1803
Samstag den 7- Morumöer.
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(Nachdruck verboten.)
W UsßkmttEt» mii der BretUiie.
Bon B. W. Howard.
(Fortsetzung.)
Sie schlug den kürzesten Weg durch die Felder ein, aber ihr übermüdeter Körper vermochte sich kaum mehr aufrecht zu erhalten. Als sie ins Haus trat und sich erschöpft auf eine Bank fallen ließ, saß Nannic mit aufgestemmten Amren am Tische und starrte sie mit seltsam glänzenden Augen an.
„Hast Tu's gut gemacht?"
„Ich weiß nicht", antwortete sie matt, „wenigstens ist er sicher — das Bild auch."
„Erzähle", sagte er barsch.
Sie berichtete ihm die einfachen Tatsachen so kurz wie möglich. Ihre Erregung war vorüber, sie war fast zu abgespannt, um F-reude zu empfinden. Er lauschte aufmerksam und stellte über einige Punkte verschiedene Kreuz- unb Querfragen, wobei sein Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck annahm.
Guenn schleppte sich durch das Zimmer und trank eine Tasse Milch. Sie sah totenbleich aus und mußte sich beim Gehen an den Möbeln halten.
„Mach", daß Du zu Bett kommst", sagte der Knabe rauh.
„Ich gehe schon. Weißt Du, Nannte, ich möchte. Du erlaubtest, daß ich Monsieur alles sagen dürfte; wie oft Tu ihn schon gerettet hast, tote Du alle ihre Anschläge herausbringst, damit er wüßte, daß niemand — niemand so klug, so gut und so edel ist wie Du."
„Wir wollen doch zufrieden fein, daß er keine Kugel in der Brust, keinen Messerstich durch die Kehle und kein Loch im Kopfe hat", entgegnete der Knabe abweisend. „Wozu alles sagen, was wir wissen? Höchstens verdirbst Du mir damit. das nächstemal den Spaß."
Sie sah ihn zweifelnd an.
„Ich sage Dir, mir ist's lieber so", meinte er ungeduldig. „Ein Bursche von meinem Körperbau darf sich doch wohl auf seine Weise vergnügen", fügte er bitter hinzu, „ich. dächte, das wäre ihm zu gönnen."
Guenn seufzte tief auf. „Du weißt es natürlich am besten, Nannie", entgegnete sie mit großer Sanftmut. „Gute Nacht!"
„Halt, Guenn, höre einmal — hast Du wirklich das schwere Bild allein durch die Tür gezwängt?"
„Nun ja, ich sagte Dir's ja schon —" es klang müde und gletchgtltig.
„Du hingst dort an dem hohen Balken nur an Deinen beiden Händen, damit sie glauben sollten, es wäre der alte Morot? Du? — wirklich Du? —"
„Gewiß, Nannic, was hätte ich denn auch sonst tun können?"
Nannic streckte seine langen, schwachen Arme aus und betrachtete sie mit unaussprechlicher Verachtung. Eine trostlose Sehnsucht spiegelte sich in seinen bleichen Zügen, die heftigste Empörung gegen den elenden, pnßgestalteten Körper, der ihn überall hemmte. Dann nahm er seine gewöhnliche gleichgültige Maske wieder vor. Ten Kopf in den verkrümmten Händen bergenb, bie klugen Augen halb geschlossen, sagte ber kleine Krüppel in trockenem Ton: „Es war gar nicht so übel — für ein Mädchen."
21. Kapitel.
Als Madame in den Voyageurs am Abend von Humors Ankunft in Plouvenec gegen ihn die Andeutung fallen ließ, daß bie Frau Postmeisterin zuweilen seltsam zerstreut sei, hatte sie ihr bamit nicht Unrecht getan. Die Maler pflegten diese ihre Eigentümlichkeit mit stärkeren Ausdrücken zu belegen.
„Wie seltsam sich die nämlichen Typen überall wiederholen", hatte Humor bei sich gedacht, als er ber besagten Dame zum erstenmal gegenübertrat. „Diese hagere, unachtsame Frau hat mich so wie hier, schon in Maine, Massachusetts unb Kalifornien über ihre Brillengläser hinweg angestarrt", vertraute er eines Tages seinem Freunde Staunton. „Sie mag französisch sprechen so viel sie will, sie erscheint mir immer identisch mit jener Posthalterin in einem kleinen Dorfe Neu-Englands, bie mir eines Tages sagte: „Da, Mr. Humor, ist ein langer Bries für Sie, von Ihrer Kousine Elisabeth; so viel ich baraus ersehe, geht's ihr unb ber ganzen Sippschaft gut!"
Tie Beamtin in Plouvenec war zugleich Telegraphistin unb legte ein schmeichelhaftes Interesse für bett Inhalt jeher Depesche an ben Tag, ein vorwurfsvoller Blick traf denjenigen, ber es vorzog, sich babei einer anderen, als ber französischen Sprache zu bedienen, lieber ihre Unregelmäßigkeit unb Saumseligkeit bei der Briefausgabe fluchten die fremden Maler zuerst, machten bann gütliche Vorstellungen unb fügten sich zuletzt, wie bie Muselmänner, ins Unvermeidliche. Sie nahmen ohne Murren fünf Tage alte Briese in Empfang unb ertrugen standhaft alle Prüfungen, welche ihnen bas Geschick sonst noch burch bis Plouvenecer Post auferlegte. Wer ber Tag sollte noch kommen, an bent Humor sich weigern würbe, als Philosoph zu bulben.
Tie letzten Pinselstriche an dem großen Bilde waren getan, es war fertig, war getrocknet, war Humors Meisterstück. Stundenlang konnte er jetzt, davor sitzen, es einer letzten, stummen Kritik zu unterwerfen. Endlich Begann er. bie Kiste zuzurichten, in ber es nach Paris reifen sollte^ seinem Schicksal zu Begegnen.
Guenn sah btefen Ab schiedsseierlichkeiten in tiefer Erregung zu, ihr Herz war zum Ueberfließen voll von reichen, köstlichen Erinnerungen. Das beste Stück ihres jun gen


