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Auch der Erwachsene nur werden. Diesittliche Reife", die die höhere Schule ihren Witurienten mitgeben möchte, be­deutet nicht, daß die sittliche Erziehung nunmehr fertig sei denn sie wird nie fertig, sondern daß die Erziehung durch andere jetzt zurücktreten könne, weil der Zögling sich jetzt selbst in Zucht zu nehmen versteht.

Wenn aber ein Schüler in recht merkbarer Weise diese Selbstzucht vermissen läßt und infolgedessen in seiner Halt­ung und in seinem Benehmen den Anforderungen der Schule oft nicht genügt, so kann doch die Note, die ihm in seinem Abiturientenzeugnisüber das Betragen während des letzten Schuljahres"*) auszustellen ist, wenn anders sie mit Ernst und Wahrhaftigkeit erteilt werden soll, nicht gut" heißen, man wird vielmehr zu dem nächst niedrigen Prädikat greisen müssen:Nicht ohne Tadel" das ja auch buchstäblich einem solchen Sachverhalt entspricht.

Aber das schadet vielleicht später dem jungen Manne! Man kann daraus zunächst bemerken, daß das Maturitäts­zeugnis im allgemeinen lediglich als Voraussetzung für die Immatrikulation bezw. die Zulassung zur Staats­prüfung in Betracht kommh,und daß dafür in den meisten Fällen die einzelnen Noten als solche nicht in Berücksichtig- ung gezogen werden. Wenn aber auch gelegentlich die einzelnen" Noten aus bestimmten Gründen in Betracht kommen, so darf die Erwägung, daß eine schlechtere Note vielleicht schaden kann, durchaus nicht zur Abschwächung führen. Das Abiturientenzeugnis soll nicht ein liebens- ivürdiger Empfehlungsbrief sein, der es etwa mit der Wahr­heit nicht so genau nimmt, sondern eine amtliche Urkunde, die ein möglichst objektives Urteil über das Betragen des Schülers und seine Leistungen in den einzelnen Fächern enthält. Bei Feststellung der Noten aber hat nicht nur persönliche Antipathie, sondern auch persönliche Sympathie zurückzutreten; nur objektive Erwägungen haben den Aus­schlag zu geben.

Auch ist es weder ein Widerspruch, noch eine Heuchelei, wenn die Schule einen Schüler, dem sie ein wenig gün­stiges Zeugnis mitgeben muß, doch mit den besten Wünschen für seine Zukunft entläßt. Ja, man kann sagen: wie oft­mals kränkliche Kinder, die den Eltern unendlich viel Mühe und Sorge verursachen, ihnen doch oder gerade des­halb die teuersten sind, so kann es vorkommen, daß gerade die herzlichsten wenn auch mit Befürchtungen gemischten Wünsche der Lehrer einen Schüler begleiten, dem sie gerade kein gutes Zeugnis ausstellen konnten. Ich kann doch einen Primaner recht gern haben, ihn für einen gutmütigen, liebenswürdigen, witzigen Menschen halten und mich verpflichtet fühlen, ihm durch die Note im Reife­zeugnis zu sagen: Dein Betragen war eben dochnicht ohne Tadel"; Du hast Dich eben in der Schule uicht genug rusainmengenommen. Laß Dir das Zeugnis zur Mahnung dienen, daß Du Dich im Leben besser zusammen nimmst!

Niemand wird doch verlangen, daß im Abiturienten­zeugnis mangelhafte Leistungen in einem besonderen Fach, z. B. in der Mathematik mit der Notegut" bezeichnet werden, weil sonst der Schüler davon Schaden haben kann, insofern etwa für gewisse Berechtigungen das Prädikat gut" gefordert wird, und in dem zentralsten und wichtigsten allerFächer", intBetragen", das doch am meisten auf das Maß der erlangten Willensreife zurückschließen läßt, soll die Note weniger gewissenhaft und objektiv erteilt werden!

Gewiß kamt auch die gewissenhafteste Beurteilung irrig sein, gewiß kann ein junger Mann, der tatsächlich den Anforderungen der Schule in Betragen und Leistungen wenig entsprach, sich später durchaus tüchtig erweisen. Vielleicht war ihm aus diesem oder jenem Grund der Aufenthalt in der Schule durchaus unsympathisch, viel­leicht konnte et nicht in das rechte Vertrauensverhältnis zu seinen Lehrern kommen, betrachtete sich vielmehr stets in einem latenten Kriegszustand diesen gegenüber, aber alles das kann die Lehrer soviel Güte und Geduld ihnen bei ihrer Tätigkeit auch ziemt doch nicht hindern, tn ihren Zeugnissen, wo sie berufen sind, ein Urteil zu fällen, dtes nicht nach Gutmütigkeit, sondern nach Gerechtig­keit zu tun.

*) Vgl. § 13 der hessischen Verordnung über die Reife- prüfttng vom 18. 1. 1893.

vermischte».

*DieLaunenderFrau. Es gehört zu den Sonder­heiten der weiblichen Natur, daß sie bei weitem reizbarer ist, als die männliche und schnell von einer Gemütslage in die andere übergeht. Immer wieder ruft dies die Ver­wunderung^ aller hervor. Noch mehr setzt es die meisten Menschen in Erstaunen, wenn sie sehen, daß neben dieser außerordentlichen Reizbarkeit die Frau bei weitem weniger tief empfindet, daß sie trotz dieser Reizbarkeit viel wider­standsfähiger und anpassungsfähiger ist als der Mann. Es! wirkt diese Vereinigung wie ein großer Widerspruch, der etwas Rätselhaftes in sich birgt und wohl deswegen gerade häufig Romanschriftsteller angezogen hat. Die große Wider­standsfähigkeit und Unempfindlichkeit gegen Schmerzen findet Man bei Frauen häufig: Frauen vertragen schwere Operationen, Blutverluste, Schädlichkeiten aller Art besser als die Männer. Bei den niederen Völkern wird betiti Weibe das Schwerste aufgepackt, sie ist das wahre Lasttier der ganzen Familie. Auch daß die Fran bei d-en Indern; sich mit der Leiche des Mannes verbrennen läßt, gehört tn dieses Kapitel. Trotzdem die Frau bei den Mohamme­danern im Harem aller wirklichen Freiheit beraubt ist, unter einem Druck lebt, den der Mann nie ertragen würde, soll! die mohammedanische Frau durchaus nicht darunter leiden. So tragen die Frauen überall solche schweren Lasten und gelten doch stets als besonders empfindlich und reizbar, bei weitem reizbarer als der Mann. Dieser Widerspruch ist wohl aber nur ein scheinbarer, diese beiden entgegengesetzten Eigenschaften der Frau beruhen wohl auf ihrem weniger kräftig entwickeltet! Nervensystem, das aus der einen Seite leicht ermüdet und darum auch leichter selbst schon durch innere Einflüsse erschüttert wird, auf der anderen Seite aber weniger entschieden und kräftig die Sinnesreize der Außenwelt aufnimmt.

Aterarisches.

Neue Kunstliteratur. Das Juni-Heft der Kunst" (München, Bruckmann, vierteljährlich 6 Mk.) be­schäftigt sich zunächst in einer größeren Veröffentlichung mit der heurigen Sommer-Ausstellung der Berliner Secession, über die Hans Rosenhagen berichtet. 49 Abbildungen be­gleiten diesen Aufsatz. Ein weiterer Beitrag desselben Autors orientiert daun, zunächst nur textlich, über die Große Berliner Künstausstellung. Besonderes Interesse be­ansprucht auch die große Monographie, welche auf denk Gebiete angewandter Kunst der treuesten Schöpfung Bern­hard Pankoks, dem von diesem Künstler entworfenen Ehe- fchließungszimmer im neuen Rathause zu Dessau gewidmet ist. Prof. Konrad Lange kommentiert tn liebevollstem Ein­gehen auch auf die Mängel die 37 Abbildungen, welche von der Schöpfung bertchtett, an deren Herstellung technisch die Vereinigten Werkstätten und einige sonstige Münchener Firmen, sowie die Stuttgarter Versuchswerkstätte beteiligt sind. Es ist freudig zu begrüßen, daß dem neuen Kunst- gewerbe einmal gerade auch in einer solchen, öffentlichen Zwecken diettenden Einrichtung, Gelegenheit zur Betätigung ward.

Rich. Presberr Aus dem Lande der Liebe, 5. Ausl. 3 Mk. Dieses seinerzeit auch von uns mit Aner­kennung erwähnte Liederbuch Presbers ging vor kurzem' in den Cottaschen Verlag über, in dem sich das ernste Gegenstück, die soeben in zweiter Auflage erschienene Ge­dichtsammlungMedia in vita" bereits befindet.

Silbenversterkrätsel.

(Nachdruck verboten.)

Angesicht, Sterndeuter, Knochen, Schaufel, Bristol, Katzen, Frosch, Eisen, Scheune, Stein, Durchgang, Indien, Armbrust, Gelegenheit, Erdgeschoß, Meisten, Mormone, Agent, Main, Midas, Milchkühe, Aller, Grabscheit.

Es ist eine vielzitierte Stelle aus einem bekannten Liede zu suchen. Die einzelnen Silben sind der Reihe nach in vorstehenden Wörtern Ver­steckt ohne Rücksicht ans deren Silbenteilung.

(Auflösung in nächster Nummer»)

Auflösung des Akrostichons in vor. Nr.:

a. Amsel, Torte, Helm, Siam, Else, Erde.

b. Selma, Otter, Mehl, Mais, Esel, Rede.

Sommer.

Nedaktton: August Götz. Rotationsdruck und Verlag der Drühl'schen UniversitötS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.