Ausgabe 
8.7.1903
 
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Mittwoch den 8. Juli.

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1903. Nr. 100

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(Nachdruck verboten.)

Die Namensschwestern.

Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau.

(Fortsetzung.)

11. Kapitel.

Während die Gemüter der Villabewohner die erste Auf­regung und Erschütterung der Ereignisse der letzten Tage noch nicht überwunden hatten, war Fräulein Bassett in ihrem stillen, verdunkelten Zimmer in Westfields zu neuem Leben erwacht. Obschon sie nur wenig spracht bemerkten ihre aufmerksamen Wärterinnen doch bald, daß ihr Gedächtnis zurückkehre. Ihre wenigen Fragen betrafen alle die Zeit ihres Unfalls, und in den langen Zwischenpausen schienen ihre Gedanken kaum je zur Ruhe zu kommen. Am Montag nach Herrn Morgans Abreise von Brüssel war sie besonders unruhig und murmelte beständig Worte vor sich hin, welche ihre Wärterinnen nach ihrer Weise deuteten:

Hören Sie, Frau Dhbell", flüsterte die eine,zum fünften Male sagt sie nun schon das Nämliche:Sind meine Briefe abgesandt?" Ich möchte wissen, welche Briefe sie meint."

Wahrscheinlich wollte sie gerade einige zur Post bringen, als der Wagen umstürzte", war die Erwiderung. Ich weiß,, daß sie auf dem Wege nach Bearford waren. Ach, da fällt mir ein, sie hatte eine Ledertasche in der Hand, die der Verwalter vom Wege aufhob und hierher brachte. Sie hängt dort bei ihren Kleidern, vielleicht sind die Briefe darin. Soll ich einmal nachsehen?"

Das können Sie", versetzte Frau Simonds, die erste Wärterin; und die andere brachte nach kurzem Suchen zwei versiegelte Briefe herbei und fragte mit gedämpfter Stimme:

Soll mein Mann sie heute nachmittag zur Post bringen? Es wird sie vielleicht ruhiger machen."

Die Wärterin nickte, und als die Kranke das nächste Mal dieselbe Frage stellte, erwiderten die beiden Frauen, in dem Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, daß die Briefe besorgt seien, sie brauche sich deshalb nicht mehr zu be­unruhigen.

Fräulein Bassetts Verstand war entschieden wieder ganz klar, denn sie stellte die gleiche Frage nicht mehr, schien aber mit zunehmenden Kräften sehr begierig, zu erfahren, was sich während der Zeit ibrer Krankheit er- ^gnet habe. Zweimal fragte sie, ob FM^ Wilson sie be­sucht habe; und als man in der Billa hMvon berichtete. Men tdE} bie ®ame' ben Wunsch der Kranken zu er- , die Aerzte nur eine kurze, harmlose Unterhaltung

erlaubten, berührte Frau Wilson anfangs nur einige Dorf- neuigkerten und war froh> daß das gedämpfte Licht und die Bettvorhänge der Patientin den verstörten Ausdruck Mer eigenen Züge verbargen.

Aber Fräulein Bassett mußte Verdacht haben, daß Ellinor ihre Freunde ins Vertrauen gezogen Hatte, denn denn sie fragte plötzlich:

Also geht hier alles seinen gewöhnlichen Gang?"

Hier in Westfields? O ja, ganz, wie immer."

Und bei Ihnen zu Hause? Nichts Neues?"

Ganz entschieden nichts, was ich, Ihnen sagen werde", dachte Frau Wilson, die deutlich fühlte, daß sie niftlmer- mehr vergessen könne, daß Reden Selber, Schweigen aber Gold sei. Laut erwiderte sie:Nichts, was Sie besonders interessieren könnte, Fräulein Bassett."

O!" Dann nach einer längeren Pause:Und IHv Bruder, Herr Morgan?"

Erholt sich langsam wieder, wie ich hoffe. Er mußte in Geschäften verreisen in einer persönlichen Angelegen-' heit. Wir erhielten heute aus Paris Nachricht von ihm."

Und Fräulein Graham?"

Die Frage verriet so deutlich Fräulein Bassetts Jdeen- verbindung, daß Frau Wilson sich nicht enthalten konnte^ auf die Anspielung zu antworten. Es war doch sicher keinerlei Gefahr dabei, diesen Irrtum aufzuklären.

Fräulein Graham hat sich über den Unfall sehr auf-, geregt", begann sie.Aber, Fräulein Bassett, der Gedanke, den Sie hatten, und den ich teile, ich, gestehe es wir! sprachen nach dem Konzert in Norchich davon, wie Sie sich erinnern werden war ein großer Irrtum. Beide dachten nie an derartiges."

Fräulein Bassetts entstelltes Gesicht krampfte sich, nervös zusammen. Sollten all ihre Umtriebe vergeblich gewesen sein? Aber sie enthielt sich jeder Bemerkung und sagttz nur mit klagendem Tone:

Fräulein Graham hat mich niemals besucht. Sie hatta kein Verlangen nach mir!"

Ein Wunder, wenn sie cs gehabt hätte!" dachte Frau Wilson, sich der letzten stürmischen Szene erinnernd, welche die beiden ja nach Ellinors Schilderung mit einander ge­habt hatten. Der Doktor und seine Frau waren überein­gekommen, über jene Episode mit niemandem zu sprechen. Sie glaubten auf Fräulein Bassetts Schweigen rechnen zu dürfen, so lange diese von Ellinors Gastfreundschaft so gänzlich abhängig war. So lautete denn Frau Wilsons Antwort etwas steif, aber doch auch wieder begütigend:

Fräulein Graham ist natürlich an Krankenzimmer nicht gewöhnt; sie wußte ja auch, daß Sie in geschickten Händen waren. Sie wünschte ausdrücklich, daß man Ihnen dis größtmögliche Aufmerksamkeit und Sorge erzeige."

Sie hätte aber selbst kommen follen", war die fast weinerliche Erwiderung.Es würde ihr nichts geschadet haben; vielleicht aber vielleicht aber o Wärterin, mein Kopf der Schmerz, der schreckliche Schmerz kommt wieder!"

Ich glaube, für heute haben wir genug gesprochen"^ sagte Frau Simmonds sich dem Bette nähernd.So darf