Montag den 7. September.
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(Nachdruck verboten.)
Schloß Ofterno.
Roman von S. M e r r i m a n.
(Fortsetzung.)
In den unerschütterlichen, steinernen Mauern des Schlosses befanden sich nur drei Ausgänge; das große Einfahrtstor, ein Seitenpförtchen, das bei starken Schneefällen in Verwendung kam, und ein kleines, heimliches Türchen, das der Starost gewöhnlich benutzte, wenn er mit seinem Herrn sprechen wollte.
Einen Augenblick standen die beiden Männer auf dem obersten Treppenabsatz und lauschten in den wilden Lärm hinaus. Sie waren gerade im Begriff, hinunterzugehen, als ein durchdringendes Kreischen, das sofort von einem gellenden Triumphgeschrei übertönt wurde, die im Innern des Schlosses herrschende Stille unterbrach, Dann trat eine kurze Pause ein, auf die ein abermaliges Aufkreischen folgte.
„Sie sind drin", sagte Steinmetz. „Das Seitenpförtchen —"
Und die beiden Männer sahen einander mit weitauf- gerissenen Augen verständnisvoll an.
Während sie nun der breiten Treppe zuliefen, ertönte aus den entfernteren Korridoren das Getrappel unzähliger Füße und zorniges Gebrüll. In den Dienerwohnungen schien eine Hölle losgelassen zu sein. Der Lärm kam näher.
„Hinauf", sagte Paul, und sie liefen nebeneinander die breite Treppe hinan. Dann blieben sie stehen und warteten. Im nächsten Augenblick waren die Türen aufgebrochen und eine tobende Masse von Männern und Weibern, eine wahre Kloake der Menschheit, strömte in das Vestibül.
Ein Wutgeheul bewies, daß sie den Fürsten erkannt hatten.
„Sie sind rasend", flüsterte Steinmetz, als die Menge wie toll auf die Treppe zudrängte; man sah Stahl aufblitzen, wilde Gesichter blickten empor, verzerrte Lippen brüllten Haß und Mord.
„Ich will es versuchen, — vielleicht hält er sie auf", sagte Steinmetz.
Er streckte gelassen den Arm aus, ein lauter Knall, ein kleines Rauchwölkchen, das zum vergoldeten Plafond emporfchoß, — dann stand die Menge für einen kurzen Augenblick still und betrachtete einen der Anführer, der etwa sechs Stufen vom Boden entfernt auf dem Rückeu lag.
Ter Mann wälzte sich, die Händ auf die Brust drückend, schwelgend umher, und die Menge schaute wie versteiuert zu. Er hielt die Hand empor und sah sie mit wunderlicher Verblüffung an. Das Blut strömte von den Fingern herab. Tann fuhr sein Kinn in die Höhe, als packe ihn jemand
beim Nacken; er drehte süchj hangsam um sich selbst rollte die Treppe hinunter.
Nun erhob Paul die Stimme.
„Hört", rief er, aber er kam nicht weiter, denn aus dem Hintergründe, über die Köpfe der anderen hinweg, wurde eiu Schuß auf ihu abgegeben. Aber er traf ihn nicht, lrnd die Kugel bohrte sich in die Wand.
Gellendes, haßerfülltes Geschrei erhob sich, und alles drängte der Treppe zu; aber der Anblick der zwei Revolver hielt die Menge ein paar Augenblicke wieder fest. Die im Vordergründe Stehenden drängten zurück, während die Schreier im sicheren Hintergründe die anderen mit Worten und Gebärden vorwärts trieben.
Zwei einzelne Männer hielten hundert andere in Schach.
„Was wollt ihr?" rief Paul.
„Ich werde warten!" schrie er in der nächsten Pause. „Wir haben Zeit genug, — wenu ihr euich müde geschrieeU habt."
Einige fingen an, ihm auseinanderzusetzen, was sie von ihm ivollten. Es war die alte Geschichte, und Paul erkannte aus dem Stimmengebrause die abgeleierten Argumente der berufsmäßigen Agitatoren, den Ruf „Gleichheit, Gleichheit", während doch die Menschen offenbar zur Ungleichheit geschaffen sind.
„Aufgepaßt", rief er, „ich glaube, sie machen Sturm."
Die im Vordergründe Stehenden rückten ans die Treppe zu, während die dichtgedrängte Menge im Hintergründe miteinander stritt. In den Korridoren dahinter ertönte gellendes Geschrei und Kreischen, dessen wilder Klang Steinmetz bekannt war. Er hatte die Kommune mitgemacht.
„Die Kerls da hinten haben jemanden umgebracht, das erkeuue ich an ihrer Stimme!" rief er Paul zu. „Der Anblick des Blutes hat sie berauscht."
Jetzt gewann ein neuer Redner das Ohr des Pöbels, und die schlechtgekämmten Köpfe schwankten hin und her.
„Es nützt euch nichts, wenn ihr ihm sagt, was ihr wollt", schrie er. „Er wird es euch doch nicht geben. Nehmt es euch selber, nehmt es euch selber, Väterchen, das ist der einzige Ausweg."
Steinmetz hob den Arm und schaute nach dem Redner aus; die Stimme verstummte sofort.
In diesem Augenblick wurde jedoch das gellende Geschrei stärker, und aus der Tür, die zu den Diener- Wohnungen führte, ergoß sich ein Strom von blutbefleckten zerlumpten, ivütenden Menschen. Älle schwenkten Waffen nnd Ackergeräte über dem Kopf.
„Nieder mit den Aristokraten, bringt sie um, bringt sie um!" kreischte« sie.
Ein paar Schüsse regten sie noch mehr auf, aber der Branutivein macht keine sichere Hand, und Paul blieb unverletzt, indem er, wie er gesagt hatte, nbwartete, bis sie sich müde geschrieen hätten


