsterte ich, sie aufhebend, und ich drehte die zerbrochenen Gläser und das verbogene Gestell noch in den Fingern hin und her, als Raffles stolperte und mit einem ächzenden Schrei, den zu unterdrücken er sich. gar keine Mühe gab, fast gefallen wäre.

Sttll, Mann, still!" bat ich mit gedämpfter Stimme, er wird Dich hören!"

Statt aller Antwort klapperten ihm die Zähne seine Zähne! und ich vernahm, wie er nach seinen Streich­hölzern suchte.

Nein, Bunny, er wird uns nicht mehr hören", flüsterte Raffles gleich darauf, indem er sich erhob und das Gas mit dem fast avgebrannten Streichholz anzündete.

Angus Baird lag auf dein Fußboden seines eigenen Zimmers, tot, und mit von fernem eigenen Blut zusammen- geklebten grauen Haaren, neben ihm ein Schüreisen, dessen schwarzes Errde glänzte, und in einer Ecke stand sein Pult, erbrochen und durchsucht. Ciue Uhr tiefte geräuschvoll auf dem Kaminsims, und eine lange Weile war kein anderer Ton hörbar.

(Fortsetzung folgt.)

Gemeinschaftliche Schulen für Knaben und Mädchen.

In derFrauen-Rundschau" (Redakiiorr Dr. Phil. He­lene Stöcker und Carmen Deja, Geschäftsstelle Leipzig) widmet der preuß. Landtagsabg. W. Wetekamp-Breslau der Frage des gemeinschaftlichen Schulunterrichts für Knaben und Mädchen folgende Ausführungen:

Die Frage der Coödukation hat in Dänemark einen großen Fortschritt zu verzeichnen. § 4 des dem Reichstage augenblicklich vorliegenden Schulgesetzes lautet: Sowohl Mittelschule" löteJugendschule" kann Knabenschulen, Mädchenschulen und gemeinsame Schulen für Knaben und Mädchen umfassen. Sehr interessant für die Entwickelung des Coödukation-Gedankens sind die dem Gesetze beigege­benen Erläuterungen. Es heißt dort:

Der Unterrichtsplan kann nicht ganz übereinstimmend für Knabenschulen und Mädchenschulen eingerichtet werden. Es wird bestimmt von den Vorstehern höherer Mädchen­schulen behauptet, daß es mit Rücksicht auf die geistige und körperliche Entivickelung unbedingt notwendig sein wird, die Altersgrenze für die Reifeprüfung um ein Jahr bei den Mädchen höher anzusetzen als bei den Knaben, also der Regel nach auf das 19. Lebensjahr. In Ueber- einsttmmung damit hat das Ministerium das Aufnahme­alter für Mädchen für die Jugendschule auf das 16. Le­bensjahr festgesetzt. Ob aber nicht der Unterricht und das Abschlustexamen der Mittelschule und der Reauchlußklasse

für beide Geschlechter in derselben Zeit und in derselben Meise eingerichtet werden kann, erfordert noch nähere Erwägung. Der gemeinsame Unterricht für Knaben und Mädchen hat augenblicklich eine bedeutende Ausbreitung an privaten und kommunalen Schulen: von 32 kommu­nalen und 60 privaten Realschulen mit Berechtigungen, die im wesentlichen Knabenschulen sind, haben 25 bezw. 53 auch Mädchen, und von 35 privaten Mädchenschulen mit Berechtigungen haben 4 auch Knaben. Um die Aufnahme von Mädchen an Staatsschulen handelte es sich zum ersten Male im Jahre 1881, wo ein Vater in Aarhus für seine Tochter um Zulassting in die OIL der Kathedralfchule einkam. Das Ministerium holte damals die Gutachten von sämtlichen Direktoren der Staatsschulen und von den Lehrerversammlungen ein; aber fast alle Schulen stellten sich dem Gedanken an die Aufnahme von Mädchen aufs entschiedenste entgegen und nur einige wenige meinten, daß man doch wohl den Versuch wagen dürfe. Das Mi­nisterium gab daher abschlägigen Bescheid, und 11 Jahre lang kam die Sache nicht mehr zur Sprache. Mer in der Zeit von 1892 bis 1898 erhielten acht Mädchen die Er­laubnis zum Einttitt, und von 1900 bis 1902 sind noch 26 Mädchen in verschiedene Klassen ausgenommen. Nach den Gutachten, die von den verschiedenen Schulen vor­liegen, hat man nirgends auch nur die geringsten Miß­stände verspürt, man ist im Gegenteil erfreut über die Einrichtung. Da es also scheint, als ob der Zugang selbst unter den jetzigen Verhältnissen ständig wächst, und da die Bewegung wahrscheinlich noch zunehmen wird, so hält das Ministerium es für richtig, daß man jetzt, anstatt von Fall zu Fall zu entscheiden, besser dazu übergeht, sestere Regeln für den gemeinsamen Unterricht von Knaben und Mädchen auszustellen.

Also: noch im Jahre 1881 völlige Ablehnung, schon 1892 Zulassung des Versuchs und wiederum 11 Jahre später, 1903, völlige Freigabe!

Auch in Schweden liegen neue amtliche durchaus gün­stige Urteile über die gemeinsame Erziehung vor, und zivar in dem soeben erschienen Berichte der vor vier Jahren eingesetzten Kommission zur Vorberatung einer Reform des höheren Schulwesens. Die Kommission hat den 15 Schulen mit gemeinsamem Unterricht, welche Staatsunterstützung erhalten, die Frage vorgelegt, ob sich schädliche Wirkungen des gemeinsamen Unterrichts in ge­sundheitlicher oder sittlicher Hinsicht gezeigt haben. Keines der Gutachten weiß über Schädigungen zu berichten, fast die Hälfte der Gutachten stellt fest, daß der Einfluß des gemeinsamen Unterrichts nicht nur nicht schlecht, sondern direkt fördernd sei, sowohl bei den Knaben wie bei den Mädchen.

Zwei Gutachten, das eine von einem Manne, das andere von einer Frau, sind besonders belehrend, da sie von früheren Gegnern des gerneinsamen Unterrichts her­rühren. Aus jeden, dieser Gutachten werde ich einen Wschnitt hier anführen.

Schulvorsteher N. Beckmann (Upsala):Trotz aller Hindernisse wage ich zu behaupten, daß die gemein­same Schule sür mich jetzt in viel günstigerem Lichte da- steht, als zu der Zeit, wo ich noch nicht in direkte Be­rührung mit ihr gekommen war. Ich habe die Vorteile größer und die Gefahren kleiner gesunden, als ich er­wartet hatte. Ich habe nicht in einem einzigen Falle irgend welches allzu starke Interesse zwischen Kameraden verschiedenen Geschlechts wahrgenommen wo sich Inter­esse für Courschneiderei fand, war der Gegenstand der­selben außerhalb der Schule. Auf dem Spielplatz kommt frisches gemeinsames Spiel zustande, wenn aber Kameraden sich besonders gern aufsuchen, so sind es Knaben und Knaben, oder Mädchen und Mädchen. Und schließlich: wenn eine Klasse sich setzen darf, wie sie will, so ist es durch­gehende Regel, daß die Knaben sich zusammensetzen möglichst weit vom Katheder." t

Frl. G. v. Friesen (Djurshvlm):Bon irgend welchen schädlichen Wirkungen des gemeinsamen Unterrichts haben wir nicht die geringste Spur gemerkt, dagegen in hohem Grade gute. Die Zweifel, die ich früher gegen den ge­meinsamen Unterricht hegte, sind in den neun Jahren, die ich hier unterrichte, gründlich widerlegt. Bei einer Elternzusammenkunst am 30. März 1901 sprachen sich alle Eltern ohne Ausnahme für gemeinsamen Unterricht brs zur sechsten Klasse (unsere Untersekunda) aus. Ein Baier