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(Nachdruck verboten.)
Wotans Mrtoöung.
Novelle von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
„Sie haben ganz recht", sagte er, „eine Verlobung macht interessant. Alle Verehrer und Verehrerinnen strengen sich dann noch einmal an, die Sache wieder auseinander zu bringen — das tun die lieben Mchsten so gern. Aber Müller", — er war noch einmal etwas nachdenklich ^ewordei^ — „einigermaßen frivol bleibt die Geschichte
„Da sieht man den Schulmeister! C'est la guerre, lieber Freund; wir kämpfen um unsere Existenz. Uebri- gens habe ich auch gar nicht die Absicht, die Verlobung offiziell zu verkiindigen, Anzeigen zu verschicken und dergleichen. Oh nein, vorläufig bleibt die Sache tiefes Geheimnis. Tas vertrauen wir unter dem Siegel der Ver- chwiegenheit dem ersten Journalisten an, der uns begegnet, — dann steht es am anderen Morgen sicher in der Zeitung. _ Wir aber können immer noch mit verschämtem lächeln sagen: „Ach, es ist ja gar nicht wahr?"
„Müller, Müller, an Ihnen ist ein Diplomat verloren gegangen."
„Es gäbe vielleicht bessere Diplomaten in der Welt, wenn sie alle erst ein Jahr zum Theater gehen müßten. Also, wir sind einig, Wotan?"
„Ta haben Sie meine Hand — aber nur geliehen."
„Ich will sie auch nicht behalten, seien Sie ganz ruhrg. Zur Ausführung unseres Planes fehlt also nur noch ein Journalist.^ Hier sollen ja viele verkehren, und ich will Ihnen gestehen, daß ich gerade darum vor- geschlagen habe, hier zu dinieren. Nicht unseres Planes wegen — der ist ja ganz neu — nur weil es immer gut rst, sich den Leuten in Erinnerung zu bringen und sich ein wenig liebenswürdig zu machen."
„Nützlich wohl, aber weniger angenehm. Am liebsten wurde man die Kerle ja mit der Reitpeitsche traktieren" rref Wotan etwas nervös.
. „Nehmen Sie's doch nicht so schwer. -Es ist auch eme Rolle, die man spielt, nur ausnahmsweise nicht auf bet Bühne. Nun lassen Sie uns aber von anderen Trugen sprechen. Wohin werden Sie denn eigentlich gehen? Ich habe bei Tisch noch gar nicht danach gefragt, weil ich ^hre Krankheit — Pardon, Ihren kleinen Katarrh — nicht erwähnen wollte. Gehen Sie nach Meran?"
. -Meran! Sagen Sie nur noch Nervi, und der Schwind- suchtskandrdat ist fertig. Nein, ich habe kolossal hin und ft n "bAegt, bis ich einen passenden Ort ausgefunden
*tefe bekannten Krankenstationen find für mich avjolut ausgeschlossen; ich würde ja sofort zu den Toten geworfen. Endlich hat mir ein Freund einen kleinen Ort
I anr Gardasee empfohlen, den man in Deutschland noch wenig kennt, der aber mehr und mehr in Aufnahme kommen soll. Er heißt Fasano und liegt nicht weit von Gar- done-Riviera, das ja auch mit Kranken gefüllt ist. In! Fasano sollen aber mehr Erholungsbedürftige und Rekonvaleszenten sein. Dort gehe ich in eine Pension, nicht in das große Hotel, wo man leichter Bekannten begegnen kann, und sehe zu, mich bald wieder auf den Damm zu bringen. Es soll dort milde und geschützt sein, schon italienische Vegetation, auch die Umgebung, — was ist denn passiert?"
Er hatte einigen Grund, erstaunt, ein wenig erschrocken sogar zu ihr herüberzusehen; denn sie hatte mitten in seine Auseinandersetzung hinein ein halblautes „Hurrah!" gerufen. Jetzt legte sie ihm die Hand besänftigend auf den Arm. „Verzeihen Sie, aber da kommt er."
„Wer denn?"
„Ter Mann, den wir gebrauchen. Der Doktor May."- „Ach, — es ist mir eigentlich höchst unangenehm, eurem Menschen von der Presse zu begegnen. Was soll ich deirn sagen, warum ich in München bin?"
„Tas werden Sie schon sirrden. Sich nur nicht verblüffen lassen."
„Und nun gerade der! Ein unangenehmer Mensch! Er hat über meinen Nelusko einmal sehr ungünstig geschrieben."
„Ja, leiben kann ich ihn auch nicht, aber was soll man machen?"
Sie hatten während des Sprechens die Männergestalt beobachtet, die zwischen den Säulenreihen des vorderen Saales her inmitten von Licht und Qualm sich langsam zu ihnen heranbewegte. Jetzt hatte der Manu die Türöffnung erreicht, trat ein und wandte sich nach links zum! Billardsaal hinüber. Tas Künsilerpaar am Fenster streifte er nur mit einem flüchtigen Blick, ohne die Gesichter zu erkennen, doch jetzt sprang Milka Millerta elastisch empor und eilte zwischen den weißbehangeuen Tischen hin auf ihn zu.
„Aber sind Sie es denn wirklich, liebster Doktor? Das ist ja eine ganz unerwartete Freude. Es war mir so furchtbar leid, Sie neulich zu verfehlen, als ich bei Ihnen auf der Redaktion war. Meine Karte haben ©ie doch erhalten, — ja? Mit mein erster Weg war natürlich zu Ihnen."
_ Ter Angesprochene war ein kleiner, hagerer Mann, dessen bewegliches, gelbfarbiges Gesicht seinen charakteristischen Ausdruck durch eine seltsame Linienführung der Augenbrauen erhielt. Sie liefen von der Nasenwurzel schräg aufwärts, und ein paar gleichgerichtete, stark hervortretende Adern betonten die absonderliche Zeichnung noch mehr. So bekam das Gesicht eine auffallende Aehn- lichkeit mit den Mephistomasken der Bühne, und bie: schwarzen, funkelnden, lebhaft umherschweifenden Augen widersprachen dem Eindruck nicht. Ein leichtes Hinken auf


