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„Jetzt fort!" schrie Steinmetz ihm auf französisch zu. „Oben auf der Treppe können wir uns noch einmal verteidigen, dann in der Tür und dann —" er zuckte die Achseln. „Tann ist das Ende da", fügte er hinzu, während sie, langsam rückwärts schreitend, Stufe für Stufe die Treppe hinanstiegen.
„Teurer Freund, vor der Tür müssen wir anfaugen, ans sie zu schießen", fuhr er fort. „Das ist unsere einzige Rettung. Außerdem ist es unsere Pflicht gegen die Damen."
„Es gibt noch einen Ausweg", antwortete Paul.
„Den Doktor ans Moskau?"
„3 a."
„Vielleicht hilft das; sie sind gerade in der Stimmung."
Die Neuhinzugekommenen, die immer nach vorwärts drängten, waren die Gefährlichsten, und es konnte kein Zweifel sein, daß sie, sobald sie die dichtgedrängte Menge durchbrechen konnten, die Treppe hinaustürmen würden, selbst wenn auf sie geschossen wurde. Ein starker Branntweingeruch, vermischt mit der ekelhaften Ausdünstung schmutziger Kleider, stieg aus der erhitzten Atmosphäre empor.
„Rasch legen Sie Ihre Verkleidung an", sagte Steinmetz. „Ich kann sie ein paar Minuten zurückhalten."
Es war keine Zeit zu verlieren. Paul eilte davon, während Steinmetz mit dem Revolver in der Hand allein auf dem obersten Älbsatze der Prunktreppe stehen blieb.
Nelly war irrt Salon allein.
„Wo ist Etta?" fragte der Fürst.
„Sie ist vor einiger Zeit hinausgegangen."
„Ich befahl ihr doch, hier zu bleiben."
Nelly antwortete nicht darauf; sie sah ihn ängstlich forschend an.
„Hat man auf Sie geschossen?" fragte sie.
„Ja, aber sie haben mich nicht getroffen", antwortete er mit einem leisen Lachen, während er weitereilte.
Ein paar Minuten später erschieir er, ganz verändert, in den groben, fleckigen Kleidern des Moskauer Doktors wieder im Salon. Der Lärm auf der Treppe ivurde lauter, Steinmetz erschien bereits in der Tür. Er schoß vorsichtig, indem er seine Leute auswählte.
Paul schleppte mit kraftvoller Hand ein paar schwere Möbelstücke in das Zimmer hinein, um eine Art von Barrikade zu bauen; damr deutete er Nelly den Platz an, wo sie sich aufstellen sollte.
„Fertig!" schrie er Steinmetz zu. „Herein!"
Der Intendant stürzte ins Zimmer, und Paul schloß die Barrikade. Der Pöbel strömte kreischend und schreiend, blutbefleckt, rasend vor Mordlust zur offenen Tür herein und staute sich vor der Barrikade. Dort blieb er stehen und starrte Paul blöde an.
„Der Doktor aus Moskau! Der Doktor aus Moskau!" gitlg es von Mund zu Mund. Die Weiber waren es, die am lautesten schrieen, und wie der Wind durch den Wald streicht, so fuhr der Ruf aus dein Zimmer die Treppe hinab. Die Hinaufkommenden drangen weiter und wiederholten die Worte. Das Zimmer war zum Ersticken voll.
„Ja, der Doktor aus Moskau — euer Fürst!" schrie Steinmetz, so laut er konnte.
Er wußte, welchen Ton er anzuschlagen hatte, und tat es mit unfehlbarer Sicherheit.
Im nächsten Augenblick war die Barrikade fortgerissen, und die Bauern stürzten vorwärts, indem sie auf die Küie fielen, Pauls Füße, den Saunt seines Rockes küßten und seine Hände ergriffen.
Es ioar eine große Ernte. Was in das Herz des Volkes gesaet wird, trägt zuletzt tausendfältig.
„Schaffen Sie sie hinaus, — öffnen Sie das große Tor", sagte Paul Steinmetz.
Er stand mit kaltem, ernstem Gesicht unbeweglich da.
Ein paar Männer, die Anführer, die Schwätzer aus der Stadt, schlichen bereits aus der Tür; sie fürchteten bei dein Umschwung der Gefühle für ihren Kopf.
Steinmetz trieb sie hinaus und hieß sie ihre Toteit mitnehmen. Hinter deir Vorhängen lugten bleiche Gesichter hervor, und einige Diener kämen wieder zum Vorschein. Als der letzte Bauer die Schwelle überschritten hatte, liefen lie herbei, um das große Tor zu schließen und zu verrammeln.
„Nein, läßt es offen!" rief Paul vom obersten Treppenabsatz aus.
G.,,®° .das große Tor trotzig offen stehen. Die L.tll)ter im Schlosse flammten ins Dorf hinunter, während
die Bauern niedergeschlagen ins Dorf zurückschlichen. Sie blickten beschämt empor, wußten aber nicht, was sie sagen sollten.
Steinmetz stand im Salon und sah Paul mit resignier- tein, halb humoristischem Ausdruck an.
„Das hing an ein em Haare, mein Lieber", sagte er.
„Ja, und jetzt ist es für uns mit Rußland aus", antwortete der Fürst.
Er schritt auf die Tür zu, die zum alten Schlosse hiuüberführte.
„Ich will mich nach Etta umsehen", setzte er hinzu.
„Und ich will Nachsehen, >ver das Seitenpförtchen ge- ösfnet hat", antwortete Steinmetz, indem er dem anderen Ausgange zuschritt.
41. Kapitel.
Hinter dem Schleier.
„Wollen Sie mitkommen", wandte sich Paul zu Nelly. „Ich werde deu Dienern Befehl geben, diefes Zimmer ivieder in Ordnung zu bringen."
Nelly folgte ihm und sie gingen miteinander durch die Korridore, indem sie von Zeit zu Zeit Ettas Namen riefen. In den Räumen des alten Schlosses herrschten Dunkelheit und Kälte; die Umrisse der großen Steine, die sich leicht unter der Tapete abzeichneten, erinnern seltsam an eine Festung.
„Etta hat wohl den Mut verloren", sagte Paul.
„Ja, das glaube ich auch", antwortete Nelly in unsicherem Tone.
Paul schritt, eine Lampe in der Hand haltend, weiter. „Wir werden sie wahrscheinlich in einem dieser Zimmer finden", fuhr er fort. „In den vielen Korridoren, auf den vielen Treppen kann man sich leicht verirren."
Sie kamen jetzt durch das große Rauchzimmer mit den Jagdtrophäen. Der Luchs, der Claude von Chaux- ville so ähnlich sah, grinste sie finster an.
Als sie die Hälfte der Treppe, die zum Seitenpförtchen führte, hinabgestiegen waren, kant ihnen Steinmetz hastig entgegen. Sein Gesicht sah bleich und fchreckverzerrt aus.
„Gehen Sie nicht weiter", sagte er mit heiserer Stimme, indem er ihnen in den Weg trat.
„Warum nicht?"
„Gehen Sie wieder hinauf", stammelte Steinmetz atemlos. „Da hinunter dürfen Sie nicht."
Paul legte die Hand auf den starken Arm, den der Intendant ihm entgegenstreckte; einen Augenblick sah es aus, als gäbe es einen Kämpf, dann trat der Intendant beiseite.
„Ich bitte Sie, gehen Sie nicht hinunter", murmelte er.
Aber Paul schritt weiter; Steinmetz folgte ihm, hinter ihnen ging Nelly. Am Fuße der Treppe zweigte ein breiter Korridor nach dem Seitenpförtchen ab, von dort mündeten andere Korridore in die Dienerwohnungen und führten durch die Küchen in den modernen Schloßflügel.
Die Tür, die zu dem grasbewachsenen Abhänge hinter dem Schlosse führte, stand augenscheinlich offen, denn ein kalter Winter strich durch das Treppenhaus und ließ die Lampen flackern. Am Ende des Korridors blieb Panl stehen.
Steinmetz stand ein paar Schritte hinter ihm und hielt Nelly zurück.
Die zwei Lampen erhellten den Korridor und zeigten die weiße Gestalt der Fürstin Alexis, die zusammengekanert dicht an der Maner lag. Das Gesicht war verborgen, aber das schöne Kleid, das herrliche Haar waren nicht zu verkennen. Es konnte niemand sein als Etta.
Panl bückte sich nnb sah sie an, berührte sie jedoch nicht. Er tat ein paar Schritte und schloß die Tür. Hinter Etta, quer über den Korridor lag eine schwarze, zertretene, entstellte Gestalt. Paul senkte die Lampe, und Claude von Chauxvilles fein geschnittene Züge zeichneten sich in Kot und Blnt deutlich ab. Der Strom der rasenden Bauern, den Steinmetz am Fuße der Treppe, aufgeyalten hatte, indem er ihren Anführer erschoß, hatte ihn zertreten.
Der Schädel war von einem Schlage gespalten, den er wahrscheinlich von einem Spaten oder einem sonstigen stumpfen Instrument erhalten hatte; die Hand hielt noch eilten Revolver, der andere Arm streckte sich nach Etta aus, die dicht an der Mauer quer Wer feinen Füßen lag. Der Tod traf sie, als sie ihren gesenkten Kopf mit Erhobenen Händen furchtsam vor einem Schlage schützen wollte; ihr gelöstes Haar fiel in einer langen, goldenen Woge über


