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lassen, um das Königreich Polen oder dergleichen wieder herzustellen."
„Das klingt sehr zahm", warf Steinmetz eilt. „Mir scheint, bezüglich der Fran Fürstin könnten Sie sich einen spannenderen Roman ersinnen. In den Büchern sind es immer die schönen Prinzessinnen, die die furchtbarsten Verbrechen begehen."
Nelly klappte ihren Fächer auf und'zu.
„Von Etta stelle ich mir vor, daß sie eine geheimnisvolle Befangenheit hat", sagte sie. „Ich glaube, sie gehört zu denen, die auf einem. Balle lachend tanzen können, obwohl sie wissen, daß unter dem Fußboden eine Mine liegt."
„Da irrst Du Dich", antwortete Etta zusammenfahrend und erhob sich so hastig, daß ihr Seidenkleid rauschte.
„Lassen Sie sie nicht weiter sprechen", flüsterte sie, als sie an Steinmetz vorüberging.
20. Kapitel.
Ein verdächtiges Haus.
Tie Gräfin Lanowitsch und ihre Tochter Katharina saßen in dem allzu luxuriösen Salon, der auf den Englischen Quai und die Newa hinausging. Die Doppelfenster waren hermetisch verschlossen, während die inneren Scheiben von einem dicken Reif überzogen waren.
lieber dem Moorboden, der den finnischen Golf begrenzt, stieg eben die Sonne auf und beleuchtete die schneebedeckte Stadt mit einem risigen Schimmer; er drang auch in das Zimmer, in dem die beiden Frauen saßen.
Katharina ging ruhelos von einem Stuhl zum andern, vom Kamin an das Fenster.
„Mein liebes Kind, wir können jetzt noch nicht nach Thors gehen", ries die Gräfin, die diese Rastlosigkeit begreiflicherweise nervös machte. „Der bloße Gedanke daran ist mir schrecklich. Du denkst eben nie an meine Gesundheit. Außerdem stimmt mich dieser ewige Schnee gar zu traurig; denn ich muß an Deinen armen, verführten Vater denken, der jetzt wahrscheinlich in Sibirien Schnee schaufeln muß. Wir haben hier so viele nette Freunde; Du wirst sehen, wie voll unser Salon heute wird. Baron Chauxville versprach mir, heute zu meinem ersten Empfangsabend zu kommen, und selbstverständlich muß auch Paul mit seiner Frau meinen Besuch erwidern. Ich bin auf sie schon sehr neugierig; es heißt, sie soll sehr schön sein und Aut Toilette machen."
Katharinas starke, weiße Zähne glänzten einen Augenblick im flackernden Lichte des Feuers auf, während sie sie in ihre Unterlippe vergrub.
„Pauls Lebensglück ist also gesichert", sagte sie mit harter Stimme.
„Natürlich, was könnte er mehr wünschen?" murmelte die Gräfin, ohne die Ironie ihrer Tochter z;u verstehen.
Katharina warf einen verächtlichen Blick zu ihrer Mutter hinüber. In diesem Augenblicke hörte man durch die Doppelfenster hindurch das Klingeln von Schlitten- glocken auf dem Englischen Quai, und Pferdehufe donnerten auf dem Pflaster. Die Farbe tötet) plötzlich ans Katharinas Wangen, als wäre sie weggewischt worden, und ihr Gesicht sah gespenstisch bleiche aus: Paul war mit seiner jungen Frau vorgefahren.
Gleich darauf öffnete sich die Tür und Etta erschien mit jener unbesiegbaren Schönheit, die all ihre Bewegungen kennzeichnete, dicht hinter ihr Paul, der ziemlich gelangweilt aussah.
Katharina trat aus ihrer Fensternische hervor und begrüßte Etta, die mit einem einzigen Blick ihre Häßlichkeit und ihre unvorteilhafte Toilette zur Kenntnis nahm. Paul küßte der Gräfin die Hand; als er die Katharinas ergriff, waren ihre Fänger eiskalt und zuckten nervös.
Die Gräfin plauderte bereits in geläufigem Französisch Mit Etta, und so blieben Paul und Katharina einen Augenblick allein.
„Ich wünsche Ihnen Glück", sagte Katharina, ohne die Augen zu ihm aufzuschlagen, und ihre Stimme klang seltsam kurzatmig.
„Ich danke Ihnen", antwortete Paul einfache indem er unwillkürlich einen Blick zu seiner Frau hinüberwarf.
Katharina schaute rasch auf und bemerkte den Ausdruck, mit dem sein Auge auf Etta ruhte.
„Er liebt sie nicht! Er liebt sie nicht!" schrie es plötzlich in ihr ■auf.
„Ja, Paul ist einer unserer ältesten Freunde", sagte
die Gräfin eben mit ihrer trägen Stimme. „Sie wissen, wir sind Nachbarn, und er ist immer wie ein Kind des Hauses bei uns aus- und eingegangen. Mein armer Mann hatte ihn sehr lieb."
„Ihr Gemahl ist tot?" fragte Etta leise, mit einer auffälligen Hast.
„Nein, er ist in Sibirien. Sie haben vielleicht von seinem Unglück gehört, — mein Mann ist der Graf Stephan Lanowitsch."
Etta nickte.
„Ich empfinde die tiefste Teilnahme für Sie, Gräfin", sagte sie. „Wie tapfer Sie dabei sind — Sie und Komtesse", fügte sie hinzu, indem sie sich zu Katharina wendete. „Ich hoffe, daß wir uns in Twer häufig sehen werden..."
Katharina verbeugte sich kühl, ohne zu antworten. Etta warf einen scharfen Blick auf sie und vielleicht sah sie mehr, als Katharina ahnte.
„Paul und Fräulein von Lanowitsch waren wohl Jugendgespielen?" fragte sie die Gräfin.
„Ja, »über Katharina ist erst vierundzwanzig Jahre alt, — zehn Jahre jünger als Paul."
„Wirklich!" rief die Fürstin mit leiser, schneidender Ueberraschung.
In der Tat, Etta sah jünger aus als Katharina.
Kurz darauf erschien Claude v. Chauxville mit seinem mechanischen, herzlosen Lächeln; als er sich jedoch über Ettas Hand beugte, hat de sein Gesicht einen ernsten Ausdruck. Er äußerte über das Zusammentreffen mit Paul und Etta keine Ueberraschung, obwohl fein Wesen eine gewisse Bewegung verriet, und nichts deutete darauf hin, daß diese Begegnung von ihm selbst mit Hilfe der unschuldigen Mitwirkung der Gräfin herbeigeführt worden war.
„Sie gehen von hier zweifellos nach Twer?" wandte er sich fast sofort an Etta.
„Ja", antwortete die Fürstin, und abermals erschien jener flüchtige, gehetzte Ausdruck in ihren Augen. Es schien ihr, als ob das Wort ,Twer' mit Riesenbuchstaben überall stände, wohin sie blickte.
„Der Fürst soll, wie iaj höre, ein großer Sportsmann sein, ein großer Jäger vor dem Herrn", fuhr Chauxville fort, indem er sich zu Paul wandte. „
„Ja, mir haben noch ein paar Baren übrig", antwortete jener kurz.
„Glücklicher! In meinen jungen Jahren habe ich einen geschossen. Ich fürchtete mich entsetzlich, und der Mr ebenso; aber ich hätte große Lust, mein Gluck noch einmal zu versuchen."
Etta sah zu Paul hinüber, der Chauxvilles liebenswürdigen Blick mit der unerschütterlichen Ruhe eines Fürsten erwiderte.
„Da müssen Sie zu uns lammen", fiel die Gräfin ein und machte so der etwas peinlichen Situation ein Ende, wie Chauxville es vielleicht erwartet hatte. „Wir haben bei uns in Thors noch eine ganze Menge."
„O, Frau Gräfin, das hieße Ihre Gastfreundschaft uitb wohlbekannte Güte wirklich mißbrauchen. Was meinem Sie dazu, gnädiges Fräulein? Die Versuchung ist zu stark; soll ich ihr nachgeben?"
Katharina lächelte gezwungen.
Ich möchte das lieber Ihrem eigenen Gewißen uber- lassen, weiß aber nicht, was Sie unter Mißbrauch verstehen", sagte sie kalt. ,
„Dann nehme ich die Einladung an, Frau Gräfin! rief Chauxville mit jener liebenswürdigen Offenheit, die immer so falsch klang. „In diesem Falle werden wir uns vielleicht noch vor dem Frühjahr Wiedersehen, Fürst; das heißt, wenn die Gräfin ihre Einladung wirklich ernst
„Ja, ich jage oft in Thors," antwortete Paul. , „Darf ich mir vielleicht erlauben, der Fürstin meine Aufwartung zu machen? Oder ist die Entfernung zu ciro
Mit einem guten Pferde, und wenn der Schnee trägt, läßt es sich in anderthalb Stunden machen , antwortete Paul. , ,
„Ich darf also au revoir sagen? fragte Chanxbule, indem er ihm die Hand hinstreckte.
„Au revoir, wenn Sie es wünschen."
Und er wandte sich ab, um von Katharina Abschied zu nehmen.


