Ausgabe 
9.1.1903
 
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Drittes Kapitel.

Der rote Sonnenschirm.

Und dieses merkwürdige Ding nennt man in Irland eine Postkutsche?" fragte Lady Fanshawe, die, in einen weiten Staubmantel und Gaze sch lerer gehüllt, auf der Rückseite des Stationsgebäudes von Carra stand, und den hohen, gelben, mit vier prächtigen Pferden bespannten, einer Scharabank ähnlichen Wagen musterte, der die neu angekommenen Reisenden nach Ballybay bringen sollte. Auf dem Bock saß ein stämmiger, wetterharter Kutscher, und vorn bei den Pferden stand ein junger Postillon, ©ine Menge Neugieriger mit dem ausgesprochenen Typus des Irländers umstanden gaffend den Wagen und machten allerlei spöttische Bemerkungen und Witze über die zu be­fördernden Reisenden. Unter diesen befanden sich zwei Kammerjungfern, von denen die ältere einen lleinen Korb trug, in den sie mitleidlos eine große schwarze Katze hineingepreßt hatte; ferner Sir Greville Fanshawe, ein hübscher kleiner Mann mit fröhlichen dunkeln Äugen, frühzeitig ergrauten Haaren, und raschen, lebhaften Be­wegungen, der eifrig um seine Angeln und Uschereigeräte bemüht war; dann ein schon bejahrter Rektor mit seiner Gattin, der sich auf seiner alljährlichen Sommerferien­reise befand, und ein junger Bergnügungsreisender in hellgelbem Anzug und blauer Brille, der, fernen un­geheuren Schnurrbart drehend, und hin mtb wieder un­geduldige Verwünschungen ausstoßend, einherstolzierte. Ms Letzte von allen erschien Maureen DÄircy mrt leuchtenden Augen, strahlend wie der junge Morgen. Während dann das Gepäck in den Kutschbockkasten verladen wurde, be- garrnen die Reisenden ihre Sitze einzunehmen. Lady Fanshawe raffte Mantel und Röcke zusammen und sah sich hilfesuchend um, aber ach, Sir Grevrlle war ganz von der Sorge hingenommen, eine lange Angelrute in dem Kasten unterzubringen!

Ach, meine liebe Dame", rief ein alter Mann aus dem Kreis von Zuschauern heraustretend,ich will Ihnen gerne helfen. Wenn man wie ich zwanzig Jahre lang Pferdebahnkutscher war, so versteht man sich auf zarte Damenfüßchen."

Willst Du wohl das Maul halten, Tim Nolan", schrie ihn der Postkutscher an.Zürnen Sie chm nicht, Fräulein, er ist ein alter Schnapsbruder, der auf eine Belohnung rechnet."

Kehr Du nur vor Deiner eigenen Türe, Tom, wir wissen alle, daß Du es doch nur auf eine halbe Krone abgesehen hast."

Diese Antwort mit ihrer derben Anspielung auf das Trrnkgeld des Kutschers ries ein schallendes Gelächter unter den Zuhörern hervor.

Ich, habe den Kutschbocksitz belegt", erklärte der junge Mensch im gelben Anzug, indem er Lady Fanshawe un­höflich bei Seite stieß.Ich wünsche die Gegend zu sehen, und habe dafür bezahlt."

,^on mir soll ihm dieser Genuß nicht geschmälert werden", murmelle Nlla zu Maurern gewandt.Ich sitze lieber^ ganz hinten, wo ich nicht sehen kann, was die Pferde für Sprünge machen."

Mir aber macht es das größte Vergnügen, sie zu beobachten", sagte ihre Schwester, indem sie sich unmittel­bar hinter den Kutscher setzte.

Du solltest Stalljunge werden, und lieber ganz im Pserdestalle wohnen", antwortete Lady Fanshawe etwas gereizt, denn sie war stets schlechter Laune, wenn sie aus Mem Behagen gerissen wurde. Der Gedanke, vierzehn Merlen in diesem schwankenden Fuhrwerk zurücklegen zu S-lli ' tDar ch*. verhaßt, und zudem graute chr vor diesen kräftigen, unruhigen Pferden. Auch die neugierig grinserrde Menge toor ihr zuwider, und um ihrem Mißvergnügen die Krone aufzusetzeü, hatte sich nun auch noch ein heftiger

der ihr den Hut lockerte und diesen samt

Schlei» fortzuoehmen drohte. Dennoch saß sie schließ- lrch glücklich unter einem großen roten Sonnenschirm, ihren Foxterrier Taffy aus dem Schoß.

(U-rtsetzmrg folgt.)

Amerikanische Zeltstädte.

(Nachdruck verboten.)

Der Westen der Vereinigten Staaten, der in mancher Beziehung für den Wolkswirtschaftler Interesse bietet, sicht alljährlich wirkliche und sogenannte Städte entstehen und wieder vergehen. Sie sprießen empor, blühen eine Zeit lang und verwelken dann vielleicht wieder ebenso schnell- wie sie emporgekommen sind. Hier wird auch wohl vo« einem großen Landspekulanten der Befehl erteilt,eine Stadt zu erbauen", und die Ausführung desselben zeitigt dann uatiirlich Früchte der merkwürdigsten Art.

Einem solchen Befehl verdankt auch eine neue Stadt auf der Insel Santa Catalina ihre Entstchung. Tie Insel gehört zu der Reihe von Eilanden, welche sich die kalifornische Küste entlang von Point Conception bis San Juan hin- ziehen nud befaß als' einzige von diesen auch bisher schon eine Stadt, die in regelmäßiger Verbindung mit dem Fest­lande steht. Diese Stadt, den Namen Avalon führend, Werst eine Winterbevölkerung von etwa tausend Seelen auf, wäh­rend diese Zahl im Sommer auf 6000 und mehr anschwillt. Avalon liegt in einem weiten Canon, und da es infolge­dessen in seiner Ausdehnungsfähigkeit beschränkt ist, st» konnten die immer zahlreicher herbei ko mm enden Sommer­gäste schließlich nicht mehr Unterkommen finden. Die Eigen­tümer der Insel sagten sich daher, nach Dankeeart, daß es an der Zeit sei, mit dem Bau einer neuen Stadt $a beginnen, und gaben dementsprechende Ordre.

Am Nordende der Insel wurde zunächst der Platz für die neue Stadt ausgewählt. Die Stelle stellt eine Art Land­enge dar, denn aus der einen Seite wird eine lleine Bucht durch vorspringende Hügelketten gebildet, während auf der anderen Seite eine zweite Meeresbucht tief ins Land ein- schneidet. Auf diese Weise sind der neuen Stadt zwei gute Häfen gesichert. Als an die Gründung der neuen Siedelung herangetreten wurde, war der Platz völlig wüst und öde; kein Baum war weit und breit zu sehen, höchstens hier und da ein Kaktusstumpf, und von menschlichen Woh­nungen war außer einigen Fischerhütten ebenfalls nichts zu bemerken. Auch Wasser war nicht vorhanden. Solches sank sich jedoch in einem benachbarten Tale vor und wurde von dort aus durch eine Wasserleitung dem Platze für die neue Stadt zugeführt. Tann folgte die Ebnung des Geländes, die mit einem enormen Auftvand an Arbeit durch­geführt wurde. Es wurden Vertiefungen ausgefüllt, klein« Erhebungen abgetragen und so alles in besten Stand gesetzt. Ter Geometer kam und vermaß das ganze Gelände, legte die geplanten Wege, Straßen und Plätze fest, auch tourbe die Anlage eines öffentlichen Parks' mit Fontänen rc. vor­gesehen. Hiernach rückten die Rohrleger an, um die Straßr« nut einem Netz von Kanalisations- und WasserleitungA- röhren zu durchziehen. Tie Straßen wurden mit lleine« australischen Encalyptuspflänzchen bepflanzt, ein Landungs­platz wurde angelegt, es wurden ein Restaurant, ein Hotel, einige Hütten für die Verwaltung, sowie eine größere An­zahl von Zelten erbaut und die moderne amerikanische Zeltstadt war fertig. Diese Art von Zeltstädten ist typisch für das südkalifornische Küstengebiet; sie bilden eine be­liebte Sommerfrische sür alle, die der drückenden Hitze in den Binnenftädten auf einige Zeit zu entfliehen streben, um eine zeitlang mit möglichst geringen Kosten die ftischere Seeluft zu genießen.

Tie neue Stadt auf der Landenge bei Avalon ist indes! nicht ausschließlich alsTent city", Zeltstadt, gedacht, son­dern sie soll mit Landhäusern und Hotels ausgebaut werden, und die Eigentümer warten nur darauf, daß die an­gepflanzten Bäume genügend groß, geworden sind, um mit dem , Bau solider Wohngebäude zu beginnen. Tie in Kall- svrnien ber solchen Gelegenheiten meist angewandten Enca- iyptusüäume zeichnen sich durch ein außerordentlich schnelles Wachstum aus, besonders hier, wo sie durch das Klima des Landes darin noch wesentlich unterstützt werden. An Stellen, wo reichlich Wasser vorhanden ist, erreichen sie in zehn Jahren eine Höhe von dreißig Metern.

Tie Zeltstädte sind, wie erwähnt, eine besondere Eigen­tümlichkeit Kaliforniens, und die Lokalblätter vom Gebirge bis zum Meeresgestade hinab wimmeln während der Sommermonate von Anzeigen, welche die Herrlichkeiten dieser oder jener Zeltstadt preisen.

Während des Winters ruht die ganze Zeltstadt wohk«