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Augenblick. Sie müssen mich hören. Sie sagen, die ganze Welt wird gegen Sie sein? Nicht die ganze, nein, nein, Nell! Ich werde Ihre Sache verteidigen. Ich werde ihr zeigen, was zu glauben ist. Nehmen Sie mich zum Gatten, und wer kann dann wagen, von Ihnen anders zu denken als ich? Wer kann ein Wort zu sagen wagen, wenn Sie mein Weib sind?"
Das Mädchen stand wie versteinert da. Er hatte sie so beredt, so dringend verteidigt, als ob es sein eigenes Leben gegolten hätte. Er hielt inne, es seinen glühenden Augen überlassend, von seiner Liebe zu sprechen, als er ihr erschrecktes, errötendes Gesicht sah, und wähnte die in ihrer Brust streitenden Gefühle von Bestürzung, Ungläubigkeit, Freude und Zweifel verfolgen zu können. Jetzt schüttelte sie mit dem Kopfe und wendete sich ab, damit sie seinen Blic^n nicht mehr begegnen konnte.
„Wissen Sie auch-, was Sie sagen?" fragte sie nach einer kurzen Stille in einem sachlichen Tone. „Und erwarten Sie wirklich von mir, daß ich solchem Unsinn mein Ohr leihe?"
„Es ist kein Unsinn. Es ist mein fester Entschluß^ Sie zu meinem Weibe zu machen."
„Ah, es ist aber mein fester Entschluß-, so etwas nicht zu werden. Ich bin Ihnen sehr für Ihre gute Absicht verbunden, und ich sehe wohl ein, daß Sie sogar glauben, etwas recht Schönes zu tun, indem Sie mir anbieten, mich zu heiraten. Mein" — und sie richtete sich dabei auf und warf ihm einen trotzigen Blick zu — „ich will mich nicht so, und noch dazu aus Mitleid, von einem Manne heiraten lassen, den rch bis gestern nicht kannte."
Diese letzten Worte versetzten Clifford in jähe Verwunderung. Er hatte vergessen, wie kurz seine Bekannt- chaft mit Nell noch war; es schien ihm, als ob er sie chon seit Monaten gekannt hätte. Rasch war er mit seiner .Antwort auf diesen Einwurf bei der Hand.
„Was das betrifft, so hab' ich Sie schon seit lange gekannt, Nell", sagte er ernst. „Ich habe Sie gerade gekannt, als ich danack verlangte, ein Mädchen, ganz so, wie Sie sind, zu finden. Und es war stets meine .Absicht, wenn ich es fände, nicht eher zu ruhen, bis ich es überredet hätte, mein Weib zu werden. Ich glaube, Sie können dies auch als Antwort aus den Einwand annehmen, daß hiebei Mitleid mit obwalte. Des Mitleids werde nur ich bedürfen, wenn Sie mich ausschlagen."
Nun war dies ziemlich hübsch ausgedrückt und Nell sah besänftigt aus. Sie nahm wieder den Besen zur Hand und tat, als ob sie ihr Fegen wieder aufnehmen wollte, obschon das Vorhaben kein sehr wirksames war.
„Unglücklicherweise", sagte sie mit leiser Stimme, dre nicht so zungenfertig, als sie gewünscht hätte, war; >üch habe keine so lebhafte Einbildungskraft und ich rann nicht behaupten, Sie lange genug zu kennen, um ftcher zu sein, daß ich Sie gern zum Mann haben
Ihr Ton war nicht so entmutigend wie ihre Worte. Clifford, der sehr zu seiner eigenen Verwunderung es ganz ernst meinte, betrieb seine Werbung mit besonderem Eifer.
(Fortsetzung folgt.)
Vom Aufstehen.
Der erste Akt des beginnenden Tages ist bei weitem nrcht der unwichtigste; im Gegenteil hängt davon, wie er vollzogen wird, viel ab, denn er drückt allen folgenden ,en Stempel aus. Aus der Schulzeit entsinne ich mich emes franzosrschen Diktates, das den Titel trug: la lutte avec l orerller (der Kampf mit dem Kopfkissen), und das von der Lehrerin gleichzeitig zu erzieherischer Einwirkung benutzt wurde, dem Stücke hieß es u. a., daß man an der Art, ttt der jemand — einen gesunden Körper vorausgesetzt — am Morgen den Kampf mit dem Kopfkissen erledige, erkennen könne, ob er ein charakterfester Mensch ser oder nrcht. Wer sich morgens nicht entschließen könne, das Haupt vom weichen Kissen zu erheben, lasse es in der » gsl auch rm übrigen Leben an der wünschenswerten Fesngkert, Tatkraft und vor allem an Selbstüberwindung der Tat geht auch der Frühaufsteher frisch und fröhlich ans Werk, während bei dem Langschläfer die
Trägheit Manchmal nicht weichen will und rechte Lust zur Arbeit nicht vorhanden ist.
Wie sehr man von der Wichtigkeit und Nützlichkeit rechtzeitigen Aufstehens allzeit überzeugt war, zeigen uns die Sprichwörter mancher Nationen. Von tiefer Sinnigkeit sind die Worte des berühmten Predigers P. Lacordaire zu unserem Thema. Er sagt: „Der Augenblick des Erwachens in der Dämmerung oder in der ersten Klarheit des Morgens, je nach der Jahreszeit, ist ein heiliger Moment. Die Seele, welche seinen Wert nicht kennt, wird nie tief in die Wege Gottes eindringen; denn Er hat den Lauf der Sterne geregelt, wie das Leben des Menschen, und hat beide zu einander in wohlberechnete Harmonie gesetzt. Die Verachtung dieser Harmonie, für Arbeit und Wohlergehen nicht nützliche ist schädlich für das Seelenheil. Der Mensch, welcher weit in den Tag hinein schläft, weil er die Nacht zum Tage gemacht hatte um des Vergnügens willen, findet, wenn er aufwacht, die Angelegenheiten der Welt und des Lebens an seinem Lager. Sie dringen auf ihn ein, und er wird überwältigt von ihrem Geräusch. In den Pflichten und Mühen, die sich nun folgen, findet er keine stille Stunde mehr für seinen Schöpfer, und gar bald vergißt er ihn . . . Daher, welches auch euer Berus sei, beachtet bei der Nachtruhe wie bei allem, die geheiligte Ordnung der Natur. Ungestraft verletzt man ihre Gesetze nicht."
Die Mahnung zu frühzeitigem Aufsteheu ist für eine gewisse Anzahl von Frauen wohl meist notwendiger als iür die Männer, welche durch ihren Beruf genötigt sind, oie Nachtruhe zeitig zu beenden. Die Damen des Hauses, denen Dienstboten alle häusliche Arbeit abnehmen, glauben vielfach, sich eine recht lange Ruhe gönnen zu dürfen. Sie sehen nicht ein, welcher Schaden dem Haushalt und den Kindern aus der mangelnden Aufficht erwächst, noch abgesehen von dem unwiderbringlichen Schaden, der ihnen selbst durchs die verlorene, bezw. verträumte kostbare Zeit entsteht. Möchte ihnen die treffliche Bemerkung einer italienischen Schriftstellerin bekannt werden, welche lautet: „Der Tag im Geiste des Opfers durch frühzeitiges Aufstehen begonnen, wird unsere Frauen, unsere Mütter von jenem bösen Blutmangel der Seele befreien, der sich lähmend aus ihre Tatkraft legt; er wird sie tatkräftiger, verständiger und besser machen, und sie vor aller Verweichlichung körperlich! und seelisch bewahren."
Die Einrichtung des geselligen Lebens bringt für den, der sich an ihm beteiligt, manchmal das Opfer eines Teiles der Nachtruhe mit sich. Hier Einschränkung oder Wandel zu treffen, liegt vorzüglich in der Hand der Frau. Gar manche gesellige Zusammenkunft läßt sich durch ihre vernünftige Anordnung auf eine angemessene Dauer beschränken, wodurch sie wohl stets nur gewinnt. Das Erwachen nach einem durch Maßhaltung wirklich genußreichen Gesellschaftsabende mag entschieden angenehmer sein als im gegenteiligen Falle. Ist die Hausfrau sowohl für sich als für die Ihrigen um die Einhaltung der rechten Nachtruhezeit besorgt, so wird sie bald erfahren, welchen Nutzen ihr, der Familie und bent ganzen Hause daraus an Zeit, Arbeitsfreudigkeit, Gesundheit des Leibes und der Seele erwächst.
Für die Frauen!
Ein Lied, gedichtet mrd komponiert von Prin- zesfitt Luise von Toskana, bringt die neueste Numiner der illustrierten Halbmonatsschrift „F r a u e n - R u n d s ch a u" zur erstmaligen Veröffentlichung, eingeleitet durch einen Artikel des Musikschriftstellers Arthur Smolian. Mit Smolian zu reden, werden forschende Frauenseelen dieses Lied als Beitrag zur Psychologie, teilnahmsvolle Frauenherzen als klangschimmernden Nachglanz eines „knisternd zerstobenen Sternes" willkommen heißen. Die Herausgeberin Carmen Teja würdigt Anton Klamroth als Kindermaler in einem von acht Kinderporträts gezierten Artikel. Heber die Vorläufer moderner Möbel, besonders in der Zeit des Rokoko, berichtet I. Franken. Eine Erzählung, von Gabriele Reuter findet ihren Abschluß während eine ebensolche von Ilse Frapan beginnt.. Frau Marie Stritt, die Präsidentin des Bundes deutscher Frauenvereine, behandelt das Thema „Frauenfrage und Mutterschaft", während. Anna Pappritz in ihrem fulminanten Artikel „Herren^ moral" in überaus scharfer Weise zu den kürzlich im Frank-^


