Ausgabe 
7.12.1903
 
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bem r echten Fuß konnte von Uebelwvllenden gleich faKs auf eine Verwandtschaft mit den: höllischen Sendling ge­deutet werden. Vierzig Jahre vielleicht hatten dem Cha­rakter dieses Mannes geholfen, dem Gesichte bleibende Züge einzugraben, und wer sich auf ihre geheinmisvolle Schrift verstand, mochte leicht erkennen, daß Tr. May zu deu Kritikern gehörte, die lieber gehaßt und gefürchtet, als geliebt sein wollen. Seine scharfe Feder war durch keine Liebenswürdigkeit zu bestechen; dagegen galt er für sehr neugierig, und man erzählte sich, daß eine inter­essante Geschichte den strengen Richter milde zu stimmen vermöge.

Auch seht ließ er die Schmeicheltöne der Sängerin mit vollendeter Gleichgiltigkeit über sich ergehen, aber er kam doch rasch und interessiert heran und begrüßte die beiden mit weltmännischer Höflichkeit. Rauchmann war gleichfalls anfgestandeu und streckte dem Kritiker mit schön gespielter Freude die Hände entgegen.

Guten Tag, mein gnädiges Fräulein, hab' die Ehre, Herr Rauchmaun", sagte der Doktor. Er sprach schnell und leise, dabei jedoch mit so vollendeter Lautbildung, daß keine Silbe verloren ging.Aber, bitte, behalten die Herrschaften doch Platz. Wenn Sie gestatten, setze ich mich einen Augenblick zu Ihnen. Freilich nur einen Moment, ich habe nicht lange Zeit. Das ist ja hübsch; Wotan und Drünhilde beisammen. Ich hatte keine Ahnung, daß Sie auch in München sind."

,,"Vor drei Tagen batte ich selbst noch keine, daß ich hierher kommen würde", entgegnete der Sänger, dem die letzten Worte gegolten hatten.

Und was ftihrt Sie hierher, wenn man fragen darf?" Tas ist eigentlich noch Geheimnis". Er war in Ver­legenheit, was er sagen sollte. Tie Zeitungen hatten von seiner Amerikafahrt berichtet; jetzt aber saß er hier, und es war etwas unwahrscheinlich, daß er von Berlin über München nach Amerika fuhr.

Ter Doktor zog seine hohen Augenbrauen noch mehr in die Höhe.Ein Geheimnis? Werden Sie hier gastieren?"

O nein. Ta wären Sie doch der Erste, der es er­führet Bei dem gütigen Interesse, das Sie meinen be­scheidenen Leistungen immer geschenkt haben"

Also nicht gastieren? Dürfen Sie's nicht sagen, was

es ist?"

Ich weiß nicht ich sollte eigentlich, aber jedenfalls nur im Vertrauen."

Im Vertrauen, selbstverständlich."

Also: eine große Bühne beabsichtigt" Eine große Bühne? Welche? Berlin?" Nein".

Wien?" /

Nein".

Leipzig, Köln?"

Nein, ich will es nur sagen, Frankfurt ist es. Dort will man die hiesigen Musteraufführungen Mozartscher Opern nachahmen, über die Sie ja so entzückend geschrieben haben."

Will man das? Wirklich? Wahrhaftig? Da sieht man doch, wie das gute Beispiel hilft; und hier hat Possart wirklich einmal etwas gemacht, woran man seine Freude haben kann."

//Ach, Ihr Intendant ist überhaupt ein genialer Mann."

Genial war wohl zu viel gesagt, Sie haben recht. Aber ^geschickt ist er wirklich, sehr geschickt."

Ja, nun sagen Sie mir aber, was haben Sie großer Wagnersänger denn mit Mozart zu tun?"

Wotan lachte; es sollte heiter klingen, kam aber ein ! venig gepreßt heraus.Das ist wiederum ein Geheimnis." Also lviederum: im Vertrauen."

Im Vertrauen also: man will meinen Namen gern für diese Vorstellungen haben. Und ich, wissen Sie, ich habe das ewige Wagnersingen doch auch ein wenig satt. Ich möchte mich gern einmal wieder auf einem andern Gebiete zeigen, aber das fühle ich denn doch, daß mir mancherlei dabei fehlt. Der bel canto, Sie haben das ja mehrfach so brillant erörtert, wie der unter dem Wagnersingen leidet. Da habe ich mich denn rasch ent- Ä: hier in München höre ich mir ein paar von zartaufführungen an ' vorgestern war ich schon inCosi fan tutte", wirklich famos! und dann gehe ich nach Mailand, um an der Quelle mir noch ein wenig von der alten, unschätzbaren Gesangskunst zu holen."

Tas ist nett sehr nett", sagte Doktor Mäh, doch sprach er langsamer als sonst und blickte den Sänger mrt einem prüfenden Blick aus seinen bohrenden, schwarzen Augen an.Sie sind doch nicht krank?" fragte er plötzlich.

Wotan lachte lauter als zuvor, doch klang es wiederum em wenig gezwungen.Gestind wie der Fisch im Wasser!"

Ich meine haben Cie nicht Ihr Gastspiel in Berlin sehr unvermutet abgebrochen?"

Ja. Ich hatte 'einen Krach mit dem Regisseur. Mit dem Schönlein ist es nicht mehr auszuhalten."

So so! Ihre Stimme klingt mir nämlich ein wenig angegriffen."

//Keine Spur. Ich lege Ihnen hier den ganzen Wotan hin, wenn Sie ihn hören wollen."

Nein, danke, deu kenne ich schon. Aber nehmen Sie sich in Acht mit dem Nebel hier. Ter ist verflucht scharf

Das macht mir nichts. Ein Sänger muß abgehärtet sein."

»Muß er schon. Ist er aber nicht immer. Also Vor­sicht. Um Ihre Stimme wäre es schade."

Tie ist, Gott sei Dank, bombenfest." Ter Sänger war aufgeregt geworden und ärgerte sich zugleich, daß er es nicht besser zu verbergen wußte. So versuchte er es noch einmal mit einem herzlichen Lachen, während doch im» willkürlich ein besorgter Blick aus dem Fenster hinaus- schiveifte aus die Straße, wo jetzt Nebel und Dämmerung ineinander verflossen. Im Stillen faßte Wotan den Vor­satz, für die Heimkehr sich einen Wagen holen zu lassen.

Milka Millerta hatte schon lange darauf gewartet, sich in die Unterhaltung der Beiden einmischen zu können. Inzwischen hatte sie sich so gesetzt, wie sie am besten auszusehen glaubte. Sie hielt das Profil für das Schönste an ihrem Gesicht und zeigte sich dem Kritiker daher mög­lichst nur von der Seite. Jetzt war der Moment gekommen, den sie ersehnt hatte, und sie zauderte nicht, ihn zu nützen.

Sagen Sie, liebster Doktor, wie steht es denn mit Ihrer Gesundheit? Ich finde. Sie sehen brillant aus. Wirklich um fünf Jahre, ich möchte beinahe sagen, um zehn Jahre jünger als im vorigen Winter bei meinem Gastspiel. Damals waren Sie krank, nicht wahr?"

Nein, nicht krank." Es zuckte sonderbar in den schrägen Augenbrauen.Meine Mutter war gerade ge­storben."

//Ja, ja, ich weiß", sagte Milka mit einem leichten Beben in der Stimme. Sie hatte keine Ahnung davon gehabt, aber sie faßte fick schnell.Tas war ein schwerer Verlust. Ich mochte nicht an die Wunde rühren, die gewiß noch immer blutet, darum sprach ich nur von Krankheit. Ach, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie auch mir das freundliche Gesicht der lieben Verstorbenen im Theater fehlt. Sie saß ja immer neben Ihnen mit Ihrem hübschen Häubchen und dem weißen Haar. Jedesmal, wenn ich singe, sehe ich zu Ihnen hinunter, das bemerken Sie doch, nrcht wahr? und nun finde ich an Ihrer Seite nur fremde Gesichter. Ja, ja, es war eine vortreffliche Frau! Eie haben gewiß schwer gelitten. Aber Ihr lieber Kleiner ist doch hoffentlich wohl?"

Auf dem Mephisto - Antlitz hatten allerlei wechselnde Empfindungen gewetterleuchtet; jetzt fuhr ein sarkastischer Blitz aus den dunklen Augen.Pardon, mein gnädiges Fräulein, ich bin nicht verheiratet."

Aber ich bitte Sie, nein, wie kann man nur so zerstreut sein!" Sie war für einen Augenblick wirklich be­stürzt; gleich aber hatte sie ausgefunden, wie sich die Sache zum Guten wenden ließ. Tie Augen niederschlagend, sagte sie halblaut:Ach, wenn Sie wüßten, lieber Doktor, welche Gefühle mich heute erfüllen, Sie würden Nachsicht mit mir haben. Sie sehen uns hier beisammen, unfern Wotan und mich; Sie haben wahrscheinlich gedacht, wir sitzen hier nur als ein paar gute Kollegen, über. Ihnen kann ich es ja sagen, es ist mehr als das."

Wieso? Mehr? Wieso?" Er war mit einem Male Feuer und Flamme.

Es ist noch keine offizielle Verlobung, nein, nein! Es soll noch nicht publik werden, es ist so mancherlei dabei zu bedenken, aber die Herzen, ja, die Herzen haben sich gefunden."

Ihre Stimme bebte von neuem, und indem sie dem Sänger über deu Tisch hinüber die Hand reichte, warf