Montag den 6. JuU.
1903. — Nr. 99.
'jiri-X'-
(Nachdruck verboten.)
Die Namensschwestern.
Frei nach dem Englischen von Clara Rheinau.
(Fortsetzung.)
„IHv war alles bekannt über Sie, was Sie nicht wußten ? Und sie versuchte ein Geschäft — ei> mein liebes Fräulein Graham" — rief die erstaunte Zuhörerin dieser unverständlichen Worte — „was meinen Sie damit?"
„Ich meine", entgegnete Minor, sich gerade aufrichtend und sehr rasch sprechend, „daß ich, obschon ich natürlich rch selbst und Frau Grahams Enkelin bin, und der ganze Besitz da drüben mein gehört, doch gleichsam wie erne Art — lebendiger Betrug herumgehe. Wenigstens würden die hochnäsigen Herrschaften hier so sagen!"
„Ein Betrug--!"
„Ja", — antwortete Ellinor mit aller Hast, um eine Unterbrechung zu verhüten — „denn meine Mutter war Nur ein einfaches Dorfmädchen; Sie hatten vielleicht von ihr gehört: Dora Stirling. Ich habe meine Großmutter ausgesucht, sie ist ein gutes, altes Geschöpf und wohnt nt einem entsetzlichen Loch. Und so bin ich also die Enkelin und Nichte von Männern, deren Verwandtschaft mich ver- umtlich aus jeder besseren Gesellschaft hier ausschließen würde. So, nun wissen Sie alles!"
Zwei große heiße Tropfen rollten über ihre Wangen und ihre Unterlippe schmollte und zitterte, wie die eines Kindes. Ehe Frau Wilson sich nur soweit sammeln konnte, um zu fragen und zu beruhigen, brach Ellinor in einen Strom- von Tränen aus, schmiegte sich an ihrer Freundin Schulter an, und schluchzte laut: „Und es würde mir I a nichts daran liegen — nicht halb- so viel — aber — ch muß es noch einem andern sagen! Jemand, den ich o liebe. Und würde es ihm — einen Unter — Unterschied machen, wenn auch er miet) liebt? O, meinen Sie?"
Sofort hatte Frau Wilsons lebhafter Geist die Sachlage erfaßt, und zu ihren Gunsten gedeutet. .Ellinors niedere Herkunft von mütterlicher Seite war allerdings Nicht ihre Schuld, aber für ihren Vater doch sicher ein Grund mehr, eine angesehene Heirat seiner Tochter zu wun.cheir und bei ihrer Wahl die ungleichen Vermögens- verhmtnlsse zu übersehen. Noch war die peinliche Sache em Geheimnis, und Frau Wilson wollte schon alles so dcch sie es auch bleiben würde. Trotz alledem war Minor eme wünschenswerte-Partie für ihren Bruder. 'M zögerte fte denn auch keinen Augenblick, sondern schlang um erregte junge Mädchen und antwortete ttttl Warme:
„Haben Sie nur keine Angst, Liebling, alles sogleich r.u sagen. Ich kenne meinen Bruder gut genug, um zu daß drese Nachricht durchaus keinen Unterschied SlJ tt §OTten für Sie machen wird, wenn er Sie liebt, tote ich nicht bezweifle."
Mit einer heftigen Bewegung, die ihre freundliche' Trösterin bald aus dem Gleichgetvicht brachte, machte Minor sich los:
„Kein Unterschied für Ihren Bruder", rief sie aus, „wenn er mich liebt! Allmächtiger Himmel, Frau Wilson^ Sie -glauben doch nicht, daß ich ihn meinte, als ich von jemand sprach, den ich — den ich liebte?"
Die arme Frau Wilson fühlte sich von einem Schwindel erfaßt; Haus, Bäume, Blumen, alles drehte sich mit ihr im Kreise, als sie mit matter Stimme antwortete: „Ich glaubte es wirklich."
„Dann waren Sie in einem großen, großen Irrtum befangen!" rief Minor. „Ich meinte einen ganz andern, einen Jugendfreund, als dessen Braut ich mich schon lange betrachte! Nur müßte er sich erst eine Existenz schaffen^ und mit der Schafzucht geht es eben sehr übel in Australien^ darum versucht Papa immer, uns einander fern zu halten. Mer als ich hierher kam und fand, daß ich wirklich reich' sei, schrieb- ich sofort an Alex, er solle kommen und mich heiraten. Und der gute Junge war so gewissenhaft, daß er mir nicht einmal antworten wollte, ehe er bei Papa in Sydney gewesen, um dessen Einwilligung zu holen. Dgrum wartete ich auch immer so ungeduldig auf meine Briefe, und war ganz wild vor Vergnügen über den letzten, der mir die Nachricht brachte, daß Papa und Alex bereits unterwegs seien. Und Dies ist auch der Grund, warum ich die Arbeiten in Westfields noch ausschiebeu wollte. Als ich nicht gleich von Alex hörte, dachte ich; er würde sich am Ende so einfältig stellen, daß ich hinübergehen und ihn holen müsse; oder wenn er hierher käme, würde er vielleicht selbst alles anordnen wollen. Ich konnte doch nicht von meiner Heirat sprechen, ehe ich derselben sicher war, nicht wahr? Aber seit vierzehn Tagen warte ich- darauf, Herrn Morgan alles, alles zu sagen, und jetzt — o Gott, o Gott, ich hofte doch inbrünstig, daß er sich nichts aus mir macht! In welchem Wirrsal ist doch jetzt alles!"
So war es in der Tat! Und wenn es schon Ellinor so schien, wie mußte es erst für Frau Wilson sein?
Die schreckliche Ueberzeugung drängte sich ihr aus, daß sie von einem törichten Irrtum sich habe -leiten lassen,' und sie saß eine Weile schweigend da, bis sie gleichsam! zu ihrer eigenen Rechtfertigung sich zu der Frage zwang: „Sie wollten uns gewiß nicht irre führen, Fräulein Graham. Wer wirklich; ich und auch andere bemerkten, daß Sie eine so große, eilte so außerordentliche Vorliebe für meinen Bruder zeigten —"
„Und ich zeigte nur, was ich fühlte", vollendete Minor aufrichtig. „Er gefiel mir vom ersten Augenblicke an. Ich glaube, nach Papa, und natürlich lange, lange nach Alex ist er der netteste Mann, den ich je kennen lernte.' Und er ist auch so gescheidt und 'so hilfreich, wie ich Ihnen schon früher sagte; mit meinen ArbeitsleUten wußte er so gut umzugehen, daß ich ihn stets zu fragen und nach


