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sie einen feuchten Mick zu dem blitzeschleudernden Zeus an der Decke empor.
„Tas ist ja brillant! Wahrhaftig? Verlobt? Das ist ja höchst interessant! Wotan und Brünhilde, das ist ja höchst interessant! Ich gratuliere, meine Herrschaften!"
„Tanke, danke!" Beide schüttelten ihm die darge- Hand. —
„Aber Sie sagen noch nichts davon, nicht wahr? Tas müssen Sie uns versprechen."
„Muß ich wirklich?"
„Ja, ja, das müssen Sie."
„Nun denn, so verspreche ich, daß ich niemandem etwas davon sagen werde." Er legte einen besonderen Ton auf das Verbum, doch schienen die Beiden es nicht zu bemerken.
„Wissen Sie", fügte die Sängerin hinzu, „es ist noch ganz unbestimmt, wann wir heiraten werden. Bei unserm Beruf, — beide immerfort aus Gastspielreisen, — man muß sich ja doch erst prüfen, nicht wahr?"
„Jawohl, allerdings." Er war zerstreut und unruhig geworden, offenbar von irgend einem Gedanken in An-- spruch genommen. Jetzt zog er die Uhr hervor und tat sehr erstaunt. „Ist es denn wirklich schon halb sechs?"
Wotan bejahte, indem auch er auf seine goldene, monogrammgeschmückte Uhr blickte, und sogleich spra N Doktor May empor. „Da muß ich mich empfehlen, es höchste Zeit für mich. Also nochmals meinen besten Glückwunsch!"
„Sie gehen jetzt zum Billard, Herr Doktor?" fragte die Sängerin und schenkte ihm zugleich den zärtlichsten Blick ihrer Augen.
„Jawohl, — das heißt, — es ist eigentlich zu spät geworden. Es fällt mir ein, daß ich etwas vergessen habe. Unangenehme Geschichte! Hab' die Ehre, meine Herrschaften !"
Damit eilte er hinweg, den rechten Fuß nachschleppend, die linke Schulter ein wenig vorgeschoben.
Als er außer Hörweite war, begann die Äingerin zu lachen, gedämpft, aber herzlich. „Ter leistet sich jetzt einen Wagen und fährt direkt zur Redaktion. Morgen früh stehen wir in der Zeitung."
(Fortsetzung folgt.)
Jod eines treuen Wieners Kedins in Wö t.^)
Um 7 Uhr erhob sich ein so heftiger Sturm, daß das B Lager fortzufliegen drohte und die Zelte von der t des Hagels und Regens beinahe zu Boden gedriickt wurden. Nach einem letzten Besuche im Lazarettzelte, wo Kalpet ruhig schlief und Muhammed Tokta über sein Herz klagte, gingen wir zur Ruhe, um die Sorgen des Tages in den Armen des Schlafes zu vergessen.
Sobald ich am 11. September aufgestanden war, besuchte ich die Kranken. Muhammed Tokta war unverändert; er war bei klarem Bewußtsein und scherzte sogar, hatte aber gemerkt, daß er allmählich das Gefühl' in den Fingern verlor. Schlimmer war es mit Kalpet. Errang mühsam nach Atem, seine Wangen waren eingefallen, aber die Augen hatten ihren Glanz beibehalten. Es schien mit ihm zu Ende zu gehen, aber er sprach vernünftig und sagte, er habe eine „kättik kessel" (schwere Krankheit) rend sei noch kränker davon geworden, daß einer seiner Kameraden ihn vor einigen Tagen geschlagen habe. In Wrrküchkeit war es damit, wie sich herausstellte, nicht so schlimm gewesen, aber die Erinnerung daran erfüllte den Sterbenden ganz und gar, und er wußte von nichts anderem zu reden. Der arme Kerl, der dies auf seinem Gewissen hatte, würde jetzt viel darum gegeben haben, wenn er die Sache hätte ungeschehen macken können.
Allmählich schwand das Bewußtsein; er sprach nicht mehr, war total geistesabivesend und starrte in unbekannte Fernen, vielleicht nach dem Paradiese, das der Prophet ihm versprochen hatte. Ich lvollte den Tag über hier bleiben, aber die Gegend war so erbärmlich, daß alle für das Uebersiedeln nach einem besseren Platze stimmten. Kalpet wurde daher bequem und weich auf sein Kamel gebettet, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.
*) Aus: Hedin, Im Herzen von Asien. L reich illustrierte Bände, eleg. geb. 20 Mk. Verlag von F. Ä. Drockhaus. Leipzig.
Wir alle fühlten, baß heute der Tod mit der Karawane zog, und die Stimmung war daher gedrückt und düster.
Es ging nach Südosten. Von der ersten kleinen Paßschwelle sahen wir wieder einen außerordentlich schönen, von niedrigen Bergketten eingefaßten See mit bizarren Ufern vor uns liegen. Das Wasser war kristallhell; daß es diesmal nicht wieder der Selling-tso sein konnte, merkte man bald, denn hier sah man sowohl Wasserpflanzen als auch Fische, und das Wasser war so süß wie das eines Flusses.
Das linke Seeufer sah bedenklich aus, denn steile Felsen sielen hier jäh ins Wasser hinunter, und ich hielt es daher sirr das Klügste, Sirkin und Schagdur auf Rekognoszierung auszuschicken. Inzwischen überfiel uns ein gewaltiger Hagelsturm, und Kalpet wurde mit einem Filz- teppiche zugedeckt. Die drei neu angekommenen Tibeter ritten an mich heran, um mir zu erklären, daß es auf dem Westufer keinen Durchgang gebe, doch führe aus denr Nordufer ein Weg nach Osten, den wir benutzen könnten, wenn wir durchaus weiter wollten. Ich ahnte sofort, daß etwas dahinter liegen müsse; es blieb mir aber keine Wahl, umsomehr, als nachher die Kosaken die Aussaae der Tibeter bestätigten.
Wir zogen also längs des nördlichen Ufers weiter; es wurde eine Wanderung in den schönsten Schlangenlinien. Ein gerade nach Osten gehender Weg führte über die Hügel, aber die Tibeter hielten sich hinter uns und hüteten sich wohl, ihn uns zu zeigen. Wir gingen also am Strande entlang und nahmen so alle Buchten, Landzungen und Halbinseln mit, ohne zu wissen, nach welcher Seite der See ausbog^. Wenn wir infolgedessen auch viele unnötige Schritte machten, so erhielt ich doch wenigstens eine getreue Karte des launenhaften Sees, und eine herrlichere Landschaft als diese hatten wir in Tibet noch nicht gesehen. Nach allen Seiten hin öffneten sich großartige Perspektiven in Buchten und Fjorde hinein, die zwischen malerischen, dekorativen kleinen Bergketten mit steil nach dem See abfallenden Abhängen tief in das Land einschnitten. Hier und dort tauchten kleine Inseln auf, gewölbt wie Delphinrücken. Alte Uferlinieu waren hier nicht zu sehen, und das süße Wasser sprach dafür, daß der See, der Nakktsong-tso heißt, Abfluß nach einem weiter südlich liegenden Salzsee hat.
Nachdem wir einige Stunden in allen möglichen Richt- ungcn gewandert waren, überraschten wir die T.beter, die ihre Zelte am Ufer aufgeschlagen hatten und ihre gewöhnliche Teerast hielten. Sie hatten dadurch Zeit gewonnen, haß sie einen Richtweg hinter den Uferfelsen benutzt hattest. Wir zogen an ihnen vorbei, bis der See definitiv nach Südosten abzubiegen schien. Hier traten die Berge vom Ufer zurück, das eben und mit festem Kiese bedeckt war und den Kamelen ein vortreffliches Terrain bot. Am östlichen Ende des Sees lagerten wir bei einem Zeltdorfe. Tie Späher waren uns auch diesmal zuvorgekommen und hatten schon ihre Zelte aufgeschlagen.
Kalpet hatte oft gesprochen und besonders Rvsi Mollah, seinen Kerijaer Landsmann, gerufen; er hatte um Wasser gebeten und darum, daß seine Lage auf dem Kameel verändert werden möchte, wenn er sich auf einer Seite müde gelegen hatte; manchmal ries er laut und deutlich, das Kamel gehe zu schnell. Als er jedoch in der Nähe des Lagers längere Zeit still gewesen war, hielt die Ambulanz, welche die Nachhut der Karawane bildete, mtb Mollah horchte. Er holte mich sofort, und es war nicht schwer, zu konstatieren, daß mein armer Diener verschieden war. Sein Ausdruck war ruhig und verklärt, aber die Augen hatten ihren Glanz verloren. Er war schon kalt, obwohl es kaum eine Stunde her war, seit er zuletzt um Wasser gebeten hatte. Mollah drückte ihm für immer die Augen zu, und dann setzte die jetzt in einen Leichenzug verwandelte Karawane ihren Weg fort. Tie Muselmänner hatten, wie gewöhnlich, gesungen, um sich den Marsch weniger langweilig zu machen; jetzt aber wurde es still wie in einem Grabe, und nur die Tritte der Tiere auf dem Sande und Kiese des Ufers und das keuchende Atmen der Kamele unterbrachen das Schweigen. Wir standen wieder vor dem furchtbaren, erbarmungslosen Ernste des Todes, und wieder führten wir einen Toten auf einem lebendigen Katafalke mit uns.
Als wir an den Zelten der Tibeter vorbeizogen, kamen diese uns entgegen, um uns zu sagen, daß es bis zur


