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bett er Lei Erörterung des Diebstahls mehr als einmal im Gesichte des Mädchens bemerkt hatte.
Anderseits war sie aber sicher ganz wach gewesen, als er sie diesen Morgen nach Shingle End durch die Felder fortgehen sah, zu derselben Zeit, da sie die Uhr bei sich gehabt haben mußte.
Und wenn sie nickt nachtwandelte, welchen anderen Beweggrund konnte es dann noch für ein schönes, liebenswürdiges, scheinbar so gutes und reines Mädchen wohl geben, um einer so furchtbaren Versuchung zu unterliegen? War sie die Beute jener zweifelhaften Krankheit, die erfunden zu sein scheint, um den Gerichten einen Vorwand der Freisprechung der Diebe von Ansehen und „höherer Bildung" an die Hand zu geben? Litt sie wirklich an Kleptomanie?
Oder wären die Verlegenheiten ihres Onkels noch nicht so völlig vorüber, wie sie es dargestellt hatte? Und war sie das Opfer des irregeleiteten Entschlusses, sie selbst um den Preis ihrer Ehrlichkeit zu beseitigen?"
Jede neue Annahme erschien Clifford noch unwahrscheinlicher als die vorige, und als er Nell auf dem jenseitigen Ufer gewahrte, nachdem er Jem Stickels für die Rolle, die er im Schlamme gespielt, schadlos gehalten hatte, indem er ihm eine halbe Krone, die der mitternächtige Dieb unberührt in seiner Tasche gelassen, zu- wars, war er aufs neue bereit, alle seine Zweifel in den Wind zu schlagen.
Es lag an dieser Stelle auf jeder Seite des Flusses immer ein Boot angebunden da, so daß Clifford hinab an den Rand des Wassers lief und sich hinüberruderte.
Jem Stickels brach in ein spöttisches, höhnendes Lachen aus, doch Clifford beachtete es nicht. Wie seine Freunde Jordan und Otto Conybeare gesagt haben würden, war er zur Zeit „schon zu weit gegangen."
Nell war, während er zurück in den Garten ging, wieder verschwunden, und er mußte sich einige Minuten lang umsehen, ehe er sie durch die Felder gehend bemerkte, diesmal ungewöhnlicherweise in der Richtung von Fleet. Sie hatte einen Korb am Arme und ging so schnell, daß Clifford anfangs kaum glauben konnte, die Flgur, die in so kurzer Zeit einen so großen Weg zurückaelegt haben mußte, könnte wirklich die des Mädchens sein, die er wenige Minuten vorher im Garten ihres Onkels gesehen hatte.
Er war entschlossen, ihr seine wiedererlangte Uhr zu zeigen, immer wider Erwarten hoffend, daß eine neuerliche Entwicklung des Geheimnisses die ersehnte Aufklärung gebracht haben würde. Ehe er sie aber einholen konnte, verschwand sie vor fernen Blicken hinter dem Kamme des aufsteigenden Bodens bei Fleet, und als er seinerseits die Höhe des Hügels erreichte- war sie Nirgend zu sehen.
Es war, nachdem er die Gegend nach rechts und nach links durchforscht hatte, einige Zeit vergangen, ehe er Nell mit einem alten Besen in der Hand aus einer ärmlichen kleinen Hütte heraustreten sah, die ganz allein auf her Marsch unten stand. Sie machte sich rüstig an die Arbeit und kehrte den Staub von denr Fußboden der Hütte, den Türstufen und dem kleinen gepflasterten Vorplatz weg; und Clifford hatte schon einige Sekunden in einer kleinen Entfernung gestanden, weil der Ausdruck ihres Gesichtes ihm warnend ankündigte, daß sie nicht aufgelegt zur Unterhaltung wäre — als sie schließlich die Augen erhob und den seinen begegnete.
Ein schmerzlicher Krampf durchzuckte bett jungen Mann, als er die Veränderung bemerkte, den die letzten wenigen Stunden an dem Mädchen bewirkt hatten. Statt der sanften Lieblichkeit des vorigen Tages lag in ihren Augen eine solche Welt von Trauer und Schrecken, daß Clisfords Herz heftig schlug, und er wünschte, seinen Verlust ruhig hingenommen zu haben, ohne ein Wort zu irgend einem im Gasthof zu verlieren.
Sie hielt in der Arbeit inne, als sie ihn sah, und stand hochaufgerichtet da, in einer Stellung, die etwas Herausforderndes hatte.
„Sie haben mir, wie ich vermute, etwas zu sagen?" sagte sie aus einmal kalt.
Clifford antwortete nicht sofort, seine Hand aber fuhr unwillkürlich nach seiner Uhrkette, die er jetzt trug,
Ihr Gesicht wurde so blaß wie das einer Toten.
„Wo — wo haben Sie sie gefunden?" stammelte sie.
. Und sie zitterte so heftig, daß der Besen ihr aus der Hand glitt und zu Boden fiel.
„Ich sand sie im Grase auf der andern Seite des Flusses —" antwortete Clifford, der ganz so aufgeregt war wie sie.
Das Blut drängte plötzlich wieder in ihre Wangen zurück und sie fing an, so schwer zu atmen, daß Clifford glaubte, sie wäre in der Gefahr irgend eines Schlaganfalls.
„Was — was gedenken Sie nun zu tun?" stieß sie hervor, ihn mit einer Gebärde, die fast wild war, ab-; wehrend, als er sich ihr näherte, sie zu stützen.
„Tun? Nichts —" sagte er.
„Sie werden mich nicht wegen Diebstahls verfolgen?" fragte sie in 'einem Tone, der, wie sie dachte, hart und höhnisch wäre, der aber im Grunde nur ein trauriger Notbehelf war.
„Nell — o, Nell! Wie können Sie so etwas zu mir sagen?" ries Clifford heiser.
Er war sich nicht einmal bewußt, daß er sie bei ihren Taufnamen genannt hatte. Sie aber wußte es. .Und inmitten ihrer Aufregung warf sie ihm einen scheuen Blick zu, in dem ein Schimmer von etwas aufleuchtete, das weder Mißfallen nock Verdruß war. Er sah es und sein Herz flog ihr entgegen: er war bereit, vor ihr niederzuknieen. Sie aber rief ihn mit einer sehr wenig, romantischen Bemerkung zur Besinnung zurück.
„Wenn Sie es dann entschuldigen, will ich mit meinem Kehren hier sortfahren."
Und mit großer Lebhaftigkeit und Kraft nahm sie ihre Beschäftigung wieder auf, so daß Clifford in Gefahr stand, in den Bereich ihrer Tätigkeit zu geraten, und sich doch nur ungern zurückzog.
„Es ist sehr gut von Ihnen, hieherzugehen, und der alten Frau das Kehren zu besorgen."
geschieht nicht für eine alte, sondern für eine junge Frau. Und ich hätte Sie warnen sollen, nicht so nahe heranzukommen, denn sie hat das Scharlachfieber, und das, wie Sie wissen, steckt an", antwortete Nell mit einer abwehrenden Gebärde.
„Da Sre sich nicht vor Ansteckung fürchten, warum sollte dann tch's."
„Nun, ich muß es wagen, sonst würde niemand da sein, der nach ihr sähe. Und ich würde nicht sirr nichts Gefahr laufen, wie Sie es jetzt tun."
„Es ist auch nicht für nichts", sagte Clifford mit Wärme. Worauf er, was ihm eine Eingebung schien, hinzusetzte: „Ich wünsckte mit Jhtten zu sprechen. Ich wünschte zu wissen, wen Sie beschützen."
Nell fuhr empor und hielt einen Augenblick wieder in ihrer Arbeit inne.
„Beschützen? Ich schütze niemanden. Ich würde einen Dieb nicht beschützen." .
Wenn Clifford sie so beargwöhnt hätte, tote er arglos gegen sie, ja ihrer Unschuld ganz sicher war, so würde er sich doch aller Zweifel entschlagen haben, bei dem Ausbruch herrlichen Stolzes, mit dem sie ihm diese Worte! zuschleuderte. Es war gerade der Ton, den er von ihr zu hören gewünscht hatte, der zornige Ausdruck der reinen Seele, die keines Unrechts fähig ist. Es machte die ganze Sache geheimnisvoller, aber es beruhigte ihn. Er atmete tief auf, und trotz ihrer warnenden Gebärde trat er ihr näher. . .
„Nell", sagte er, „ich habe darauf gewartet, Sie so sprechen zu hören. Es sind gerade die Worte, die ich von Ihnen zu hören ersehnt habe."
„Nun, jetzt sind sie gesagt, und Sie täten besser, zurück nach Stroan zu Ihren Freunden zu gehen", sagte sie kühl, „und zu versuchen, sie zu überreden, Ihre Ansicht der Sache zu teilen, denn sicher wird es bereits ganz über den Ort verbreitet sein, daß Nell Claris ein Dieb oder die Mitschuldige eines Diebes ist."
Und nachdem ihm das Mädchen diese Rede mit aller Würde des beleidigten Stolzes und der Unschuld zugeschleudert hatte, brach sie schließlich plötzliche zusammen und in so bitteres Schluchzen aus, daß seine Seele sich wuno rang. Als er jedoch auf sie zusprang, sprang sie zurück und stürzte nach der Tür der Hütte. Clifford aber war schneller als sie, und sich zwischen sie und die Zufluchtsstätte stellend, die sie zu erreichen suchte, sprach er m flehendem nnd leidenschaftlichem Tone zu ihr. „Einen


