Ur. 116

1903

Freitag den 7. August.

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(Nachdruck verboten.)

Schloß Osterno.

Roman von S. M e r r i m a n.

(Fortsetzung.)

Er war es, der zuerst sprach.

Frau Fürstin, wenn Sie meine Freundschaft wirklich wünschen, so gehört sie Ihnen", sagte er.Ich mache Sie jedoch im voraus darauf aufmerksam, daß sie keine Nippsache ist. Da wird es keine Komplimente, keine hübschen Redensarten, keine Blumenspenden gebe!n, son­dern alles wird solid und altmodisch sein, wie ich es selber bin."

Sie glauben wohl, daß ich nichts anderes wert bin, als hübsche Reden, Komplimente und Blumen?" antwortete sie mit gezwungenem Lachen, indem sie trotzig, heraus­fordernd zu ihm aufblickte. Er erwiderte den Blick ruhig; ihre Schönheit im Rahmen der glänzenden Toilette und der kostbaren Möbel, der reichen Beleuchtung, der Blumen, blendete ihn nicht.

Ja", sagte er gelassen.

Und doch bieten Sie mir Ihre Freundschaft?"

Er verneigte sich bejahend.

Warum?"

Um Pauls willen, Fürstin."

Sie wendete fto), achselzuckend von ihm ab.

Der Zufall will es, daß ich ebenfalls Panls wegen mir die Mühe nahm, mit Ihnen über diese Sache zu sprechen; denn ich will ihn nicht länger mit derartigen kleinen häuslichen Angelegenheiten belästigen. Da wir unter demselben Dache leben sollen, würde ich Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Ihre Abneigung gegen mich auf jeden Fall verbergen wollten."

Er verbeugte sich ernst und schweigend. Etta starrte mit fieberhaft geröteten Wangen ins Feuer, bis die Tür sich öffnete und Nell Yins Zimmer trat.

Steinmetz ging ihr mit seinem ernsten Lächeln ent­gegen, während Etta ihr plötzlich so furchtbar verstörtes Gesicht verbarg.

Nelly betrachtete sie mit regem Interesse, denn das Verhältnis zwischen diesen beiden hatte sie in der letzten Zeit stutzig gemacht.

Wie gefällt Ihnen Petersburg?" fragte Steinmetz. r" .s hat mich nicht enttäuscht", antwortete sie.Ich brn mcht ftö» blasiert wie Etta, und alles interessiert mrch." 11

Wir sprachen eben von Petersburg", sagte Stein- tlteAo1,bem er einen Stuhl heranschob.Der Frau Fürstin gefallt es mcht, sie klagt über Nerven."

'(?eEN?" rief Nelly, indem sie sich zu ihrer Cou- U"e wandte. ,,^ch habe uoch nie bemerkt, dalß Du nervös bist.

Etta lächelte etwas müde.

Ja, mail weiß nie, was das Alter mit sich bringt", antwortete sie, sich zur Heiterkeit zwingend.Ich habe heute früh ein gralles Haar entdeckt; Du weißt, ich werde bald 33 Jahre alt."

Ich bin heute vormittag mit Paul Schlitten ge­fahren", erzählte Nelly in ihrem heiteren, harmlosen Ton. Es war sehr schön; die Polizisten in ihren kleinen Häus­chen an den Straßenecken, die Ofsiziere in ihren großen Pelzen, die Kutscher, kurz, alles hat mir sehr gefallen. Die Leute haben so etwas Geheimnisvolles an sich, und man kann sich leicht vorstellen, daß sie etwas anderes sind, als sie scheinen. Paul, Etta, selbst Sie, Herr Steinmetz, sind vielleicht etwas ganz anderes, als Sie scheinen."

Sehr möglich", antwortete Steinmetz lachend.

Sie sind vielleicht ein Nihilist und halten Bomben in Ihrem Aermel verborgen, wechseln vielleicht mit den Vorübergehenden auf der Straße geheimnisvolle Erkenn­ungsworte, kurz, sind vielleicht viel weniger unschuldig, als Sie aussehen/'

Das alles ist möglich."

Vielleicht haben Sie gar einen Revolver in der Tasche Ihres Gehrockes versteckt?" fuhr Nelly fort, indem sie mit dem Fächer auf dieses umfangreiche Kleidungsstück deutete.

Er fuhr mit der Hand in die bezeichnete Tasche und hielt ihr einen kleinen, silberbeschlagenen Revolver ent­gegen.

Auch das ist möglich", sagte er.

Nelly betrachtete den Revolver mit plötzlicher Neu» gierde, aber ihre hellen Augen waren ernst geworden.

Geladen?" fragte sie.

Ja."

Dann, will ich ihn nicht untersuchen. Wie sonderbar! Wer'weiß, ob ich nicht auch in manchem anderen der Wahrheit nahegekommen bin."

,Wer weiß", wiederholte Steinmetz, indem er einen Blick auf Etta warf.Sagen Sie uns, was Sie über die Frau Fürstin denken; wessen halten Sie sie für fähig?"

In diesem Augenblicke trat Paul ins Zimmer.

Dem gnädigen Fräulein erscheint alles hier ver­dächtig", erklärte Steinmetz, indem er sich zu ihm wandte. Ich bin schon sv gut wie nach Sibirien verbannt, und jetzt will sie über die Frau Fürstin Gericht halten."

Paul trat näher, allein Nelly vermied es offenbar, ihn anzublicken.

Wir wollen zuerst Paul ins Verhör nehmen", sagte Etta etwas hastig, indem sie auf die Uhr blickte, auf der auch Steinmetz' Augen ruhten.

O, Paul", sagte Nelly in ziemlich gleichgültigem Tone, 11110 es war, als sei ihre Heiterkeit plötzlich verschwun­den.Vielleicht hat er sich ttef in Verschwörungen einge-