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Lebens lag vor ihr, eingenagelt in der großen Bilderkiste. So sehr sie trauerte um die schöne Vergangenheit, so groß war ihr Entzücken, daß Humor sein Meisterwerk vollendet habe. Wie liebte sie dieses Bild, jeder Zoll davon war ihr ans Herz gewachsen. An dem und dem Tage hatte er mit großen Strichen den ersten Entwurf gezeichnet. Sic dachte daran, wie unzufrieden und ungeduldig er gewesen, und wie sie sich alle vdn seiner Stimmung bedrückt gefühlt hatten. Allmählich aber kam mehr Klarheit hinein, Skizze nach Skizze entstand, und zuletzt blickte er wieder lächelnd auf, sie atmeten alle freier und plauderten unbefangen wie früher, lind dann die herrlichen Tage, an denen er die Festung malte; die köstliche Woche drüben auf den Inseln, die schönste Woche ihres Lebens! Jeder einzelne Moment lebte in ihrer Erinnerung fort — die entzückende frische Morgenluft, das Rollen der Wogen, der Seewind, der ihre Wangen fächelte, jede Freundlichkeit, jedes lustige Lachen, der Gottesdienst in der kleinen Kapelle, die traurigen Augen des Pfarrers — er war damals so sorgenvoll wegen des armen Jean, der gute eure, — dann die Szene am Sterbebett, Humors Gestalt in der Tür und die Kinder- arme, die ihren Hals umschlungen hielten, das Toben des Sturmes und das klägliche Jammern der Frauen. Das alles und mehr noch lag in dem Bilde!
Auch jene schreckliche Nacht, in der sie fast wahnsinnig geworden, als er sich durchaus nicht bewegen lassen wollte, fortzugehen, und sie dann das Kleinod von dem häßlichen Balten hinabwerfeu mußte, wie sündhaft es ihr auch erschien. Er hatte sich am andern Morgen gewundert, warum sie es nicht lieber in den Schuppen getragen habe, was so viel leichter gewesen wäre. Au die Gefahr wollte er nicht recht glauben, und sie hatte ihm nie erzählen mögen, wie alles zugegangen war und was sie getan. Warum auch? Das Wild totre ja gerettet. Aber auch diese Nacht lag mit in dem Bilde — die Nacht und noch mehr!
Wenn alle die feinen, geputzten Menschen auf der Ausstellung wüßten, wie sehr das bretagnisch-e Mädchen dies Gemälde liebt — weit mehr als ihr Leben; wie sie ihn in gerade solchem Boote zuerst übergefahren, er so mild und freundlich, und sie so roh und trotzig, sodaß sie sich nodj, jetzt schämte, nur daran zu denken. Seitdem war sie freilich viel sanfter geworden, sie hatte gelernt, ihm eine Hilfe zu sein, hatte ihm — allen Heiligen sei Dank dafür — redlich beigestanden bei dem, was ihm das Liebste war! Sie war froh, daß es keiner je erfahren würde, es war ihr Geheimnis und seines. Die Leute würden auf dem Bilde eben nur ein Mädchen sehen mit einem großen Ruder. Sie würden über die Farbe und die Zeichnung, über das Wasser und die Technik sprechen — das wußte sie jetzt, sie hatte diese Worte ja so oft gehört. Sie würden nie ahnen, daß ihre ganze Vergangenheit, ihre ganze Seele mit in dieses Bild hineingemalt war, — daß ihre besten Kräfte und Gedanken, ihre heißeste Liebe ihm gegolten hatten vom ersten Tage an. Sie schluchzte laut auf und brach in Tränen aus.
Ter Schreiner war fortgegangen, nachdem er den letzten Nagel eingeschlagen hatte. Humor kniete am Boden und schrieb die Adresse, er war in rosigster Stimmung, sogar Tränen verniochten ihn nicht ungeduldig zu machen. „Gib nur acht, Guenn, daß Tu mich nicht erseufst", meinte er scherzend.
„Ich möchte nicht kindisch sein, Monsieur", verteidigte sie sich unter Tränen lächelnd. „Aber mir ist so sonderbar zu Mute, gerade wie einem Ertrinkenden. Die Leute sagen, daß einem da alles noch einmal einfällt, was man getan und erlebt hat. So ergeht's auch mir, ich muß zurück- denken, immer und immer. Mir ist's, als läge ein Totes dort in dem Kasten."
„Wenn Du so sprichst, muß ich glauben, daß Dir das Bild lieber ist als der Maler", warf er lächelnd ein. „Aber ich weiß schon, was Du meinst. Es ist ein Gefühl, das uns häufig überkommt, wenn wir mit irgend etwas ans Ende gelangen. Geht es mir doch selbst nicht viel anders." Er legte den Pinsel hin, stand auf und sprach, obgleich lächelnd mit ernster Stimme: „Und nun, Guenn, scheint mir der rechte Augenblick gekommen, um Dir hier über jener geheiligten Kiste zu sagen, daß ich Dir noch nicht halb genug für Deine Hilfe gedankt habe. Ich bin wirklich ganz gerührt von Deiner Pflichttreue und Geduld, mir ist dergleichen noch nie vorgekommen. Du bist, auf mein Wort,
so treu und standhaft gewesen, wie ein Soldat auf dem Posten."
,/O Monsieur, o Monsieur!" stammelte Guenn, freudestrahlend über sein Lob.
„Ich will Dir hier keine Rede halten, ich wollte Dir nur sagen, daß Du unseren Vertrag gehalten hast wie ein Mann."
„Wie ein Bretagner!" setzte Guenn glückselig lächelnd hinzu, in ihren Augen glänzte ein feuchter Schimmer.
„Und dann noch eins, Guenn, — da ich mich entschlossen habe, den Sommer über hier zu bleiben, denke ich, den Plan mit dem Hochgeitszuge wieder aufzunehmen. Du weißt, ich sprach schon einmal davon auf dem Kirchhof von Beuzee. Dein Gesichtsausdruck soeben brachte mich wieder darauf. Rosig und verschämt, stolz und jung", murmelte er vor sich hin, nicht so hochfahrend und trotzig wie einst." — Er beobachtete sie plötzlich mit so forschenden Blicken, als sähe er sie jetzt zum erstenmal. Nach kurzer Pause fuhr er fort: „Was meinst Du? Wenn Du alle die Mädchen in Deinem Gefolge siehst, wirst Du so stolz werden, daß Du das neue Bild viel lieber gewinnst als dieses."
„O nein, Monsieur, ich werde nie wieder ein Bild so lieb haben", entgegnete sie leise seufzend.
„Nun, halte damit wie Du willst, aber Du tätest mir einen Gefallen, wenn Du Dich indischen nach dem Brautstaat umsehen wolltest. Könntest Du nicht einmal nach Quimper gehen? Du weißt ja, was für Silberstickereien ich am meisten liebe, und wenn Du zugleich auch eine alte bretonische Jacke auftreiben könntest, eine ganz echte —"
„Gewiß, das kann ich sehr leicht, ich will noch diese Woche mit Andree hinüberfahren."
„Und Guenn, ich muß mir Thhmert noch einmal zu verschaffen suchen. Noch eine Sitzung mit ihm wäre mir in hohem Grade erwünscht, aber der gute Mann ist so scheu, genau wie Du, ehe ich Dich zähmte, und vom Modellsitzen hat er so viel Begriff wie ein numidischer. Löwe."
„Jawohl, Sie müssen ihn noch einmal haben", nickte sie ernsthaft. „Er wird sich schon dazu herbeilassen, Monsieur, er war nur im Winter so traurig wegen des armen Jean."
„Ich will Dir die Schlüssel zum Atelier dalassen, Guenn, sodaß Du hereinkommeu lärmst, um nach meinen Bildern zu sehen, wenn es nötig wäre. Ich gehe auf drei bis vier Tage nach Lorient, Morot hat mich aufgefordert, mit ihm zur Regatta hinüber zu fahren. Wenn Du unterdessen die Besorgungen in Quimper machtest, könnten wir schon am Montag mit dem Hochzeitszug beginnen. Wir brauchen Jeanne, Viktoria und Lena dazu — wahrscheinlich halb Plouvenee. Alain soll der Bräutigam sein; wie würde Dir Alain als Bräutigam gefallen, Guenn?" setzte er bedeutsam hinzu.
„Sehr gut — auf dem Bilde", antwortete sie übermütig. So lieb konnte ihr das neue Bild niemals werden, wie der alte Freund dort in der Kiste, aber sie brannte darauf, Hamors kleinsten Wunsch- nach besten Kräften zu erfüllen, auch war ihr der Gedanke, den Anzug in Quimper besorgen zu dürfen, schon an und für sich ein Vergnügen. Bis zum September war noch lange. Wie viele, viele Tage lagen noch zwischen März und September. Auch hatte Hamor seinen Entschluß über den Aufenthalt in Plouvenee ja schon einmal geändert. Warum nicht zum zweitenmal? Sie saun nicht mehr nach, ob es ihr möglich sein würde, ohne ihn weiterzuleben, sie gab sich ganz der herrlichen Gegenwart hin. Trotz ihres heftigen Kummers beim Abschied von dem geliebten Bilde war es eine sehr glückliche Guenn, die am nächsten Morgen im Sonnenschein am Quai stand und unter Lachen und Scherzen mit den Schiffern ein Boot nachdem andern nach Lorient abfahren sah. Ein wenig bänglich war ihr freilich ums Herz, als Morots Boot abstieß und Hamor den Hut schwenkte mit einem fröhlichen „Auf Wiedersehen!" Ohne sein Lächeln schien ihr Plouvenee heute verödet, aber sie ging mutig an die Arbeit, half Madame im Wirtshaus und arbeitete den ganzen Mittwoch und Donnerstag über für Monsieur Morot.
Am Freitag fuhr sie auf dem Bock mit dem alten Andree nach Omimper hinüber. Er scherzte während der ganzen Fahrt über den Verlust ihres Haares, und über den schmucken Matrosen von der „Merle", der ihr's vermutlich angetan habe. Am Samstag sollte sie Hamor Wiedersehen, vielleicht gar schon heute abend — ihr Herz schlug ungestüm.


