Ausgabe 
7.11.1903
 
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als sie aus Qnimper hinaus wieder heimwärts fuhren. Tret lange Tage hatte sie ihn nicht gesehen! Wie freund­lich er lächeln würde! Wie schön wurde seine Stimme klingen! Auch mit dem Brautstaat durfte er zufrieden sein, er würde sie loben und sagen, sie habe alles klug aus- gewählt und sei ihm eine große Hilfe. In der Dämmerung aus dem Bock der rot und gelben Postkutsche, das glück­liche Gesicht nach Ploudenec gewendet, fuhr sie ihrem Maler entgegen.

Fortsetzung folgt.

Maudereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Sieglindm's Abschied. Hauptmann's Rose Bernd Bayer- lcül's Zapfenstreich. Durchlaucht Radieschen.

Eine ereignisreiche Wocke, in der der November die Herrschaft übernahm ! Der Größten einer im Reiche der Wissenschaft schied plötzlich von uns, und wenn auch das hohe Alter Theodor Mommsen's das Verlöschen feiner Kräfte über kurz oder lang erwarten ließ, der Ge­danke verdüstert uns dennocy die Stimmung, daß wir den rüstigen Mten mit dem weißumwallten Charakterkopf und den sprechenden Augen hinter den scharfen Brillengläsern nun nimmermehr begegnen und demFreunde aus der Provinz", der mit uns dieLinden" entlang schlendert, mit frohem Stolze sagen können: Sieh, das ist Mommsen! So geht einer nach dem andern dahin von den alten Sturmgesellen", von denen Sudermann so sonderbare Geschichten zu berichten weiß, ohne fteilich allzuviel gläubige Herzen dafür zu finden. Ihren Abschied, nicht von der Welt, doch von jenen Brettern, die sie bedeuten sollen, nahm in diesen Tagen auch eine der gefeiertsten Wagnersängerinnen der Welt, R o s a S u ch e r. Sang- und klanglos hatte sie Hochberg von fünf Jahren mit "ihrem Gatten, dem Kapellmeister, aus dem Opernhause ziehen lassen. Hülsen, der ein strafferes Regiment führt als seine Vorgänger, hat dieses feierliche Abschiednehmen von Bühne und Publikum, das Künstlerinnen von solcher Bedentung wohl zugestanden iverden muß, nachträglich zu inszenieren gewußt und dadurch wieder einmal gezeigt, daß er bei aller Strenge doch ein Mann von Herz ist. Und es war ein wehmütig-stolzer, brausender Jnbeltag, an dem Rosa Sucher als Sieglinde in der Walküre, zu der sie einst prädestiniert, schien, der Kunst Valet sagte. Schon am Vor­mittag waren Billets nur noch von Händlern mit hohem Aufgeld zu haben, und die Blumenhändler hatten einen guten Tag. Die Stimmung des Publikums war ganz un- berlinisch, so warm bewegt, so herzlicher Verehrung voll, und Rosa Sucher konnte es spüren, daß fünf Jahre noch lange nicht genügen, ihre unerreichten Leistungen ver­gessen zu machen. Einen stürmischen Beifall mit ganz, ganz wenig Opposition gemischt errang auch Gerhart Hauptmann mit seinem Trauerspiel Rose Bernd. Er selber hat diese Geschichte einer Kindesmörderin, in der er sein ganzes feines Können, seine psychologischen Zerglie- derungskünste wieder einmal voll offenbart, ein Schau- fpiel genannt. Es ist ein packendes, aber schließlich doch beklemmendes Stück, das jene letzte reine Stimmung, die wir von einer echten Tragödie erwarten, nicht auslöst Und doch ist es das Werk eines Dichters, der zum min- de,ten nicht bergab mit dieser Tat geht und den wir immer mehr schätzen und bewundern lernen, ob wir auch anfäng- nch seitab gestcmden haben und manche seiner Gaben noch heute zu kraß finden. Im Lessingtheater erschien

,öuvor das Werk eines schnell bekannt gewordenen Scyriftstellers und fand gleichfalls eine begeisterte Auf- nahme:Zapfenstreich'^ von Franz Adam Bey er­lern. Es rst her Verfasser des im Vorjahre heraus­gegebenen Mrlrtar-RomansJena oder Sedan", in dem das Leben und Trerben tn einem Artillerie-Regimente mit viel K ast und Charakterrslerungsvermögen, aber auch mit einer Aw'^«ubf-ren bitteren Schärfe geschildert wird; eine dm- überaus geschickt gewählte

"Zapfenstreich" ist ein Kasernendrama. Ebben hat Schule gemacyt mit seinemRosenmontag";

Ä ectIten * ganz wirksamer DreiakterDer , spEe tn einer ostreichischen Kaserne. Ueber- haupt hat er , titele ähnluve Züge mit dem allerdings straffer und wirksamer gebautenZapfenstreich", in hem

ein Leutnant die Tochter seines Wachtmeisters, eines Alten von anno 70 mit dem eisernen Kreuze, die Braut seines Sergeanten, verführt, allerdings, weil sie es nicht anders will. Der Sergeant faßt einen Verdacht, bringt tn des Leutnants Zimmer, findet die Ungetreue und macht nun seinem Vorgesetzten eine Szene. Dritter Akt:Kriegs­gericht." Um die Geliebte zu schonen, bleibt das Motiv zu dem Vorgehen des Unteroffiziers verhüllt, bis Klärchen selbst als Zeugin sich preisgibt, und ihre Beziehungen zu dem Offizier bekennt. Im Schlußakt tötet der Alte nach einer dramatisch bewegten Auseinandersetzung mit dem Verführer sein Kind durch einen Revolverschuß. In dem Moment tönt vom Dor her der Zapfenstreich in das Zimmer, jene Klänge, die sonst das Zeichen gaben, daß die liebenden zu einander konnten. Das Publikum war ganz bei der Sache und feierte den jungen Leipziger durch manchen Hervorruf; ober ich glaube, der Beifall galt dem Autor desZapfenstreichs" nur zur Hälfte;Jenck oder Sedan" hatte seine Verehrer wohl mit ins Treffen geführt. Diese Premiöre hatte um deswillen einen be­sonderen Reiz, weil unser Kronprinz ihr von Anbeginn bis zum Schluß beiwohnte. Auch zu dem Eogiielin'schen Gastspiel bei Kroll kam er unlängst von Potsdam herüber. Es hat den Anschein, als beseele diesen jungen Hohenzoller eine starke Liebe zum Schauspiel, was die interessierteil Kreise jedenfalls mit Freuden begrüßen würden; denn Theaterneigungen haben sich bei unseren europäischen Fürstenhäusern meist in der Pflege der Oper betätigt, und die eigentliche dramatische Kunst ist mehr und mehr in die Rolle des Aschenbrödels gedrängt worden, was sich bei einer Musterung des Etats fast überall seststellen läßt. Mit einer Novität auf dem Plane erschien dann noch dasMetropoltheater", das mit den ernsten Kunst­anstalten am Schiffbauerdamm und in der Schumannstraße eigentlich nicht in einem Atem genannt werden dürfte. Unsere Zeitungen behandeln freilich die zurechtgeschneider- ten, krampfhaft aktuellen Stücke dieser Ausstattungsbühne scheinbar mit dem gleichen Ernst. Aber das sind Gefällig­keitssachen. Anspruch auf Kritik haben hier in erster Linie die Damenschneider und die Dekorationsmaler. Durchlaucht Radieschen" ist nichts weiter als eine Jagd durch das nächtliche, tolle, sündige Berlin, steMnweise arg gepfeffert, im großen und ganzen amüsant, wenn man nicht mit falschen Ansprüchen in das elegante Hans hin­einkommt. Das Publikum, das die jeunefse doree Berlins, Fremden aus der ganzen und schöne Damen aus der halben Welt aufweiseu kann, ist entzückt über den flotten Unsinn, denDurchlaucht Radieschen", die Herrin von Ma- cedonien, deren Karriöre in Berlin ziemlich weit unten begann, und ihre Paladine in Spreelxckylon, ausführen. Und der Direktor ist es auch wenn er Kasse macht nämlich! A. R.

Vermischtes.

* H a s e n m n t und T a u b e n l i e b e. Eine amüsante Hasengeschichte, die deutlich beweist, daß Lampe gar nicht so furchtsam ist, wie man sagt, erzählt Dr. Victor Hor­nung im Zoologischen Garten. Ein jung eingefangenes Häschen wurde danach in einen geräumigen Käfig zu Hühnern und Tauben gesetzt. Lampe lebte sich rasch ein, verzehrte sein Futter inmitten der Hühnerschar und inar bei allen Käsiggenossen wohlgelitten,^sonderen Ein­druck" hat er jedo-lh. auf einenbejahrten" Haustänber gemacht, der schon vierzehn Sommer zählte. Hornung er­zählt:Täglich bestürmte dieser den kleinen Lampe unter lautem Gurren mit fächerartig ausgebreitetem Schwanz mit seinen Huldigungen, die aber wirkungslos an -dem Hasen­herz abprallten. Der Hase ließ fidji nämlich nicht int min­desten beirren; gleichmütig verzehrte er seine Nahrung, hüpfte munter Wucher und hielt gemächlich sein Mittags- schläfchen ab, bis die Ovationen schließlich dem Auser­wählten zu lästig wurden. Näherte sich' der Verwegene nun dem Häschen, so legte dieses zunächst die Löffel an den Kopf, setzte sich stolz auf die Hinterläufe, richtete sich hoch auf, verleugnete kühn Furchtsamkeit und Feigheit und trommelte lustig und energisch auf den Eindringling los, überrannte ihn sogar regelrecht und hatte so wenigstens kurze Zeit Ruhe. Der Täuber ließ sich jedoch trotz der schlagenden Beweise" von derUnnahbarkeit" des Häs- chens nicht abschrecken und verfolgte das Tierchen mit seiner