Keift und Rervengeist lösen könne, worauf dann Die beiden letzteren ihre eigenen Wege gingen und das dabei Geschallte auch in Erinnerung behielten, nachdem sie sich bereits wieder utit dein Körper vereinigt hätten. Es vermöchte sich demnach jeder die Fähigkeit des zweiten Gesichts zu erwerben. Jung-Stillings Anhänger, die Pneumatologen, sollen wiederholt Proben davon abgelegt haben.
Als eilte bedeutsame Erscheinung auf dem in Rede stehenden Gebiete ist weiterhin noch Friedericke Hausse, geb. Manner, die Seherin von Prevorst, zu erwähnen. In dem Leben dieser Fran wimmelte es von Geistern; dar Fälle, in denen sie Mitteilung von den Tingen machte, die ihr das zweite Gesicht gezeigt, waren hunderte. Alle die bei ihr beobachteten Phänomene sind in dem von ihrem zweiten Mann, dem Arzt und Dichter Justinus Kerner verfaßten Buch „Tie Seherin von Prevorst" beschrieben.
Heutzutage spricht man verhältnismäßig selten vom zweiten Gesicht. Wenn es auch, flüchtig betrachtet, so er- scheinelr mag, als ob mancherlei seltsame Aussagen, die man von spiritistischer Seite hört, darauf zurückzuführen sind, so beruht das doch auf einem Grundirrtum. Tenn bei den Spiritisten sind es immer die Geister, welche das Wunderbare verkünden, gleichviel ob sie es durch den Psychographen, durch den Mund von Medien oder direkt selbst tun) während die Gabe des zweiten Gesichts stets einer einzelnen Persönlichkeit eigen ist. Ob diese sie erworben hat, oder ob sie ihr angeboren wurde, macht dabei keinen Unterschied. Nur die Zerrüttung des Nervensystems Haban die Medien mit den Leuten, die die „Augen dar Seele" besitzen, gemeinsam. Immerhin möge noch gesagt sein, daß KS auch gegenwärtig zuweilen alte Schäfer oder Förster <— überhaupt Menschen, die sich viel in freier Luft auf- halten — gibt, von denen man sich erzählt, sie hätten „das -weite Gesicht".
Vermischtes.
* liefet» das Vermächtnis des verstorbenen sktrahburger Bankiers Staehling an August Bede l meldet die sozialdemokratische „Leipz. Bolksztg." folgendes: Bebet erhielt die Nachricht von der ihm zuae- dachten Erbschaft erst vor einigen Tagen zugestellt, be- gteitet von, der in französischer Sprache abgefaßten Willens- Meinung des Verstorbenen. Dieser erklärt darin, er legiere 10 000 Franken an Bebet, nicht weil er ein Führer der sozialistischen Partei, sondern weil er ein Freund der Wahrheit sei und den Mut habe, allezeit zu sagen, wie er denke, so weit ihm dies erlaubt sei, und er glaube, daß es die Wahrheit sei, ferner, weil Bebel mit ihm (dem Erblasser in dem auf hie Spitze getriebenen Militarismus bo» stärkste Hindernis der Entwickelung der Menschheit sehe, daN entweder damit endigen iverde, das kontinentale Europa zum Nutzen Englands und Amerikas zugrunde zu richten oder zu einem schrecklichen Siege zu führen, den tat verhüten die Aufgabe jedes Menschenfreundes sein müsse. Im weiteren führt der Erblasser aus, sei er auch zu dem Legat veranlaßt worden, weil Bebel wiederholt den Mut gehabt, zu erklären, daß das einzige Heilmittel, diese verfahrene Situation ins Gleichgewicht zu bringen, eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich in Bezug auf Glsaß-Lothrmgen sei, da, wenn diese beiden ersten Kulturnationen des europäischen Kontinents sich verständigt hätten, für beide Länder eine Periode innerer Wohlfahrt beginne und der Friede der Welt gesichert sei. Der Erblasser hält es auch für angemessen, in dem Schriftstück zu erklären, daß Bebel von dem Legat keine Kenntnis habe. Das Testament ist am 6. März 1900 ausgestellt, als der Erblasser bereits im 84. Lebensjahre stand.
" Ein Meister des Witzes und der Satire war der verstorbene Justizrat Munckel. Aber seine Bedeutung in dieser Beziehung bestand darin, daß er die Pfeile seines Witzes und seines Spottes nicht allein versendete, um „Heiterkeit" oder „stürmische Heiterkeit" zu erzielen, vom denen die stenographischen Berichte über seine Reden im Reichstag und Landtag zu erzählen wissen. Vielmehr heimste er gerade durch diese Art, schwierige und delikate Fragen zu behandeln, ernste und sachliche Erfolge in Hülle und Fülle ein. So eröffnete er seinerzeit seine erfolgreiche Kampagne gegen die verhängnisvolle Tätigkeit des
Landgerichts direktors Brausewetter in att« scheinend harmlosester und humoristischer Art. „Bei uns in Berlin — so sagte er im Reichstag — ist es nicht nur von großem Unterschied, sondern auch von großer Bedeutung für Freiheit und Vermögen, mit welchem Buchstaben der Familienname des Menschen anfängt. Nämlich wegen der. Strafkammer, vor die man eventuell, kommt. (Heiterkeit.) Ich für meine Person kann darüber ganz unparteiisch sprechen, denn mit dem Buchstaben „M" komme ich vor die beste Strafkammer, die es hier in Berlin gtebt. (Stürmische Heiterkeit.)" — Nachdem er aus diese Weise das Ohr des Hauses gewonnen hatte, ging er gründlich auf die Übergriffe mancher Strafkammervorsitzenden ein, und ihm war es in erster Linie zu danken, daß die „Brausewetterei" schließlich ein Ende nahm. Daß Munckel aber andererseits auch sich als Verteidiger mit den Vorsitzenden und den Mitgliedern der Strafkammern vorzüglich zu stellen wußte, und auch dort durch Witz und Humor viel erreichte, beweist eine kleine Geschichte, die er selbst gern zu erzählen pflegte. Im Beginn seiner Anwaltstätigkeit hatte er einen Knaben zu verteidigen, der sich mehrmals den törichten Scherz gemacht hatte, einem Schutzmann zuzurufen „Adje Aujust". Der Schutzmann hatte schließlich den Uebeltäter ergriffen, und eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung sollte das Verbrechen sühnen. Am Tatbestand war nicht zu rütteln, und deshalb beschränkte Munckel sein Plaidoyer auf folgende Ausführungen: „Die landläufige Ansicht, daß in der Anrede August, ober Berlinisch gesprochen Aujust, etwas Beleidigendes liege, ist gänzlich unzutreffend. Wenn beispielsweise der Herr Vorsitzende nach Verkündigung der Freisprechung meines Klienten mir zuriefe „Adje Aujust", so würde ich weit davon entfernt sein, hierin eine Beleidigung zu erblicken, ich würde vielmehr einen Ausdruck mich ehrender Vertraulichkeit darin sehen." Die Richter, denen bekannt war, daß Munckel mit Vornamen August hieß, zogen sich, nur mit Mühe ihren Ernst bewahrend, ins Beratungszimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschienen sie wieder, und der Vorsitzende verkündete die Freisprechung des Angeklagten. „Nun habe ich aber noch", sagte der Vorsitzende, „einen persönlichen Auftrag des Kollegiums an den Herrn Verteidiger zu bestellen: „Adje Aujust. . ." Munckel machte eine tiefe Verbeugung und verließ die Verteidigerbank.
Alt-Heidelberg, du feine.*)
O Neckartal, wie bist du schön. Wenn langsam in der Abendstunde Ter Mond sich hebet von den Höh'n Und froher Sang tönt in der Runde! — O Neckarstadt, wie bist du fein. Vom Mondlicht silberhell umflossen, Wenn über Stadt und Schloß und Stein Liegt stiller Zauber ausgegossen;
Wenn Mondesglanz den Fluß umflimmert Und eine Zauberbrücke zimmert. Worauf die Geister uus'rer Lieder Gespenstisch wandeln auf und nieder. —i Tann muß Alt-Heidelberg ich preisen, Tann grüß' ich dich, mein altes Schloß! Tann hör' ich fern die durst'gen Weisen Von Rodensteiners Geistertroß! —>
* * *
Tann lasset fröhlich uns das Glas ergreifen Und dankbar laßt Alt-Heidelberg es weih'n! —. Laßt in die Ferne drauf die Blicke schweifen: Tas zweite Glas, es soll dem Liebchen sein! —i
So geht es weiter in der Tafelrunde — Hier strömet Wer, dort funkelt edler Wein. ' j Tem Glücklichen schlägt hier ja keine Stunde: Alt-Heidelberg! Gepriesen sollst du fein!
*) Wir entnehmen dies nette Gedicht dem Brief eines Freundes unseres Blattes.
Sitbatton: August Götz. — Notationsdruck und Verlag der Brühl'sckcn tinivcrsttöts-Vncki- und Etcindruckerei (Pietsch Erben) in Gießen.


