398
ich wohl die Damen bitten, sich jetzt von Ihnen z>u verabschieden."
„Es mag für immer sein!" bemerkte Fräulein Bassett. „Ich habe .Herrn Pott gebeten, an meine — meine Freunde in Dorsetshire zu schreiben. Sie wußten, daß ich bald hier Weggehen wollte, und jemand wird mich hier abholen, sobald ich werde reisen können. Ich möchte fort von hier. Herr Graham wird bald hier eintreffen, da muß ich fort sein!"
Die Wärterin blickte warnend über das Bett, und Frau Wilson war natürlich gleich bereit, einen Besuch zu beenden, den sie nur aus Nächstenliebe unternommen hatte. Da Ellinor ausgegangen war, fuhr sie rasch wieder nach Hause,- ihre gedrückte Stimmung war natürlich in Westfields keine bessere geworden.
„Das ist eine gefährliche Biegung, Madame", sagte der Kutscher, als sie an der Unsallstelle bei der Brücke voruberkamen. „Ein solcher Sturz, wie Herr Morgan getan weg " ,C) Unm' 6arti6er kommt man nicht so leicht hin-
„Nein, wahrhaftig nicht", entgegnete seine Herrin: aber der Seufzer, der ihren Worten Nachdruck verlieh, bezog sich auf Mißgeschicke anderer Art, von denen jener nichts lagen" f°nnte' We n6er löie Blei aus dem Gewissen
Welchen Erfolg würden Richards Nachforschungen haben? Sre hatten hente morgen von Jarris gehört, daß die „Freundin", die Herr Morgan suche, von Brüssel ab- gereist und auch in Ostende nicht zu finden gewesen sei. Wenn Herrn Morgans Kräfte ausreichten, würden sie jetzt nach Paris gehen. Wie unbeschreiblich die ganze Sache sw quälte, vertraute die arme Frau nicht einmal ihrem Gatten, an. Ihr Vertrauensbruch hatte ihr wahrlich einen Toriiins. Fleisch! gedrückt, den nichts entfernen konnte, als I
Anblick von Richards ehelichem Glück; und hierzu schienen bte Aussichten so gering, daß sie keine Hoffnung j darauf bauen durfte. _ Sie wäre zu den größten Opfern drrmt gewesen, hätte sie ihr verderbliches Einmischen un- I geschehen, den Brrich zwischen den Verlobten nur wieder aut machen können.
Aber eine so glückliche Lösung der augenblicklichen Schwierigkeiten war vorläufig nicht zu erwarten, und die arme Aimee mußte ohne jede Aussicht auf Erleichterung ihr schweres Los tragen. Die ersten Tage nach ihrer Abreise von Brüssel vergingen ihr wie ein Traum; aber es Bar em qualvoller Traum, der sie keinen Augenblick das I bittere Lech vergeßen ließ, das abermals ihr junges Leben betroffen hatte. Em fortwährender Kummer nagte an ihrer Seele; schlaflose Nächte und unruhige, aufreibende Tage spannten ihre- Kräfte auks äußerste an. Aengstlich besorgt, ihren Anteil an dem Reisevertrage gewissenhaft zu er- I füllen, übersetzte, erklärte und erforschte sie für Herrin I Henderson, unterhandelte mit Juwelieren und Modistinnen PLr feine Frau, ergänzte Zhabellas wunderbares Französisch bei den langen ermüdenden Besichtigungest von Museen und Gemäldegalerien, und strengte ihre Kräfte der- maßen an, daß sie ihr plötzlich den Dienst versagten, ehe die erste Woche ihres Pariser Aufenthaltes zu Ende war. Sie gestand schüchtern zu, daß sie vielleicht „ein wenig übermüdet" sei, bat um eine kurze Ruhezeit und schlich auf ihr Zimmer, überwältigt von Mattigkeit.
Die Hendersons, in ihrer Art drei so gute Menschen, wie sie nur je zu einer Vergnügungstour über den Ozean kommen, waren sehr bestürzt, ihre schöne junge Dolmetscherin in solchem Zustande zu sehen und berieten eifrig, was man für sie tun könne. „Dagegen hilft kein Essen und kein Trinken, obschon sie von ersterem wohl täglich em paar Unzen mehr nehmen könnte", sagte der reiche Amerikaner. „Was ihr fehlt, ist eine gute Freundin, bei der sie sich einmal recht aussprechen und ausweinen könnte. ! ^ch würde gleich darum telegraphieren, wenn ich nur wüßte, wo, ein solcher Artikel zu finden wäre."
„Aber sie hat niemand mehr, sie steht ganz allein, das arme Ding", sagte seine Frau. „O Ralph, so nett wie ftc ist, waren wir nicht doch etwas voreilig, sie miit uns zu nehmen?"
-^/^"vn ich nicht eiusehen; übrigens läßt sich Geschehenes vify - wehr andern", war die etwas geschäftsmäßige Erwiderung. „^sabella, strenge Dein Gedächtnis an, kannst Du uns nicht auf eine Spur helfen?"
Fräulein Henderson überlegte einen Augenblick.
„ „Ja, Fräulein Forest hat eine Freundin — jenes Fräulein Osborne, die Vorsteherin meiner Schule war, ehe Fräulein Rochsorü kam. Ich denke wohl, sie würde sich ihrer annehmen."
„Für diesen guten Einfall sollst Du eine extra Fünf- Dollar-Note haben, Bella; wir müssen Fräulein Osborne ausfindig machen."
„Aber Ralph, sie ist ja in England", sagte Frau Henderson in klagendem Tone. „Was kann sie uns da nützen?"
„Dummheit!" entgegnete ihr Gatte, dem aus seinen Reisen nichts lieber war, als ein triftiger Grund zu verzwickten Ziüzacktouren. „England liegt gerade aus der anderen Seite des Wassers; sage Fräulein Forest, daß ich Geschäfte halber unseren Reiseplan ändern müsse. Mit Fragen wegen Fräulein Osbornes Aufenthalt wollen wir sie nicht erschrecken; ich telegraphiere an Fräulein Roch- ford und diese kann umgehend antworten. Sorgt Ihr Damen nur, daß sie um die Mittagsstunde reisefertig ist, dann wird alles ganz gut gehen."
So erhielt denn Fräulein Forest wieder einmal freund-, liche Marfchordre, und die kleine Gesellschaft verließ Paris, um sich nach London zu begeben. Hier verbrachte Airneg in einem riesigen Hotel, mit der Aussicht auf die gewaltigen Löwen und sprudelnden Fontainen von Trafalgar Square einen traurigen Sonntag, den ersten Tag ihrer Rückkehr nach England, die sie in Begleitung Richards an- zutreten gehofft hatte!
Der unaufhörliche Schmerz, den ihr seine Untreue bereitete, hatte ihre Selbstbeherrschung so weit überwältigt, daß die Einbildung über die Vernunft zu herrschen begann! und sie von der beständigen Angst gefoltert war, ihm hier, in seinem Vaterlande, vielleicht an der Seite seiner zukünftigen Gattin zu begegnen. Diese Furcht quälte sie in den nächsten zwei Tagen in jeder Straße, bei jeder Sehenswürdigkeit, die sie mit den Hendersons aufsuchte. Sie stahl! den letzten Rest von Farbe aus ihren Wangen und verlieh ihren dunkeln, traurigen Augen einen solchen Ausdruck angstvoller Erwartung, daß mancher Vorübergehende halb! bewundernd das junge Mädchen betrachtete. Diese fremden! Blicke verrieten ihr deutlich, was ihre zunehmende Schwäche zu flüstern begann. Ihre Mutter war in jungen Jahren gestorben, und ein tiefer Kummer, der an ihrem Herzen! nagte, hatte ihr frühes Ende herbeigeführt, wie ihr Vater einst andeutete. Konnte der Allgüttge nicht auch sie früh- zeittg zu sich, rufen wollen?
In den stillen Stunden der Nacht dachte sie über diese Möglichkeit nach und fing an einzusehen, daß sie ihren gütigen Freunden nicht länger zur Last fallen dürfe. Wenn ihre Tage gezählt waren, konnte sie vielleicht doch bei ihrer mütterlichen Freundin oder wenigstens in deren Nähe ihre letzte Lebenszeit zubringen. Mit Herrn Hendersons Zustimmung wollte sie gleich am nächsten Tage an Fräulein Osborne schreiben und ihr Anliegen Vorbringen.
Mit diesen Plänen beschäfttgt, ging sie am Mittwoch morgen, es war der 1. September, hinunter und fand Herrn Henderson und seine Frau in ihrem Privatwohnzimmer, eine Mitteilung studierend, die sie gerade von Frau Rochford erhalten.
„Hatte in eigener Angelegenheit nach Brüssel zu schreiben", erklärte der Herr, Aimee in einiger Entfernung einen Stuhl anweisend, „und hier ist auch ein Bries für Sie, Fräulein Forest, der dem meinigen beigelegen. Jene Lehrerin kannte seither unsere Adresse nicht, konnte ihn also auch nicht früher befördern." Dann- ging er wieder zurück, um in halblautem Ton mit seiner Frau zu beratschlagen, wann er am besten Fräulein Osborne aufsuchen würde, um über ihren früheren Schützling mit ihr zu sprechen. Aber diese wohlwollende Beratung wurde plötzlich unterbrochen. Aimee eilte mit geröteten Wangen herbei und reichte ihnen ihren Brief.
„Lesen Sie", bat sie, „und sagen Sie mir, was ich tun soll. Sie sind beide so gut, wollen Sie für mich denken, denn ich selbst kann es jetzt nicht. Es ist ganz wunderbar", fügte sie an allen Gliedern zitternd, bei, „daß dieses gerad« jetzt kommt. Aber ich möchte sehr gern Bei meinen Verwandten sein, obschon ich dieselben nie gesehen, und obschon ich —" Tränen durchströmten ihr wieder bleiches Gesichtchen — „vielleicht nur hingehe — um zu sterben." (Fortsetzung folgt.)


