Ausgabe 
7.8.1903
 
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Da Chauxville später gekommen tour, als die an­deren Gäste, machte es sich natürlich, daß er nach ihrer Entfernung noch ein wenig blieb, und selbstverständlich tat er sein möglichstes, um sich die etwas übereilte Ein­ladung der Gräfin Lanowitsch zu sichern.

Was will der Mann in Twer?" fragte Paul, als er und Etta wieder unter den Pelzen im Schlitten saßen. Wir brauchen ihn nicht."

Nun", antwortete Etta ziemlich übellaunig,ich glaube, wir werden uns so furchtbar langweilen, daß selbst Herr von Chauxville eine vollkommene Abwechslung sein wird."

Paul antwortete nicht. Er machte dem Kutscher ein Zeichen, und die Pferde griffen mächtig aus, so daß ihre silbernen Glocken melodisch aneinander klirrten.

(Fortsetzung folgt.)

Hessische Räuberbanden im achtzehnten Jahrhundert.

Von Dr. Arthur Bechtold.

Original-Aufsatz für die Gießener Familienblätter.

(Schluß.)

Nachdem alle Zeugen vernommen waren, die Jnkul- paten fast alle Verbrechen in Abrede gestellt hatten und aus den verstockten Kerlen gutwillig nichts mehr heraus­zubekommen war, wurde der Bericht über die Untersuchung mit den Akten nach Darmstadt geschickt und ein ausführ­liches Gutachten beigefügt. Nach eingeholtem Gutachten desGeheimden Raths-Collegii" ließ der Landgraf folgende Resolution an die fürstliche Regierung in Gießen abgehen:

Von GOttes Gnaden Ernst Ludwig / Landgraf tc.

tzochgelährte Räthe, liebe Getreue! Uns ist ab Eurem unterm 3. des vorigen Monats in Peinlichen Sachen Fis- calio contra die verschiedener Verbrechen halber bißhero processirte viele Ziegeuner und ' deren Weiber erstatteten ausführlichen Bericht, und verhandelten hierbey zurück gehenden Akten, des mehreren geziemend referiret worden; Nachdem Wir nun, vorgekommenen Umständen nach, gnä- digst verordnet haben, daß diesen Peinlich Beklagten ins­gesamt ihre hierunten folgende difserente Todes-Art und Straffen ordentlich publicirt, ante executionem aber vor­erst su'b mutt. 17. 18 und 19 benahmte Hamperla, Anton Alexander oder der kleine Galant, und Lorentz Lampert, per omnes gradus würcklim torquiret, und nebst denen Complicibns bey dem Dörßdorfer Pfarr-Mord, auch tu specie auf diejenige Socios, welche bey des Lieutenant Emeraners Mord zugegen gewesen zu sehn negiren, befragt, sodann praevio hoc auch alle übrige, von denen man Wohl einige des erstbemeldten Hamperlas und der zwey andern Tortur sub fine mit zusehen lassen kann, ad locum torturae gebracht, und unter deren Andeutung und Declaration des nichts destoweniger zu erwarten habenden Todes, und daß sie bloß durch freywillige Bekänntnuß die Peinigung wür­den ebittren, über Unsers Peinlichen Gerichts-Asscssoris Dr. Weissenbruchs formirte Quaestiones torturales sub sola territione von denen Weibern anfaheud, mit jedesmahliger Attention auf den Umstand der An- oder Abwesenheit bey der Emeranischen Entleibung, bloß zur kiinfftigen Notiz ab­gehöret / mit jedem derselben aber, die Depositiones mögen fallen, wie sie wollen, citra ulteriorem aggrava- tionem poenal sofort / um der Sache nur einmahl ein Ende zu machen / executive verfahren und zwar a) die sub numeris 1. 2. 3. 4. 6. 7. 11. 13. 25. 26. 27. und 28. benahmte Lißge, des Georg la Grabens Eheweib, Anna Marta, Christofs Himntolaß Wittib, Catharina, Hanß Veltens Studenteus Eheweib, Magdalena, Christian Stör- Hmgerv Wttttb, Johannes Reinhold, Hanß Henrich Stoffel oder Balanton genannt, Gottfried la Fortuu, Johann St. Amons, wenn anderst der Hamperla und übrige aussagcn werden, daß er, St. Amour, mit in des Emeraners Mord consptrtret, und sonsten noä> mehreres graviret werden sollte, Catharina, des Gabriel Lorries Eheweib, Maria! Zo ma, des Hamperla Mutter, Anna Maria, dessen Schwester, falls nemltch auf dtese letztere deponiret wird, ,aP sw mtt bey des Emeraners Ueberfall gewesen, und Anna Christtna, Anton Alexanders Eheweib- decoiliret, so- dami h) dte sub numeris 5. 8. 9. 10. 12. 14. 15. 16. 20. uni) 23. beschriebene Peinlich Beklagte, als Henrich Stur- tztnger, der Becker-Hanß, Hans Henrich Foura, Christian

la Fortun, Christian Grünewald jun. oder la Carre, Fried­rich, St. Amour der Kurtze, wofern soviel diesen betreffend selbiger durch des Hamperlas und übriger Aussage, wegen mit Konspiration in des Emeraners Tod, und anderer seiner Jmputatorunr halber, noch mehreres graviret wer­den sollte, Johann Peter Selandin der Junker genant, Johann la Fortun, Friedrich St. Amour der Lange, Stu­dent Selten, und Johann la Fouri aufgehenckt, letzlich c) die sub numeris 17. 18. 19. 22. und 24. erwehnte Zie­geuner aber, nemlich Johannes la Fortun oder Hamperla genant, Anton Alexander la Grave, oder der kleine Galant, Lorentz Lampert, Johannes oder wie er auch sagt Gabriel Lorries, und Frantz Lampert, insgesammt, mit Abstra- hirutig von der beym Hamperla mit vorgeschlagenen Schleifung zur Gerichts-Stätte, von oben herab gerad- brechet werden sollten; So ist Unser gnädigster Befehl hiermit, daß ihr auch darnach achtet, und die Nothdurfft darunter besorgen lasset, wofern aber bey denen minus gravatis sich in der Abhör noch weiters mitigirc'ttde und etwa solche Umstände von ihrer positiven Ohnwissen- und Abwesenheit bey des Emeraners oder Dörßdorffer Pfarrers Entleibung hervor thun sollten, welche an deren würck- lichen Hinrichtung Euch einen Scrupel erwecken tnögten, derentwegen ererst noch einmahl anfraget, mit denen übrigen vel plane convictis, vel confessis aber auf einen Tag mit der Execution führfahren lasset, und weilen leicht zu erachten ist, daß selbige viele tausend Menschen in die Stadt ziehen werde, zur Verhütung aller, bey zumahl herannahender Winters-Zeit, wo nicht durch der Exeqnen- dorum adhaerenter, doch etwa ex culpa inquilinorum leicht entstehender Feuers-Gefahr, mit auordnender fleißiger Vi- sitir- und Säuberung der Offen und Schornsteinen hinläng­liche Vorsehung thuet, und zu dem Ende mit Unserer Uni­versität und Commendanten zu gleichmäßig nöthiger Ver­anstaltung communiciret, weniger nicht durch besagt Unfern Vormunds-Rath, und Peinlichen Gerichts-Assessorem, Dr. Meissenbruch, als welcher ohne das eine schrisftliche Rela­tion ex actis gemacht, und bar tun wohl informiret ist, eine Specificatiou aller Delinquenten mit kurtzer Anführ­ung ihrer Deliciorunt, auch wenn sie in bevorstehender Tortur weiters denominiren werden / sodann accurater Beschreibung dieser Complicum, und die Art deren Be­straffung verfertigen, solche sodann durch den Buchdrucker Müller, als welcher es wegen des sonder Zweiffel er­folgenden grossen Abgangs auf seine Kosten gern über­nehmen wird, zum Druck bringen, und durch selbigen in die Executionis verkauffen lasset, weilen gleichwohl merck- lich daran gelegen ist, daß dieser gottlosen Leute abscheu­liche Facta, sammt denen noch etwa angebenden Compli­cibus dem Publico bekannt gemacht werden, und wenigst dieser Nutzest davon zu hoffen stehet, daß erwehnte Com- plices so leichter zu hassten gebracht, oder wann sie sich verrathen sehen, Unsere Fürstlichen Lande sammt der Wet­terau zu meiden veranlasset und genöthiget werden. Versehens Uns, tiud seynd eucy mit Gnaden wohl gewogen. Darmstadt den 28. Octobr. 1726

Er n st Ludwig / Landgras zu Hessen Hoffmann."

Am 4. November wurden sämtliche Zigeuner und Zi- geunerimten von einer starken Bürgerwache abgeholt und vom Stockhaus zum Rathaus transportiert. Hier wurde ihnen das Urteil mitgeteilt, und sie aufgefordert, sich zum Tobe vorzubereiten. Tie Weiber geberdeten sich wie verzweifelt, auch einige Männer warfen sich auf den Boden und flehten jammernd um Gnade, die meisten männlichen Zigeuner aber nahmen den Urteilsspruch schweigend, mit verbissenem Grimm auf. Hamperla meinte trotzig:Ob er gleich ge­fangen, wäre er doch noch nicht gehangen."

Die sogenannteCron", seine Frau, verbat sich geist­lichen Zuspruch:sie habe ihr Lebtag nicht gebetet, außer wenn sie krank gewesen".

Anton Alexander, Lorenz Lambert und Hamperla wur­den auf dem Rathaus zurückbehalten und ins sogenannte arme Sünderstübchen gebracht, die anderen wieder ins Stockhaus zurückgeführt. Im untern Geschosse des Rat­hauses blieb eine starke Bürgerwache. Mittwoch, den 6. November versammelte sich das peinliche Gericht um 3 Uhr morgens aus dem Rathaus und ließ zunächst den Lambert aus dem Schlase wecken und vorführen. Er wurde nochmals vergeblich aufgefordert zu gestehen, dann