Ausgabe 
9.1.1903
 
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Jedenfalls gelang es ihr, ihre Nichte an den reichen, allgemein beliebten Sir Greville Fanshawe zu verheiraten. Früher verkehrte er nämlich sehr viel in unserem Hause", fuhr sie fort, und ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust.Ich hätte mir niemals träumen lassen, daß er sich durch ein hübsches Gesicht und einen hohlen Kopf würde fangen lassen, denn er machte mir stets den Eindruck, als seien ruhige, wohlunterrichtete und gediegene Frauen mehr nach seinem Geschmack. Auch war er stets ein leiden­schaftlicher Klub- und Sportsmann."

Und nun ist er ein leidenschaftlicher Verehrer seiner Gattin, die auch in der Tat eine der reizendsten Frauen von ganz London ist."

Ich gebe ja zu, daß sie eine ganz hübsche Weltdame ist, stets wie geschniegelt und gebügelt, aber auch nicht mehr. Im Grunde genommen, ist Nita Fanshawe ein eitles, vergnügungssüchtiges, oberflächliches Geschöpf. Hinter demschwarzen Schwan" steckt zehntausendmal mehr."

Dein schwarzen Schwan", wiederholte Lady Flashe mit gerunzelter Stirne.

Ja, so nennt man ihre Schwester. Wahrscheinlich, weil sie ein außergewöhnliches Wesen ist dabei ein bescheidenes, gediegenes Mädchen und weil sie am Schwanenfluß in Mstralien geboren wurde."

Vielleicht auch nur, weil sie brünett ist und einen langen Hals hat. Obwohl sie, nebenbei gesagt, manchmal recht scharf und absprechend sein kann, so mutz ich doch gestehen, daß ich sie sehr gern habe."

Noch ist eS Mrs. Malpas nicht gelungen, sie an den Mann zu bringen, obgleich sie schon alle Hebel in Bewegung gesetzt hat."

Allerdings nicht; sie behauptet, mit dem Mädchen ein gesellschaftliches Fiasko gemacht zu haben, eine Ansicht, die wohl hauptsächlich daraus zurückzuführen ist, daß D'Mrcv Lord Runarigs Hand ohne weiteres ausschlug und M weigerte, Lady Blore zu werden."

Ich finde, daß man ihr das nicht übel nehmen kann. Warum sollte eine junge, reiche Erbin einen alten Mann heiraten, bloß um das Vergnügen zu haben, ihr Brief­papier mit einer Grafenkrone schmücken zu können?" sagte Lady Langueville.

Da stimme ich vollständig mit Ihnen überein. Miß D'Arcy wird wahrscheinlich einmal irgend einen berühmten Nimrod heiraten, denn sie liebt jegliche Bewegung in freier Luft, und ist eine glänzende Reiterin. Sie sollten sie wirklich einmal sehen. Jeden Morgen um neun Uhr reitet sie im Hydepark."

Ich aber", erwiderte Lady Langueville etwas un- geduldig,schreibe meine ausgezeichnete Gesundheit in erster Linie dem^Umstande zu, daß ich vormittags niemals ausgehe. Die Morgenstunden sind in nuferem Klima zu rauh und neblig."

Wohl möglich, allein Maureen D'Arcy fürchtet die kalte Morgenluft nicht, und setzt ihre zarte Haut ungescheut Wind und Wetter aus. Alles aber, rvas zur großen Ge­selligkeit gehört, ist ihr ein Greuel, und Bälle betrachtet sie förmlich als eine ihr auferlegte Strafe, genau so, wie jetzt so viele unserer langweiligen Herren."

Ich muß sie mir doch morgen einmal näher be­trachten da bin ich nämlich zu Mrs. Malpas zum Diner eingeladen und werde auch hingehen, da man ja bei solchen Gelegenheiten zum Glück nicht viel von der Wirtin selbst zu sehen bekommt. Wahrscheinlich werde ich in Homburg wieder mit ihr zusammentreffen, und da gibt's dann kein Ausweichen. Jeden Morgen mit halb acht Uhr erscheint sie am Elisabethbrunnen und zwar bereits in einer höchst auffallenden Sommertoilette. Ehe wir nicht unser drittes Glas getrunken und die nötige Morgenpromenade voll­endet haben, läßt sie mich dann allemal nicht wieder los. Aber dies Jahr wird sie wohl ihre Nichte mitnehnren, dann bin ich erlöst."

-Ich bedauere, Ihnen diese Hoffnung rauben zu müssen, denn Miß D'Arcy reist mit ihrer Schwester und Sir Greville nach Kerry in Irland. Mta Fanshawe über- «immt damit eine ziemlich schwierige Verantwortung."

Im Gegenteil", erwiderte oie alte Dame,die Ver­antwortung wird aus der andern Seite sein. Nita ist jeden­falls eine schreckliche Last für das arm« junge Dina; wie ein Mühlstein wird sie ihr am Hals hängen."

Lady Flashe brach in lautes Lachen aus.Sie find wirklich komisch. Dabei fällt mir ein junges Mädchen ein.

Idas ganz ernsthaft zu mir sagte: ,Na, nun hab ich die Mutter endlich wieder verheiratet. Es war eine schreckliche Aufregung, bis ich sie glücklich unter die Haube gebracht

Was für ein greuliches Mädchen! Hoffentlich haben Sie ihr gründlich den Mund gestopft. Daß sich aber Nita Fanshawe nach Irland, in solche Weltabgeschiedenheit be­geben will, ist höchst merkwürdig. Wo liegt denn nur der Ort, den sie sich zu ihrem Aufenthalt ausgesucht hat? Sind vielleicht Kavalleriekasernen in der Nachbarschaft?"

Ich glaube nicht. Der Ort ist berühmt wegen seines! Meer-, See- und Flußsischfangch wegen seiner romanti­schen Lage und einiger guter Gasthöfe; es soll die reizendste Gegend von Irland sein."

Daß es Sir Greville dort gefällt, bezweifle ich nicht, und auch derschwarze Schwan" kann dort nach Herzens­lust seine Schwingen regen und das freie, ungebundene Leben genießen; aber Nita, die bis Mittag im Bett liegt, und ohne!?Lufregungen und Huldigungen, ohne den neuesten Klatsch und ihren letzten Verehrer nicht leben kann was für ein geheimer Grund mag sie zu dieser Reife bewegen?'<

Sie wünscht den wahren Charakter der Gegend zu ergründen".

Mta Fanshawe und den Charakter eines Ortes oder einer Person zu ergründen!" rief die alte Dame mit ver­ächtlichem Hohnlachen dazwischen.

,Me befürchtet vielleicht, daß er mehr als Fische und eine schöne Landschaft in sich schließt."

Ah so!" Lady Langueville wurde plötzlich ganz heiter! und lebhaft.Nun habe ich's. Erinnern Sie sich des jungen Hauptmanns Mac Lawleß, der während des letzten Winters viel bei Lady Fanshawe verkehrte? Ein be­kannter Don Juan, aber eifriger Fischer der geht ja auch nach Irland. Ich suche nämlich immer gern den Dingen auf den Grund zu kommen. Jetzt begreife ich Lady Fanshawes Reisepläne."

Aber ich bitte Sie, Mta ist ein ganz harmloses Geschöpft', entgegnete die andere voll Wärme.Sie kann doch nichts dafür, daß sie schön und anmutig ist. Sie liebt ihren Mann auftichtig und dann schließlich sind doch alle hübsche Frauen ein wenig kokett."

Darin stimme ich durchaus nicht mit Ihnen überein. Jedenfalls wird Lady Fanshawes arme, einfache Schwester alle Hände voll mit ihr zu thun haben, um ihr die Zeit zu vertreiben und sie vor Wwegen zu behüten. Sir Greville vertraut seiner Gattin zwar unbedingt wie alle Männer, die nicht viel Erfahrung mit Frauen haben, aber ich weiß; aus sicherer Quelle, daß eine Dame, die Lady Fanshawe zum Verwechseln ähnlich sah, im Princehotel mit einem Herrn dinierte und darauf mit diesem ins Theater ging zu einer Zeit, wo Sir Greville in Schottland war. Die bekannte Sache wenn die Katze fort ist"i der Schluß des Satzes verklang in einem häßlichen Lachen.

Ich glaube nicht, daß Mta Fanshawe jemals etwas so Einfältiges getan hat", sagte Lady Flashe empört.

Sie ist zu allen Albernheiten fähig. So wenig eifer­süchtig nun aber auch ihr Gatte ist, so sehr neigt sie dazu. Als er z. B. kürzlich einmal während zwei oder! drei Tänzen mit seiner alten, guten Freundin, meiner! Perdita, zusammensaß, kam seine Frau tatsächlich zu ihm her, und veranlaßte ihn, aufzubrechen. Dabei sah sie ganz zornig und aufgeregt aus wie unfein, nicht wahr?'<

,Hielleicht wollte sie nach Hause gehen", bemerkte Lady Flashe.Oder aber ist ihr etwas davon zu Ohren gekommen, daß Greville Perdita einmal die Cour ge­macht hat."

Courmacherei? O nein, es war eine ganz ernsthafte Sache, bei der er sich übrigens recht wenig hübsch benahnp Perdita aber ist ein gutmütiges Ding, und hat ihm ver­ziehen obwohl ich das von mir nicht behaupten kann.i Doch hier kommt endlich mein schwarzes Spitzenkleid, ich muß mich jetzt wirklich von Ihnen verabschieden. Be­suchen Sie mich bald, der dritte Dienstag im Monat ist mein Empfangstag. Nicht wahr, Sie vergessen es nichts

Nachdem die Witwe davongerauscht war, band sich' Lady Flashe vor einem Spiegel langsam den Schleier vor, griff nach ihrem Sonnenschirm und murmelte beim Hin­ausgeben ärgerlich vor sich hin:Du darfst überzeugt sein, daß ich eS nicht vergessen werde du alte, falsche